Zur Ausgabe
Artikel 45 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PHARMAINDUSTRIE Weckruf im Gehirn

Viagra bekommt Konkurrenz: Die großen Arzneimittelkonzerne drängen mit neuen Mitteln ins zukunftsträchtige Geschäft mit der Impotenz.
Von Heiko Martens
aus DER SPIEGEL 29/2001

An seinen 72. Geburtstag am 9. April 1998 denkt Hugh Hefner immer noch mit Freude und Dankbarkeit. Wenige Tage zuvor hatte die US-Gesundheitsbehörde FDA dem Pharmakonzern Pfizer erlaubt, die erste und einzige Pille für den Mann gegen Potenzstörungen auf den Markt zu bringen. »Das schönste Geburtstagsgeschenk«, schwärmt Hefner heute, »das ich je bekommen habe.«

Seither hat Hefner, so behauptet der alte Playboy, der sich mit seinen inzwischen 75 Jahren sieben Freundinnen auf einen Streich gönnt, täglich mit Viagra nachgeholfen. Hefner: »Das Beste, was mir passieren konnte.«

Es kommt noch besser: Auf dem jüngsten Jahreskongress der amerikanischen Urologen vorigen Monat in Kalifornien stellte die Pharmaindustrie zwei Potenzpillen vor, die Viagra angeblich weit übertreffen.

Begeistert berichtete Irwin Goldstein vom Boston University Medical Center über die Wirkung des neuen Bayer-Produkts Vardenafil. Eine bessere und schnellere Erektion als mit Viagra versprach der Bostoner Professor, mit weniger Nebenwirkungen.

Auch über Cialis vom US-Pharmariesen Eli Lilly, das wie Vardenafil im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll, hatten die Berichterstatter nur Lobendes zu sagen. Cialis wirke nicht nur schnell, sondern vor allem lange, bis zu 48 Stunden.

Der Markt für Potenzmittel gilt als zukunftsträchtig, umsatzstark - und noch erheblich ausbaufähig. Seit Einführung von Viagra 1998 wird er fast allein von Pfizer beherrscht. Das soll sich jetzt ändern: Die Großen der Arzneimittelbranche rüsten sich für einen harten Wettbewerb.

Die beiden Pharmaunternehmen Abbot Laboratories aus den USA und Takeda aus Japan waren die schnellsten, ihre Produkte Uprima und Ixense sind in Europa bereits seit Mitte Juni zu kaufen.

Anders als Viagra und Bayers Vardenafil, die mit blutdrucksenkender Wirkung die Durchblutung an den richtigen Stellen fördern, beeinflussen die beiden Neuankömmlinge mit dem Wirkstoff Apomorphin das Zentrale Nervensystem. Apomorphin, so Takeda in seiner Produktinformation, löse eine »Weckreaktion« im Gehirn aus, »die sich durch Gähnen sowie durch eine Erektion des Penis manifestiert«.

Ob Vasomax von Schering-Plough oder Topiglan von MacroChem: In den Pipelines der Pharmaindustrie arbeiten sich derzeit fast 20 Potenzmittel für Männer durch die Erprobungsphasen.

Die neuen Potenzhilfen in Tablettenform kommen zur rechten Zeit. Vor allem bei den Großen der Branche drohen in den kommenden Jahren immense Umsatzlöcher. Eli Lilly etwa verliert mit dem Auslaufen des Patents für sein Antidepressivum Prozac Ende des Jahres einen der wichtigsten Gewinnträger. Insgesamt sind bei den großen Pharmakonzernen bis 2005 mehr als 40 Milliarden Dollar ihres Umsatzes in Gefahr, weil sie nicht mehr durch Patente geschützt sind.

Die Chancen, dass diese Verluste wenigstens teilweise durch das Geschäft mit Potenzpillen ausgeglichen werden, stehen nicht schlecht. Immerhin leidet, das haben Befragungen in den USA ergeben, etwa die Hälfte aller Männer zwischen 40 und 70 an mehr oder minder schweren Erektionsstörungen.

Für die Pharmafachleute gehört die erektile Dysfunktion (ED) zu den so genannten Tabu-Indikationen, zu jenen Krankheiten, über die nicht gesprochen wird und mit denen die Betroffenen selten zum Arzt gehen.

Zwar hat der Viagra-Boom 1998 die Hemmschwelle gesenkt. Und weil die neue Wunderpille vom Patienten selbst bezahlt werden musste und nicht den Arzneimitteletat belastete, verschrieben die Ärzte großzügig.

Aber noch immer gehen nur vier Prozent der rund sechs Millionen deutschen Männer, die an ED leiden, tatsächlich zum Arzt. Bis zu 80 Prozent der still leidenden Mehrheit, so meint der Hamburger Urologe Hartmut Porst, könnten medikamentös behandelt werden. »Da schlummert ein Riesenpatientenpool«, schwärmt ein Bayer-Experte.

Deshalb fürchtet Pfizer die aufkommende Konkurrenz auch wenig. In Deutschland hat sich der Viagra-Umsatz bei 100 Millionen Mark jährlich eingependelt. Die Marketingexperten der Pharmabranche gehen davon aus, dass sich mit Hilfe der neuen Produkte der Potenz-Umsatz in den nächsten fünf Jahren ohne weiteres auf 300 bis 400 Millionen Mark steigern lässt.

Dasselbe gilt rund um den Globus. Rund 150 Millionen Männer leiden nach Schätzungen von Experten unter Potenzstörungen. Da Erektionsprobleme am häufigsten in der zweiten Lebenshälfte der Männer auftreten und die Bevölkerung schnell altert, wird sich diese Zahl in den nächsten 25 Jahren verdoppeln - ein fast unerschöpfliches Reservoir für die Potenzmedizin.

Einen Preisrutsch wird die aufkommende Viagra-Konkurrenz jedoch nicht auslösen. Die neuen Anbieter haben bereits angekündigt, dass sie nicht die Preise drücken, sondern sich an Pfizers Vorgabe orientieren werden - und die liegt bei etwa 20 Mark pro Einheit.

Ein Pharma-Marketingexperte: »Die wollen den Patientenpool knacken und nicht Viagra.« HEIKO MARTENS

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.