Nach Filz-Vorwürfen gegen Schlesinger WDR-Managerin Vernau zur RBB-Interims-Intendantin gewählt

Erfolg im zweiten Wahlgang: Katrin Vernau vom Westdeutschen Rundfunk soll den RBB in den kommenden Monaten durch die Krise führen. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin gilt als kompetent – dennoch war die Wahl umstritten.
Katrin Vernau vor der Sitzung

Katrin Vernau vor der Sitzung

Foto: Christophe Gateau / dpa

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) bekommt übergangsweise eine neue Chefin: Die WDR-Managerin Katrin Vernau soll den ARD-Schwestersender mitten in der Krise durch die kommenden Monate führen. Am Mittwoch wählte das Kontrollgremium RBB-Rundfunkrat die 49 Jahre alte Verwaltungsdirektorin des Westdeutschen Rundfunks (WDR) im zweiten Wahlgang zur Interims-Intendantin.

Auf Vernau kommt wohl eine schwierige und mühsame Zeit zu. Ihr Chef und WDR-Intendant Tom Buhrow hatte vor Tagen salopp von einem »Feuerwehreinsatz« auf dem Posten gesprochen. Vorwürfe des Filzes und der Vetternwirtschaft gegen die fristlos entlassene Intendantin Patricia Schlesinger und den zurückgetretenen Chefkontrolleur Wolf-Dieter Wolf haben den öffentlich-rechtlichen Sender schwer beschädigt – und damit auch das gesamte System.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt und durchsuchte die Intendanz. Es läuft zudem eine externe Untersuchung einer Anwaltskanzlei. Bis zur Aufklärung der Vorwürfe gilt die Unschuldsvermutung.

Vernau gilt als kompetent – dennoch war die Wahl umstritten

Mit Vernau kommt eine Kennerin des verwinkelten und weit verzweigten öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum RBB. Vernau steuert als Verwaltungsdirektorin des WDR eine der größten Organisationen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie gilt als kompetent und anpackend. Im Mai 2019 wurde sie mit großer Mehrheit in ihrem Amt als Verwaltungsdirektorin wiedergewählt. Sie hat den Posten seit 2015 inne. Ihre aktuelle Amtszeit läuft bis Ende Februar 2025. Vernaus Direktionsbereich beim WDR ist groß: Dazu gehören die Bereiche Personal, Finanzen, Gebäudewirtschaft, IT-Entwicklung, interne Organisationsberatung, Archive und Kantinenbetriebe. Der RBB ist im Vergleich zum WDR eine der kleineren ARD-Anstalten.

Es hatte vor der Wahl auch Stimmen gegeben, die eine andere Lösung gefordert hatten – jemanden, der bislang überhaupt nichts mit dem System zu tun hatte. RBB-Verwaltungsratsvorsitzende Dorette König hatte am Mittwoch im Medienausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus gesagt, dass sie zunächst auch einen Kandidaten außerhalb der ARD für das Amt hatte.

Dem Redaktionsausschuss und der Vertretung der freischaffenden Mitarbeiter des RBB gefiel nicht, dass es keine Auswahl von mehreren Kandidaten für die Interims-Position gab. Die Freienvertretung teilte zudem mit: »Das Agieren des WDR-Intendanten im Umgang mit der RBB-Führungskrise wurde in der RBB-Belegschaft mit großer Skepsis wahrgenommen. Allein der Eindruck, mit Frau Vernau werde eine Statthalterin des WDR eingesetzt, wäre eine erhebliche Bürde.«

Erfahrungen in der Privatwirtschaft und im Hochschulwesen

Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin Vernau, die 1973 in Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg geboren wurde, hat auch Erfahrung in der Privatwirtschaft gesammelt. Sie war Partnerin bei der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants und leitete die Roland Berger School of Strategy and Economics. Zeitweise war sie auch Kanzlerin der Uni Hamburg und danach der Uni Ulm bis 2015.

Mit der Personalie Vernau wird zugleich die Position des WDR innerhalb der ARD gestärkt. Intendant Buhrow selbst war bereits beim wichtigen Posten des ARD-Vorsitzenden eingesprungen, den Schlesinger inmitten der RBB-Affäre abgeben musste. Buhrow war ihr Vertreter gewesen und rückte damit nach. Der ARD-Chef vertritt die neun Häuser der Sendergemeinschaft bis Jahresende gegenüber Gesellschaft und Politik – eine Schlüsselfunktion. Danach wird voraussichtlich der SWR übernehmen.

In einer beispiellosen Aktion hatte Buhrow im Namen der anderen ARD-Intendanten erklärt, dass man das Vertrauen in die aktuelle RBB-Geschäftsleitung verloren habe. Den Intendanten und Intendantinnen stieß zum Beispiel auf, dass sie Informationen zum RBB erst aus der Presse erfahren mussten, es fehlte ihnen die Transparenz. Sie isolierten so den ARD-Sender und schalteten inzwischen auch ohne den RBB. In Berlin und Brandenburg zeigte man sich zum Teil empört und beleidigt über diesen Schritt.

kko/dpa
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