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Warten auf das Wunder

Das teuerste Konjunkturprogramm der Welt scheint Wirkung zu zeigen: Die Talfahrt der ostdeutschen Wirtschaft wird allmählich gebremst. Die Baubranche macht bereits gute Geschäfte, die Auftragsbücher vieler Firmen beginnen sich langsam zu füllen. Hoffnung macht sich breit. Doch die Arbeitslosenzahlen steigen weiter.
aus DER SPIEGEL 33/1991

Rathaus und Bahnhof sind mit monströsen Gerüsten verstellt, überall in Leipzig wird gebuddelt, gebaggert und planiert. Fußgänger stolpern im Clara Zetkin Park über die Kabelstränge der Telekom. Autofahrer teilen sich den dreispurigen Cityring mit Betonmischern.

»Aufschwung ist ätzend«, flucht ein genervter Taxifahrer. Die Bild-Lokalausgabe jubelt: »Leipzig wird wieder Klein-Paris.«

Der Bauboom hat begonnen. Die ostzonale Tristesse verschwindet aus den Städten. Frische Farbe schönt einst graue Fassaden. Vor den Toren aller Oststädte entstehen Gewerbeparks und Einkaufscenter.

»The new Germany«, kommentiert euphorisch das amerikanische Wall Street Journal, »will make it.«

Zehn Monate nach der Einheit sind erste Zeichen des wirtschaftlichen Neubeginns unübersehbar. In einigen Branchen beginnt sich der Umschwung bereits abzuzeichnen, einzelne Betriebe melden sogar gute Geschäfte. Das Stimmungstief scheint überwunden.

Soweit die gute Nachricht. Der wirtschaftliche Niedergang ist allerdings noch nicht beendet. Die Arbeitslosenzahlen werden weiter steigen, viele Betriebe werden noch schließen.

Daß Niedergang und Neuaufbau zeitgleich verlaufen, verwirrt ökonomische Laien, auch die in höchsten Ämtern. Erst kürzlich verkündete Kanzler Kohl, es gehe im Osten aufwärts. Fast täglich behauptet SPD-Chef Björn Engholm das Gegenteil. Beide haben recht.

Der kleine Aufschwung hat den großen Crash nur gedämpft. Er ist vor allem die Folge eines beispiellosen Milliarden-Transfers.

140 Milliarden Mark überweist der Westen allein in diesem Jahr. Westdeutschland finanziert rund zwei Drittel des östlichen Sozialprodukts. Nie zuvor hat eine starke Volkswirtschaft eine schwache Volkswirtschaft derart umfassend alimentiert.

Gegen das Konjunkturprogramm der Kohl-Regierung wirkt selbst die Marshallplan-Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg bescheiden. Gerechnet in heutigen Preisen, subventionierte der Marshallplan jeden Bundesbürger mit 800 Mark pro Jahr. Das Bonner Programm bringt dem Ostler die elffache Summe.

Geld allein löst die Probleme nicht. Die Industrieproduktion der neuen Bundesländer schrumpfte auf ein Drittel des DDR-Niveaus. Das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller dort produzierten Waren und Dienstleistungen, wird 1991 nach einer Schätzung des Münchner Ifo-Instituts gegenüber dem von 1990 erneut um rund 25 Prozent absacken.

Doch das Tempo des Niedergangs verlangsamt sich. Im Sommer 1990 meldete jedes zweite Ost-Unternehmen Produktionsrückgänge, jetzt sind es nur noch zwölf Prozent. Die Hälfte der Firmen rechnet laut Ifo-Umfrage für das zweite Halbjahr mit einem Auftragsplus.

Die Deutsche Bundesbank, bislang nicht durch Schönfärberei aufgefallen, spricht in ihrem Juli-Bericht von »ersten Anzeichen für ein Ende der Talfahrt«. Ihr neuer Präsident, Helmut Schlesinger, erwartet in Kürze sogar Wachstumsraten im Osten, »spätestens 1992«.

Dieter Luft, 39, ist seiner Zeit voraus. Der Vorstandschef der Berliner Elpro AG legte am Mittwoch vergangener Woche als erster Ostmanager seine Bilanz öffentlich vor. Luft hatte eine Rarität zu bieten: schwarze Zahlen.

Bereits das zweite Halbjahr l990 schloß die Elpro ohne Verlust ab. Im ersten Halbjahr dieses Jahres erwirtschaftete der Elektro- und Anlagenbaukonzern (Planumsatz 1991: 400 Millionen Mark) ein Plus von einer Million Mark.

Radikaler als andere hat Luft den Verwaltungsapparat des einst 4800-Mann-Unternehmens gekappt. Rund 2000 Bleistifthalter aus den Büroetagen mußten gehen. Angeheuert wurde statt dessen Vertriebspersonal.

Gegen die Westkonkurrenz von AEG und Siemens ergatterten die Ost-Berliner einen Großauftrag zur Modernisierung der Berliner S-Bahn. Auch beim Hafenausbau in Hamburg und beim Airport-Neubau in München ist das Unternehmen dabei. Rund 30 Prozent der Umsätze werden mittlerweile im Westen erlöst. Schon klagt der Vorstandschef über Fachkräftemangel.

Elpro ist der Ausnahmefall. Wann folgen die anderen Ost-Betriebe? Die Trendwende ist in den Auftragsbüchern vieler Großbetriebe bereits ablesbar. Die leeren Seiten füllen sich, wenn auch langsam.

Die Baukema AG, einst mit 18 500 Beschäftigten größter Baumaschinenhersteller der DDR, hat im ersten Halbjahr 1991 nur 5 Bagger und 3 Straßenwalzen verkauft. Im zweiten Halbjahr sind immerhin 30 Bagger und 40 Walzen bestellt.

Der Leipziger Kranbauer Takraf AG steigerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr um zwölf Prozent. Die Magdeburger Sket Schwermaschinen- und Anlagenbau AG hat ihr Westgeschäft seit der Währungsunion sogar vervierfacht.

Gewinn erwartet in diesem Jahr keines der einstigen Großkombinate. »Aber die roten Zahlen«, sagt Takraf-Finanzvorstand Hans-Jürgen König, »werden jetzt nicht mehr röter.«

Weil die Westmärkte schwer zu erobern sind, umwerben die Betriebe erneut ihren Großabnehmer von gestern, die Sowjetunion. Lieferungen für 5,6 Milliarden sind bereits mit den Sowjets fest verabredet. Bonn bürgt für die Bezahlung.

Die Baukema AG wird in den nächsten Monaten Asphalt- und Betonmischanlagen in die Sowjetunion liefern. Volumen: 450 Millionen Mark. Aufsichtsratschef Heinrich Axer war zunächst sprachlos, als ihm die Kaufverträge vorgelegt wurden. Empört rief er schließlich: »Dieses Geschäft ist doch in höchstem Maße unseriös.«

Der Westler, ehemals Vorstandschef des Mannheimer Baumaschinenherstellers Vögele, empfand den Preis, den die Sowjets zu zahlen haben, als »gnadenlos überzogen«. Der herbeigerufene Vorstand nickte und schwieg. Technikvorstand Horst Schulze später: »Wir haben die Kritik als Lob verstanden.«

Im Inland ist mit Schlitzohrigkeit allein wenig zu erreichen. Hier zählen Preis und Leistung. Viele Ostler tun sich mit dieser Mischung noch schwer.

»Umdenken braucht Zeit«, sagt der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer. Er verpflichtete seine Bürgermeister und Landräte, bei Aufträgen Ostfirmen zu bevorzugen. Die einheimischen Bautrupps dürfen fünf Prozent, in Ausnahmefällen sogar zehn Prozent teurer sein als der Westkonkurrent. Schommer will so »die unternehmerischen Gene der Sachsen zum Wachsen bringen«.

An Geld herrscht kein Mangel. Fünf Milliarden Mark hat Bonn den Ost-Kommunen im Januar fürs Bauen überwiesen. Jede zweite Mark ist schon vergeben. Bei den Ost-Baufirmen stiegen die Auftragszahlen sprunghaft an: plus 25 Prozent im Wohnungs- und Gewerbebau, plus 30 Prozent im Straßenbau.

Weil der Bau boomt, machen auch Maler, Klempner und Elektriker gute Geschäfte. Die Zahl der selbständigen Handwerksbetriebe stieg von ehemals 80 000 auf über 130 000; und es werden immer mehr.

Viele Ostdeutsche melden ein eigenes Gewerbe an, doch viele fliehen nur aus Angst vor der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit. Worauf sie sich einlassen, ahnen nur wenige. Gewinnbringende Geschäftsideen sind rar.

Videotheken und Imbißbuden entstehen überall. Aber auch Schlemmer-Restaurants, Fahrschulen und Fitneßstudios werden eröffnet. Nur die Namen klingen noch ostzonal: In Leipzig gibt es jetzt »Hemden-Fix« und »Foto-Flott«, Ost-Friseure nennen sich gern »Salon Variante«.

Noch ist die Gründerszene wirtschaftlich schwach. Mehr als ein Drittel aller Firmen schlossen das Geschäftsjahr 1990 mit Verlust ab. Experten vermuten, daß rund 50 Prozent der Existenzgründer wieder aufgeben.

Andreas Lamla, 36, könnte es packen. Der Ost-Berliner baute aus dem Nichts die Lebensmittelkette Park-Markt auf. In seinen zehn Läden mit insgesamt 2200 Quadratmetern verkauft er ausschließlich Ostprodukte. Sein unausgesprochenes Motto: Hauptsache billig.

Lamlas Laden wirkt wie ein Museum für DDR-Lebensart. Kistenweise steht der süß-klebrige Rotkäppchen-Sekt in den Regalen, daneben der Rotwein »Kaminfeuer« aus Sofia. Schulkinder ordern das prickelige DDR-Brausepulver, die Eltern packen sich die Essiggurken der LPG »Thomas Müntzer« in den Korb. Selbst das kratzige Klopapier (DDR-Spott: »Damit der letzte Arsch noch rot wird") ist plötzlich ein Verkaufsschlager. Die rauhe Rolle kostet nur Pfennigbeträge.

Lamlas Konzept scheint aufzugehen. Für 1991 erwartet er einen Umsatz von 15 Millionen Mark. Die Gewinne will er investieren, in Magdeburg sollen zehn weitere ParkMärkte eröffnen.

Seit auch der Westhandel Ostware ordert, kommt die Nahrungsmittelindustrie wieder zu Kräften. In viele Firmen sind Westkonzerne eingestiegen. Philip Morris produziert in Dresden und Berlin die Ost-Zigaretten F6 und Karo, der Düsseldorfer Henkel-Konzern in Genthin das Waschmittel Spee, fast alle Brauereien sind in West-Besitz.

Von der Zahl und dem Engagement der privaten Investoren hängt der Wirtschaftserfolg im Osten ab. Nur wenn der Investor Staat vom Privatkapital abgelöst wird, kann der Aufschwung gelingen.

Gleich nach der Wende kamen die Privaten - Mittelständler, Großkonzerne und Spekulanten - in Scharen. Sie witterten das große Geschäft. Als das nicht gleich anlief, zogen viele ernüchtert wieder ab.

Inzwischen aber sind viele Hemmnisse beseitigt. Die Treuhand funktioniert nach zähem Start einigermaßen, die Verwaltung kommt langsam in Gang. Selbst Grundstücke sind inzwischen zu haben.

In den Kaufverträgen mit der Treuhand sind bis heute rund 65 Milliarden Mark als Investitionssumme verbindlich zugesagt. Mit dem Tempo der Privatisierung beschleunigt sich auch der Kapitalfluß.

Das Lieblingsland der Investoren ist Sachsen. Das traditionelle Industriedreieck Chemnitz-Dresden-Leipzig lockte Großunternehmen wie Quelle, VW und den Elektrokonzern Siemens. »Wir werden das Silicon Valley des Ostens«, jubelte übermütig der Leipziger Landrat Siegfried Horn.

Auf dem Tisch des Dresdner Wirtschaftsministers stapeln sich die Förderanträge. Bis zum Freitag vergangener Woche hatten 356 Unternehmen an Schommer geschrieben und Investitionen in Höhe von 15 Milliarden Mark angemeldet. Sie lockt die 23prozentige Investitionszulage. Der Sog der Subventionen hat eingesetzt.

Ob der Kapitalfluß in Richtung Osten ausreicht, weiß heute niemand. Auf das zweite deutsche Wirtschaftswunder muß weiter gewartet werden, möglicherweise bis weit in das nächste Jahrtausend.

Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds braucht die Ex-DDR bis zum Jahr 2000 jährlich 120 Milliarden Mark an privaten Investitionen. Nur dann könne der Osten 80 Prozent des Westniveaus erreichen, sagen die Banker. Vieles spricht dagegen, daß diese Summen auf die schnelle zusammenkommen.

Trotz aller Zweifel schlägt die Stimmung im Osten um. Die meisten glauben: Das Schlimmste ist ausgestanden. Die jüngste Untersuchung des Allensbach-Instituts belegt, daß immer mehr Ostbürger hoffnungsfroh in die Zukunft blicken.

In einer internen Analyse »zur Stimmungslage der ostdeutschen Bevölkerung« kommt die Hauptabteilung Volkswirtschaft der Frankfurter Bundesbank zum selben Ergebnis. Die Banker sehen in ihrem Fazit »den Hoffnungsfunken glimmen«.

Die Politiker tun alles, um die Hoffnung zu schüren. Die Bonner Regierung liefert die Sprüche (Kohl: »Das Bild hat sich grundlegend zum Besseren gewandelt"), die Treuhand unter Führung der CDU-Politikerin Birgit Breuel ist für die Zahlenbelege zuständig. Kleine Tricksereien sind dabei anstaltsüblich.

Unter der Überschrift »Treuhandfirmen im Aufwind« hat die Treuhandchefin vergangenen Donnerstag einen neuen Erfolg verkündet: 42 Prozent der Firmen aus dem Fahrzeugbau, so der vorbereitete Pressetext für den Auftritt, schreiben bereits schwarze Zahlen.

Die frohe Botschaft ist eine Falschmeldung. In einer internen Aktennotiz der Treuhand schrieb der Chef-Dokumentarist an seine Oberen: »Die Zielstellung der Pressenotiz ist etwas schöngefärbt.« Zwölf Firmen, die ins Minus rutschten, seien unberücksichtigt geblieben. »Im Interesse des Image der Treuhandanstalt«, so die Aktennotiz, »sollte dies jedoch zulässig sein.« o

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