Trotz fallendem Ölpreis Darum sind Benzin und Diesel immer noch teuer

Rohöl ist derzeit so billig wie seit fast 18 Jahren nicht mehr. Doch auf die Treibstoffpreise an den Tankstellen schlägt die Entwicklung nur begrenzt durch. Werden Autofahrer abgezockt?
Tankstelle in Augsburg: "Kraftstoffe müssten preiswerter werden"

Tankstelle in Augsburg: "Kraftstoffe müssten preiswerter werden"

Foto: Jan Huebner/ imago images

Die internationalen Ölmärkte kollabieren, doch an den Zapfsäulen in Vreden ist davon nichts zu sehen. Stolze 1,209 Euro verlangte die Star-Tankstelle in der westfälischen Stadt am Mittwochmorgen für einen Liter Diesel. Das sind sechs Cent mehr als am 8. März: dem Tag vor dem großen globalen Ölpreis-Crash. Auch Super E10 und Super haben sich leicht verteuert.

Seit fast 18 Jahren wurde Erdöl an den weltweiten Rohstoffmärkten nicht mehr so verramscht wie derzeit, da das Coronavirus die Weltwirtschaft lähmt und Saudi-Arabien sich mitten in der Krise einen Preiskrieg mit anderen Förderern um die Vorherrschaft am Markt liefert. Ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent war am Montag zeitweise für 22,58 Dollar zu haben; ein Fass der US-Referenzsorte WTI sogar für unter 20 Dollar. Die Preise sind seit Anfang März um die Hälfte eingebrochen.

Aber Autofahrer und Heizölkäufer in Deutschland haben kaum etwas davon. Laut den Daten des Preisportals clever-tanken.de  kostet ein Liter Diesel im Bundesdurchschnitt immer noch 1,11 Euro und Super E10 gut 1,21 Euro. Und für den Liter Heizöl werden bei einer 3000-Liter-Lieferung an Endkunden nach Angaben der Preisvergleichsplattform heizoel24.de  gut 55 Cent verlangt.

"Luft nach unten"

"Wenn der Ölpreis so dramatisch fällt, müssen die Kraftstoffe an der Tankstelle auch deutlich preiswerter werden", fordert ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand gegenüber dem SPIEGEL. "Das ist noch nicht in ausreichendem Maß geschehen. Bei den Tankstellenpreisen ist noch einige Luft nach unten drin."

Wie teuer der Sprit und das Heizöl sind, zeigt der Vergleich mit Anfang 2016. Damals wurde ein Fass Brent zeitweise bei 27 Dollar gehandelt, der Euro-Dollar-Kurs war ähnlich wie jetzt, die Mineralöl- und Umsatzsteuersätze waren dieselben wie heute. Obwohl das Rohöl 2016 also teurer war als heute, waren die Endprodukte deutlich preiswerter. Ein Liter Diesel etwa kostete im Bundesdurchschnitt zeitweise nur 0,965 Euro. Heizöl war für knapp 40 Cent zu haben.

Das Verkehrsaufkommen ist drastisch gesunken

Zocken die Konzerne aktuell also die Endverbraucher ab? "Es ist richtig, dass die Preis zurzeit nicht so niedrig sind, wie sie sein könnten", sagt ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes. Das liege vor allem an den Auswirkungen der Coronakrise. Diese führe zu einem "signifikant" geringeren Absatz von Benzin und Diesel. Die Fixkosten von Tankstellen oder Raffinerien etwa für Pacht, Personal oder Strom liefen aber unvermindert weiter. "Deshalb müssen die Unternehmen jetzt die gleich hohen Fixkosten auf weniger Kunden umlegen." Das hieße: höhere Kosten pro Liter.

Tatsächlich hat der Verkehr in den vergangenen drei Wochen drastisch abgenommen. Auf den Straßen Hamburgs und Berlins beispielsweise waren am vergangenen Freitag kaum mehr als halb so viele Autos unterwegs wie an einem normalen Freitag. In München, wo strengere Ausgangsbeschränkungen gelten, ist die Verkehrsdichte am Freitag sogar auf 43 Prozent gesunken - siehe folgendes Diagramm.

Die Prozentangaben beruhen auf Verkehrsdaten des Navigationsanbieters TomTom, der Daten von Millionen Fahrzeugen weltweit anonymisiert einsammelt. Die Zahlen aus den vergangenen drei Wochen wurden mit denen aus der letzten Januarwoche in Relation gesetzt, als Corona noch keine Rolle spielte. Wenn weniger Autos in Deutschland unterwegs sind, verbraucht das Land auch insgesamt weniger Treibstoff.

Doch müssen deshalb die Preise oben bleiben? Ein langjähriger Kenner der Branche hält die Argumentation der Tankstellenbetreiber für vorgeschoben. "Wenn die Nachfrage nach Kraftstoff fällt, müssten die Preise eigentlich noch stärker sinken", sagt er. "Die Kraftstoff- Anbieter nutzen den Preisverfall beim Rohöl und die Coronakrise aus, um Marge zu machen. Die Menschen haben gerade andere Sorgen als den Preisvergleich an der Tankstelle."

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Richtig Umsatz machen die Anbieter gerade beim Heizöl. Denn die Coronakrise scheint viele Deutsche zu Heizöl-Hamsterern zu machen. Im März wurde laut heizoel24.de  je nach Vertriebskanal zwischen drei und fünf Mal so viel Heizöl bestellt wie im März 2019. Entsprechend stauen sich die Lieferungen. "Die Lieferfristen reichen bis in den Juni hinein", sagt der Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands. Und: "die stark steigende Nachfrage sorgt für eine Gegenbewegung zum Preisrutsch" an den Rohölmärkten. Hinzu kommt eine Verknappung des Angebots, da einige Raffinerien ihre Produktion herunterfahren.

"Rein rechnerisch müssten die Heizölpreise deutlich niedriger liegen, als derzeit am Markt zu beobachten ist", sagt Steffen Bukold, Chef des Hamburger Beratungshauses Energy Comment. "In Süddeutschland liegen die Preise sogar weit über den rechnerischen Werten." In München etwa verlangen die günstigsten Anbieter rund 65 Cent pro Liter - und damit gut 15 Cent mehr als in Hamburg. "Hier ist es eindeutig so, dass der Handel seine Margen stark erweitert hat", resümiert Bukold.

Der hohe Heizölpreis wiederum zieht auch den Dieselpreis nach oben. Schließlich sind beide Produkte eng miteinander verwandt. Und so ist Diesel im Vergleich mit Benzin gerade besonders teuer: Während die Steuerbelastung rund 22 Cent geringer ist, ist der Preisunterschied an der Zapfsäule im Schnitt nur knapp halb so groß.

ADAC-Verkehrspräsident Hillebrand meint: Die Autofahrer können selbst dafür sorgen, dass die Anbieter ihre Preise senken. Er empfiehlt ihnen, vor dem Tanken die Preise zu vergleichen. "Wer die teilweise erheblichen Preisunterschiede zwischen verschiedenen Tankstellen und Tageszeiten nutzt, spart bares Geld und stärkt zudem den Wettbewerb zwischen den Anbietern."

Im westfälischen Vreden ist allerdings von einem Preiswettbewerb allerdings wenig zu spüren. Die Dieselpreise der drei anderen Tankstellen wichen am Mittwochmorgen höchstens um einen Cent von dem der "Star"-Tankstelle ab. Beim Marge-Machen ist man sich offenbar einig.