Langsame Impfstoffproduktion Warum wir jetzt über »Kriegswirtschaft« sprechen müssen

Moritz Schularick
Gustav Oertzen
Ein Gastbeitrag von Moritz Schularick und Gustav Oertzen
Der Corona-Impfstoff kommt nur langsam nach Deutschland, die Kosten des Wartens sind enorm. Der Staat muss alle Ressourcen mobilisieren, um die Produktion auszuweiten – und notfalls selbst neue Fabriken bauen.

Etwa 3700 Liter des Wirkstoffs des Mainzer Unternehmens Biontech brauchen wir, um alle Einwohner Deutschlands mit je zwei Dosen gegen das Coronavirus zu impfen. Das entspricht etwa fünfzehn vollen Badewannen und klingt erst mal nicht viel. Aber nach den aktuellen Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn wird es noch Monate dauern, bis auch nur die ersten Badewannen voll sind.

Die Kosten des langen Wartens sind enorm. Jeder Monat im Lockdown kostet uns mehr als 10 Milliarden Euro, rund 500 Millionen Euro pro Arbeitstag. Und mit jedem Tag, der vergeht, steigt auch das Risiko, dass das Virus mutiert, wie jetzt in Großbritannien. Und ganz vorbei ist der Spuk nur, wenn auch die Bevölkerung im Rest der Welt geimpft ist. Auch dafür brauchen wir viel größere Produktionskapazitäten.

Angesichts der enormen Kosten wäre die beste Wirtschaftspolitik, alle Ressourcen zu mobilisieren, um ausreichend Dosen zu produzieren. Wir sollten gerade mit Hochdruck Kapazitäten ausweiten, andere Unternehmen mit Lizenzproduktion beauftragen oder sogar neue Fabriken aus dem Boden stampfen. Auch über die Feiertage. Aber es passiert wenig.

Wenn wir wirklich »im Krieg« mit dem Virus wären, dann würde der Staat die Regie übernehmen und alle Ressourcen auf diese zentrale Aufgabe bündeln, Patente übernehmen und die Produktion lizenzieren. Aber zwischen Rhetorik und Wirklichkeit klafft ein weiter Graben.

Es gibt auch gute Gründe, auf gewerbliche Produktion zu setzen, solange die Anreize stimmen. Aber davon verstehen die Verantwortlichen im Berliner Gesundheitsministerium offenbar wenig. Keine Frage: auch die Entwickler des ersten Impfstoffes, Biontech-Gründer Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci, sehen die wichtigste Aufgabe in der Ausweitung der Produktion.

Aber aus Sicht einer Firma wie Biontech oder ihres US-Partners Pfizer und der Aktionäre ist es finanziell alles andere als verlockend, die Produktionskapazität so schnell hochzufahren, dass die ganze Welt in sechs Monaten versorgt wird. Denn die gebauten Anlagen würden danach ungenutzt herumstehen, die Erträge wären deutlich niedriger. Gewinnmaximierend wäre dies nicht.

Und genau hierin liegt das Problem. Die Hersteller des Impfstoffes haben zurzeit keinen Anreiz, die Produktion massiv auszuweiten. Sie würden sich dadurch finanziell sogar schlechter stellen. Das jetzige Modell mit Bestellungen und Lieferung nach Möglichkeit ist für die Hersteller optimal. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es das nicht. Im Gegenteil: Als Gesellschaft haben wir ein überragendes gesundheitliches und ökonomisches Interesse an einer rapiden Produktionsausweitung. Dieser Interessengegensatz muss so schnell es geht aufgelöst werden.

Dafür gibt es zwei denkbare Modelle. Das erste besteht darin, dass der Staat Zuschüsse zur Produktion oder zusätzliche Prämien für schnellere Lieferungen gibt. Schon ein Zuschuss in Höhe der wöchentlichen Kosten des Lockdowns (rund 2,5 Milliarden Euro) wäre für die Hersteller ein erheblicher Anreiz, die Produktion zu beschleunigen. Es würde Biontech und Pfizer zudem in die Lage versetzen, ihre Zulieferer für die Kosten der Beschleunigung zu bezahlen. Denn auch dort müssen Überstunden gemacht und neue Kapazitäten geschaffen werden.

Natürlich wäre ein solcher Zuschuss teuer im Vergleich zu den bestellten Dosen. Er wäre aber immer noch billig im Vergleich zu den laufenden Kosten, die das Coronavirus verursacht. Auch die Entwicklungsländer würden von den schneller hochgefahrenen Produktionskapazitäten profitieren und den Impfstoff noch im Jahr 2021 statt in 2022 oder 2023 erhalten.

Aber auch in diesem Modell gibt es keine Garantie, dass die Unternehmen wirklich die Produktion bis zum sozialen Optimum ausweiten. Im zweiten Modell würde der Staat deshalb auf Corona-»Kriegswirtschaft« umstellen und dirigistisch eingreifen. Die Abrechnung mit den Unternehmen, deren Patente man gekapert hat, erfolgt dann später, wenn das Virus besiegt ist.

Aber auch hier gibt es Risiken und Nebenwirkungen. Zum einen ist nicht klar, wie effizient der Staat die komplexe Produktion managen könnte. Zum anderen ist nach der Pandemie vor der Pandemie. Kein Zweifel, dass Forscher wie Şahin und Türeci auch beim nächsten Mal alles stehen und liegen lassen, um einen Impfstoff zu entwickeln. Aber ob die Geldgeber wieder mitspielen, ist eine andere Frage und dürfte davon abhängen, wie die Endabrechnung zwischen Staat und Unternehmen diesmal aussieht.

Eine Kombination von Zuckerbrot und Peitsche ist denkbar und am Ende vielleicht notwendig: Zuschüsse und finanzielle Anreize zur Produktionsausweitung als erster Schritt und angekündigte staatliche Eingriffe, wenn auch diese nicht zu einer sichtbaren Produktionsausweitung in einem engen Zeitfenster führen.

Klar ist, dass die Kosten der schleppenden Produktion des Impfstoffes gesundheitlich und ökonomisch unvertretbar sind. Sie werden über kurz oder lang auch politisch untragbar werden. Wir brauchen daher dringend einen Plan B, um die fünfzehn Badewannen zu füllen.

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