Web-Allianz Yahoo kapituliert vor Microsoft

Yahoo könnte sich mit seiner neuen Allianz das eigene Grab geschaufelt haben: Der wankende Web-Gigant verliert die Kontrolle über seine Kerntechnologie - und macht Microsoft fast kostenlos zum Suchmaschinen-Schwergewicht. Der lachende Dritte ist vorerst Google.

Hamburg - Der Microhoo-Deal steht. Nach einem fast dreijährigen Paarungstanz definieren zwei der größten und ältesten Dotcom-Unternehmen die Eckpunkte einer engen Partnerschaft. Künftig wollen sie ihre Suchmaschinenkräfte bündeln und dem Marktführer Google   im inzwischen 50 Milliarden Dollar schweren Online-Werbemarkt Anteile abtrotzen.

Es gibt begründete Zweifel daran, dass dieser Plan aufgeht. Über ein Sache aber herrscht unter IT-Experten schon jetzt weitgehend Konsens: Die Allianz hat einen klaren Gewinner, das ist Microsoft  . Und sie hat einen klaren Verlierer: Yahoo  .

Yahoo-Manager bezeichneten den Deal mit Microsoft dieser Tage oft als Synergie - der Ausdruck "Kapitulation" wäre präziser, schreibt das Wirtschaftsmagazin " Forbes ". Die Internet-Zeitschrift " Wired " titelt: "Yahoo gibt auf". Dass der lila Web-Riese die eigene Suchtechnik an Microsoft weiterreiche, sei ein Eingeständnis, dass er mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten kann. Der IT-Analyst Danny Sullivan schreibt in seinem Blog " Search Engine Land ", Yahoo sei "fertig". Und "Techcrunch" , eines der wichtigsten Informationsportale im Silicon Valley, schreibt schlicht: "Yahoo got binged".

Wie sehr auch den Anlegern von Yahoo die ausgehandelte Kooperation missfällt, kann man daran ablesen, wie sich die Aktienkurs der beiden Konzerne am Mittwoch nach Bekanntgabe des Deals in Amerika entwickelten: Yahoo-Titel schmierten um zwölf Prozent ab, das Unternehmen verlor knapp drei Milliarden Dollar Börsenwert. Microsoft-Aktien gewannen dagegen gut 1,4 Prozent - was einem Wertgewinn von ebenfalls rund drei Milliarden Dollar entspricht. Überspitzt gesagt wanderte der Börsenwert von Yahoos Suchtechnik binnen eines Tages an Microsoft weiter.

Yahoo-Chefin Bartz unter Druck

Kritiker werfen Yahoo-Chefin Carol Bartz dann auch vor, sie habe die Suchtechnik zu leichtfertig verramscht. Und tatsächlich wirkt es so, als habe sie sich von Microsoft über den Tisch ziehen lassen.

Der Software-Riese hatte großes Interesse an dem Deal: Auch wenn seine neue Suchmaschine Bing viel gelobt wird - es hätte wohl sehr lange gedauert, bis sie weltweit signifikante Marktanteile gewonnen hätte. Nach zuletzt verfügbaren Daten hatte die Microsoft-Suchmaschine Bing in den USA einen Marktanteil 8,4 Prozent, nachdem der Vorgänger MSN/Live Search im Mai acht Prozent erreicht hatte. Auf den ersten beiden Plätzen rangieren Google mit 65 Prozent und Yahoo mit 19,6 Prozent. In Deutschland liegt Bing nach Erhebungen von Nielsen Media Research mit einer Reichweite von 11,4 Prozent auf dem vierten Platz, hinter Google (78,7 Prozent), T-Online (15,3 Prozent) und Ask.com (12,3 Prozent).

Der Deal mit Yahoo katapultiert Microsofts Suchmaschine, sofern alles glatt läuft, nun auf knapp 30 Prozent Marktanteil im Suchmaschinenmarkt. Es ist ein weiterer Durchbruch im Machtkampf mit Google. Der Suchmaschinenmarktführer macht Microsoft zusehends in wichtigen Geschäftsbereichen, wie dem Verkauf von Betriebssystemen oder von Büro-Software, Konkurrenz. Jetzt schlägt Microsoft zurück - und bekommt diese Möglichkeit fast geschenkt.

Mieser Deal in fast jeder Hinsicht

"Bootsladungen voll Geld" hatte Bartz ursprünglich für eine Zusammenlegung der wichtigen Suchmaschinendienste verlangt. Jetzt bekommt sie als Gegenleistung nicht einmal eine Badewanne Bares. Eine Prämie für den Deal gibt es nicht - nur die Vereinbarung, dass die Werbeeinahmen aus der Bing-Suche in den kommenden fünf Jahren zu 88 Prozent an Yahoo gehen. Laut Mitteilung hofft Bartz, den operativen Gewinn damit um 500 Millionen Dollar zu verbessern und 275 Millionen Dollar Kosten zu sparen.

Das ist lächerlich wenig: Yahoo hätte bis zu 45 Milliarden Dollar bekommen können - so hoch war Microsofts ursprüngliches Angebot. Auch fast alle anderen Konditionen des 2009er-Deals sind für Yahoo wesentlich schlechter als die des 2008-Angebots. Eine minutiöse tabellarische Übersicht darüber liefert Sullivan auf " Search Engine Land ": 2008 hätte Yahoo demnach noch eine Milliarde für den Verkauf der Suchmaschinentechnik bekommen - jetzt nicht mehr. 2008 hätte Microsoft Yahoo noch für drei Jahre eine bestimmte Summe an Werbeeinnahmen garantiert - jetzt sind es nur noch 18 Monate.

Dass das Milliardengeschäft platzte, ist nicht Bartz' Schuld. Es war ihr Vorgänger Jerry Yang, der den Deal massiv blockierte. Der Mitgründer des lila Web-Riesen hielt Microsoft so lange hin, bis ihn die Aktionäre zum Rücktritt zwangen.

Ohnehin hat Yang Bartz ein schweres Erbe hinterlassen. Bis zu seinem Rücktritt hatte er die Ur-Web-Marke zu einem in Hunderte Anwendungen zerfaserten Chaos-Konzern heruntergewirtschaftet, der von allem ein wenig machte, aber nichts richtig gut. "Microsoft macht Software, Google Suchmaschinen, Yahoo ist lila und hat ein Ausrufezeichen", ätzte seinerzeit die "Financial Times".

Yahoo entbeint sich selbst

Bartz hat bei Yahoo seit ihrem Amtsantritt im Januar schon tüchtig ausgemistet. Sie sortiert überflüssige Dienste aus, streicht Stellen - und versucht den Brain Drain im eigenen Haus einzudämmen. Denn viele Mitarbeiter verlieren zusehends das Vertrauen in den einstigen Kultkonzern - und laufen zur Konkurrenz über.

Vielleicht sei es in diesem Kontext sogar konsequent, dass Bartz die Suchmaschinentechnik verkaufe, merkt " Techcrunch " an. Die lila Suchmarke habe die "sehr reale Aussicht" gehabt, zwischen Google und Microsoft zerrieben zu werden.

Trotzdem: Der Verkauf der eigenen Suchtechnik auf mindestens zehn Jahre dürfte Yahoo schwer zu schaffen machen - auch wenn der Konzern die eigene Marke zunächst behält. Yahoo werde durch den Verkauf seiner Kronjuwelen gefährlich "ausgehöhlt", warnt " Forbes ". Jetzt müsse Bartz darauf hoffen, dass die Suchmaschinentechnik in zehn Jahren, wenn sie theoretisch an Yahoo zurückgeht, noch brauchbar sei. Yahoo sei mit Advanced Micro Devices (AMD) zu vergleichen. AMD   hat angekündigt, die Herstellung von Mikroprozessoren aufzugeben - ein Bereich, in dem der Konkurrent Intel übermächtig ist.

Dass der Ausverkauf von Kerntechnologien kein Zeichen von Stärke ist, zeigt laut "Forbes" beispielsweise Apples   Umgang mit der Herstellung von Halbleiter-Chips. Steve Jobs sei aktuell dabei, die Kompetenzen im eigenen Haus für diese Technologie kräftig auszubauen. Er wolle bei der für die Herstellung von iPhones und Apple-Computern äußerst wichtigen Technik so wenig wie möglich von externen Partnern abhängig sein.

Google muss vorerst nicht zittern

Yahoo verliert also durch die Einigung eine Menge, Microsoft dagegen gewinnt. Google wird indes vorerst wohl nicht um sein Wissensmonopol zittern müssen. Denn die Microhoo-Kooperation ist kompliziert - und sie steht noch bis zum Frühjahr 2010 unter dem Vorbehalt, dass die amerikanischen und europäischen Kartellbehörden ihr zustimmen.

Angesichts von Googles Dominanz im Suchmaschinenwerbemarkt gehen Branchenkenner zwar davon aus, dass die Wettbewerbshüter der Zusammenlegung zweier Halbschwergewichte zu einem Gegner, der Google Paroli bieten kann, wohl letztlich erlauben werden. Microsoft und Yahoo stehen dennoch in den kommenden Monaten aufreibenden Zeiten bevor - und es ist gut möglich, dass die immer strenger agierenden Kartellbehörden den Deal nutzen, um den beiden IT-Riesen auch in anderen Geschäftsbereichen Zugeständnisse abzupressen.

Zumindest solange seine beiden Hauptkonkurrenten mit der Aufgabe ausgelastet sind, ihre Kooperation zum Erfolg zu führen, kann Google seinen Markt in aller Ruhe weiter zementieren.

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