Energiewende Rückkehr der Gaskraft

Gas ist so billig wie seit Jahren nicht mehr. Privatkunden spüren davon kaum etwas, aber fürs Klima ist das gut: Moderne Gaskraftwerke könnten tatsächlich bald die Kohlemeiler ablösen.
Eben noch in Frührente, jetzt Hoffnungsträger: Block 5 des Kraftwerks Irsching in Vohburg an der Donau

Eben noch in Frührente, jetzt Hoffnungsträger: Block 5 des Kraftwerks Irsching in Vohburg an der Donau

Foto: Tobias Hase/ DPA

Jahrelang hat Deutschlands einst modernstes Gaskraftwerk nahezu stillgestanden, damit soll bald Schluss sein. Mehr als 700 Millionen Euro hatten Eon Ruhrgas und andere Konzerne in den Bau der beiden Blöcke 4 und 5 des Kraftwerks Irsching nahe Ingolstadt gesteckt.

Doch bald nach deren Eröffnung 2010 und 2011 nahmen sie die Wunderwerke der Technik immer öfter außer Betrieb. Wegen des hohen Gaspreises war der Strom aus Irsching zu teuer, stattdessen liefen Braun- und Steinkohlemeiler bundesweit auf Hochtouren. 2014 produzierten die beiden Blöcke nicht eine einzige Kilowattstunde Elektrizität.

Aber die Bundesnetzagentur verbot die Stilllegung. Sie wollte Irsching vorhalten: als Reserve für Netzengpässe. Und so mussten Mitarbeiter die tonnenschweren Hightech-Turbinen immer wieder mal um die eigene Achse drehen, damit sie sich nicht verformten.

Gaskraftwerk in Frührente

Das "Gaskraftwerk in Frührente", wie die NDR-Satiresendung "extra3" spöttelte, war der Inbegriff für Fehlentwicklungen in der Energiewende. Aber nun wollen die Eigentümer die vermeintliche Investitionsruine wieder aktivieren. Denn mit Strom aus Erdgas lässt sich wieder gutes Geld verdienen - moderne Gas-und-Dampf-Kraftwerke (GuD) können zurzeit billiger Elektrizität produzieren als Kohlekraftwerke. Wohl auch deswegen standen zuletzt auffällig viele Kohlemeiler still.

Die Preise für Erdgas sind eingebrochen - im Großhandel, wohlgemerkt. Am niederländischen Referenzmarkt TTF etwa kostete eine Megawattstunde des Brennstoffs zuletzt zeitweise nicht einmal mehr vier Euro - so wenig wie seit mindestens 15 Jahren nicht mehr. "Wir erleben gerade den perfekten Sturm für die Gaspreise", sagt Hanns Koenig, Marktexperte des Beratungshauses Aurora Energy Research. "Es ist viel Angebot auf dem Markt, durch die Coronakrise ist die Nachfrage schwächer als erwartet – und nach dem warmen Winter sind die Speicher außerordentlich voll." Ähnliche Probleme hatten vor einigen Wochen Erdölproduzenten auf dem US-Markt. Da sie ihr Zeug nicht loswurden, mussten sie den Käufern Geld dafür bezahlen, dass sie es ihnen abnahmen.

Werden nun auch die Erdgaspreise negativ? Laut Simon Schulte vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI) sind in Deutschland die Speicher schon zu rund drei Vierteln gefüllt - außergewöhnlich für diese Jahreszeit. Dennoch sei ein Preisabsturz unter null unwahrscheinlich. "Norwegen und die USA", sagt Schulte, "drosseln bereits ihre Produktion." Und weil Europas Industrie nach dem Ende der Lockdowns nun wieder mehr Strom verbraucht, wird auch mehr Gas in Kraftwerksturbinen verfeuert werden.

Der größte Lockdown-Gewinner waren die erneuerbaren Energieträger. Im bisherigen Jahresverlauf haben sie laut dem Fraunhofer/ISE-Institut gut 56 Prozent Anteil an der Nettostromerzeugung. Sie genießen Einspeisevorrang, das heißt Ökostrom kommt zuerst ins Netz. Allerdings liefern Wind- und Solarparks nicht rund um die Uhr gleichmäßig viel Elektrizität; die von der Industrie benötigte "Grundlast" werden fossile Kraftwerke daher wohl noch auf Jahre hinaus sicherstellen müssen. "Hocheffiziente und moderne Gaskraftwerke wie Irsching 4 und 5 sind im Prinzip besonders gut geeignet, ein Fundament für die stark schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonne zu bilden", sagt David Bryson, Vorstandsmitglied der Eon-Nachfolgegesellschaft Uniper.

Und weil sie den Strom so preiswert anbieten können, verdrängen die GuD-Kraftwerke nun auch hierzulande immer öfter die weitaus klimaschädlicheren Kohlemeiler. So geschieht es in den USA schon seit Jahren. Wie Berechnungen des Kölner EWI zeigen, können viele GuD-Kraftwerke schon bei einem Erdgaspreis von 13,50 Euro je Megawattstunde kostengünstiger Strom erzeugen als zahlreiche Steinkohle- und auch manche Braunkohlemeiler.

Besonders zugute kommen dem Gas im Wettbewerb die stark gestiegenen Preise im EU-Emissionshandel. Dort haben sich die Kosten für Lizenzen zum Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in den vergangenen Jahren vervielfacht. Da moderne GuD-Kraftwerke pro erzeugter Megawattstunde Strom nicht einmal halb so viel CO2 emittieren wie Braunkohlemeiler, ist der Preisaufschlag für CO2 ebenso niedriger.

So billig wird Gas nicht bleiben

Und so ist der Anteil der Kohlekraftwerke am deutschen Strommix im bisherigen Jahresverlauf eingebrochen: von 29 auf 19 Prozent. Die Gaskraftwerke hingegen können ihren Anteil trotz des Einspeisevorrangs für die Erneuerbaren leicht steigern. Mit knapp elf Prozent sind sie schon fast ebenso wichtig wie Atom- (13 Prozent) oder Braunkohlemeiler (zwölf Prozent). Die Verdrängung des Kohlestroms durch Gasstrom kommt auch dem Klima zugute. In den USA ist sie einer der entscheidenden Gründe dafür, dass der CO2-Ausstoß in den vergangenen Jahren gefallen ist.

Die Irsching-Eigentümer haben also gute Gründe, das Kraftwerk aus der Frührente zu holen. In ihrer Ankündigung behalten sie sich jedoch vor, "die Entscheidung bei verschlechterten Marktkonditionen zu revidieren". Und dass die Gaspreise dauerhaft auf den jetzigen extremen Tiefständen bleiben, halten Marktexperten für ausgeschlossen.

Allerdings seien moderne GuD-Kraftwerke auch bei Brennstoffkosten um 15 Euro konkurrenzfähig, solang der CO2-Preis nicht einbreche, sagt Aurora-Energy-Experte Koenig. Und wenn die EU ihren Green Deal ernst meine, müsse sie den Emissionshandel weiter verknappen. "Mittel- bis langfristig ist es klar, dass Gaskraftwerke die wichtigste nicht-erneuerbare Energiequelle für die Stromerzeugung werden."

Seit Jahren fordern die Betreiber von Irsching und anderen GuD-Kraftwerke Prämien für den Bereitschaftsdienst, den ihre Anlagen leisten müssen für stromarme Stunden. Bezahlt werden soll das von den deutschen Verbrauchern. Diese Prämien seien nun aber für bestehende Kraftwerke unnötig, sagt Berater Koenig. "Wenn Ende 2022 die letzten Atomkraftwerke geschlossen werden, werden Gaskraftwerke noch viel wichtiger. Und die Zeit bis dahin können die Betreiber bei den guten Bedingungen am Markt jetzt voraussichtlich profitabel überbrücken."

Der niedrige Gaspreis bringt aber nicht allen die ersehnten Vorteile: Besitzer einer Gasheizung spüren bislang wenig vom Einbruch am Großhandelsmarkt. Laut dem Vergleichsportal Verivox zahlt eine Familie mit 20 Megawattstunden Jahresverbrauch durchschnittlich immer noch 1136 Euro; Ende 2019 waren es 1206 Euro. "Die Versorger geben die niedrigeren Einkaufspreise nur zum Bruchteil weiter", sagt ein Verivox-Sprecher. In der Grundversorgung haben die Anbieter ihr Gas im Schnitt sogar verteuert.

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