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BANKEN Warten bringt nichts

Trotz der hohen Zinsen für Überziehungs- und Ratenkredite verschulden sich die Bundesbürger mehr denn je.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) sorgt sich um das Wohlbefinden ihrer Kunden: Sie möchte ihnen das »Wurmgefühl« ersparen.

»Mit Geld«, zitiert die BfG-Kundenzeitschrift die alten Japaner, »bist du ein Drache -- ohne Geld ein Wurm.« Und dieses Wurmgefühl habe doch nun wirklich »keiner mehr nötig«.

In der Tat, Geld ist heutzutage auch für den kleinen Verbraucher, wenn er mal klamm ist, leicht zu beschaffen. Die Bank hat immer welches.

Ohne große Umstände, so locken die Kreditinstitute, kann jeder, der ein regelmäßiges Einkommen bezieht, Kredit bekommen. Und obwohl die Zinsen seit über einem Jahr ständig steigen, machen die Deutschen von den Möglichkeiten reichlich Gebrauch.

Bauherren sind bereits durch die hohen Zinsen verschreckt und zögern, die teuren Hypothekendarlehen zu beantragen. Aber mit kurzfristigen Konsumentenkrediten verschulden sich die Bundesbürger noch immer, als gäbe es die umsonst.

Am leichtesten kann der Bankkunde mehr ausgeben, als er hat, indem er sein Konto überzieht. Den Spielraum dieses Dispositionskredites bemißt die Bank nach seinem regelmäßigen Einkommen -- das Konto kann um zwei bis sechs Gehälter überzogen werden.

An diesem »erfreulich einfachen Verfahren« (BfG) finden die Westdeutschen immer mehr Gefallen. Zum letzten Jahresultimo hatten die Bundesbürger sich auf ihren Girokonten mit insgesamt 15 Milliarden Mark verschuldet.

Daß die Banken und Sparkassen sich ihre scheinbare Großzügigkeit mit einem stattlichen Zins bezahlen lassen, stört die meisten Kunden offensichtlich wenig. Die Zinsen für Dispositionskredite kletterten seit Anfang 1979 von 7,29 auf 10,39 Prozent am Jahresende. Aber der Schuldenberg wuchs im gleichen Zeitraum ebenfalls um 2,3 Milliarden Mark.

Obwohl der Kunde inzwischen für jeden überzogenen Tausender -- aufs Jahr gerechnet -- 125 Mark draufzahlt, scheint die Neigung zum Schuldenmachen seit Jahresbeginn noch zu wachsen.

Mit Eifer nehmen die Deutschen auch nach wie vor Kleindarlehen bis 30 000 Mark auf, die sie dann mit festen Raten in höchstens sechs Jahren abzahlen müssen. Außer Autos und Möbel werden damit zunehmend auch Urlaubsreisen bezahlt.

Allein im vergangenen Jahr hatten die Deutschen 93 Milliarden Mark Ratenschulden -- das waren 14,3 Milliarden mehr als im Vorjahr. Dabei war der Zins beinahe Monat für Monat gestiegen.

Noch vor einem Jahr, im März 1979, verlangten die Banken für Ratenkredite einen monatlichen Zins von 0,33 Prozent, im April 0,36, im August bereits 0,43 Prozent. Das entspricht einem Jahreszins von 9,5 Prozent.

Jetzt kostet das Kleindarlehen monatlich 0,55 Prozent, aufs Jahr gerechnet 12,18 Prozent. Teilzahlungsbanken, etwa die Kundenkreditbank (KKB), verlangen ihren Schuldnern ab 1. April sogar 15,06 Prozent Jahreszins ab.

So machen die Zinsen für einen Vierjahres-Kredit von 10 000 Mark bei einer der Großbanken derzeit 2640 Mark aus. Für einen 30 000-Mark-Kredit, der über fünf Jahre läuft, müssen sogar 9900 Mark gezahlt werden.

Die Kreditnehmer zeigen sich von solchen Rechnungen erstaunlich wenig beeindruckt -- oder machen sie gar nicht erst auf. Das Gros der Schuldenmacher, glaubt Erich Karsten von der Dresdner Bank, hat die hohen Zinsen »mittlerweile akzeptiert«. Die Kunden wüßten, »billiger wird nichts, Warten bringt nichts«.

Allzusehr drücken darf die Schuldenlast aber offenbar nicht. Werden die monatlichen Raten wegen der Zinsen zu hoch, handeln die Kreditnehmer neue Bedingungen aus: Sie stottern das Darlehen -- mit kleineren Raten -über einen längeren Zeitraum ab.

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