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SAAR Was sehen wir jetzt?

aus DER SPIEGEL 12/1950

Alois Körner, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der Saargruben, demonstrierte in Sulzbachs Festhalle vor 2500 Bergleuten Saarpolitik. Er verweilte zwei Minuten schweigend am Rednerpult - mit vorgebundenem Maulkorb.

Nur noch Alois Schmitt, Vorsitzender des Industrieverbandes Bergbau der Einheitsgewerkschaft, fand ähnlichen Beifall, als er erklärte: »Man hatte uns gesagt, es werde nichts demontiert und der Saarbevölkerung bleibe alles erhalten, wenn wir dem wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich zustimmten. Aber was sehen wir jetzt an Hand der Konventionen? Das ganze Saarland wurde demontiert.«

Alois Schmitt hat als Delegierter an den Pariser Saarverhandlungen teilgenommen. In seiner Aktentasche trug er ein Memorandum. Das darin enthaltene Statut für die Saargruben war so, wie die Kumpels es sich dachten:

* Die saarländischen Gruben werden von einer saarländisch-französischen Kommission bis zum Friedensvertrag verwaltet.

* Der Gewinn wird unter beide Partner gleichmäßig verteilt.

* Eine Verpachtung der Saargruben an Frankreich durch die Saarregierung ist abzulehnen, weil man nur verpachten kann, was man auch wirklich besitzt.

Auch die christliche Gewerkschaft stimmte diesen Prinzipien zu. Aber nach einer Unterredung mit dem Generalsekretär des französischen Außenministeriums und Bidault-Stellvertreter Couve de Murville fiel ihr Vertreter plötzlich um und war für Verpachtung der Gruben.

Da machte Bergbau-Schmitt nicht mehr mit und reiste ab. Er hat nicht unterzeichnet. Als Schmitt mit seinen beiden Sachbearbeitern allein nach Saarbrücken zurückkam und in dem Mitteilungsblatt seines Verbandes Pariser Saargeschichten erzählen wollte, wurde das Blatt polizeilich verboten.

Den in Paris Hinterbliebenen machten die verhandlungsforschen Franzosen nur ein einziges Zugeständnis. Das Wort »Pacht« wurde aus dem Vertrag gestrichen. Das war alles.

Um die Anerkennung des Paragraphen über die 50jährige Ausbeutung der Gruben durch Frankreich (s. SPIEGEL Nr. 10/50 »Nichts zu sagen") kamen die christlichen Gewerkschaftler nicht herum. Ministerpräsident Johannes Hoffmann sparte seinem Parteifreund Hans Ruffing diesen Brocken bis zum letzten Verhandlungstage auf. Dann fragte er ihn, ob die gesamten Verhandlungen an diesem Punkte scheitern sollten. Da schluckte Ruffing.

In Saarbrücken erklärte er dann: »Die französische Delegation hat uns finanziell die Pistole auf die Brust gesetzt. Die Fragen der französischen Unterhändler,

* ob das Saarland in der Lage sei, die von Frankreich vorgeschossenen elf Milliarden Franken zurückzuzahlen,

* ob es in der Lage sei, zum Zwecke neuer Investierungen 40 Milliarden Franken bereitzustellen und

* ob es in der Lage sei, die Schulden der Saargruben AG. zu übernehmen,

mußten die Saarfinanzexperten mit Nein beantworten. Darüber hinaus hatten sie keine Möglichkeit, die Zahlen nachzuprüfen. Die Unterlagen waren »nicht greifbar«.

Es kam noch besser. In Paris entwarf die französische Delegation ein düsteres Bild von den Rentabilitätsaussichten der Gruben. Gleichzeitig vergaß sie nicht, sich den Abschreibungssatz für die nächsten fünf Jahre auf 15 Prozent erhöhen zu lassen. Bei diesem Prozentsatz wird es nicht schwer sein, eine Verlustbilanz zu konstruieren. Nach Ablauf der Konvention geht die dann zu Lasten der Saarregierung. Das ist vertraglich festgelegt.

Die Antwort der Bergarbeiter in Sulzbach auf diese Regelung wurde zuerst auf einem massenweise verbreiteten Flugblatt gegeben. Darin hieß es: »Kameraden, Saarbergarbeiter! Joho (Jo-hannes Ho-ffmann) und Konsorten haben die Saargruben verschachert. Weg mit dem Schandvertrag und weg mit Joho & Co.«

Später wollte niemand für dieses Flugblatt verantwortlich sein. Aber seinen Forderungen stimmten die Kumpels in der Sulzbacher Festhalle prinzipiell zu. Gewerkschaftssekretär Thomas Motzek empfahl italienische Methoden: »Arbeiten wir einmal piano - pianissimo.«

Maulkorb-Körner will an dem Tage, an dem der Saarlandtag Konventionen berät, mit den Kumpels nach Saarbrücken marschieren. »Dem Landtag muß klargemacht werden, daß er kein Recht hat, solche Verträge zu ratifizieren.« Dem Präsidenten der Einheitsgewerkschaft Heinrich Wacker sprachen die Delegierten vom Industrieverband Bergbau ihr Mißtrauen aus. Er unterstützte als naturalisierter Franzose in Paris die Hoffmann-Politik.

Die Revier-Konferenz endete sportpalastähnlich. Alois Schmitt verlas noch einmal sämtliche Forderungen der Bergarbeiter. Jedesmal tönte aus 2499 Kehlen ein strammes »Ja«. Nur ein Delegierter war dagegen.

Wacker und Saararbeitsminister Richard Kirn mußten Hochkommissar Gilbert Grandval in die Hand geloben, die nächste Konferenz besser vorzubereiten. Die Kumpels sehen dieser Entwicklung ruhig entgegen. Es wäre nicht das erstemal, daß sie einen Minister aus dem Saal scheuchten.

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