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Weile statt Eile

Sollen die Europäer auch in Ecu zahlen? Die Idee einer Parallelwährung wird wiederbelebt.
aus DER SPIEGEL 1/1993

Monopole sind bei Wirtschaftstheoretikern nicht gerade beliebt. Konkurrenz belebt auch die Professoren, nicht nur das Geschäft.

Warum also, dachte Währungstheoretiker Wilhelm Hankel, soll beim Geld nicht gelten, was im Handel mit Autos oder Lebensmitteln gut ist. Der Wettbewerb zwischen nationalem Geld und einer Euro-Währung scheint ihm zumindest für eine Übergangszeit angebracht.

Hankel, der in Frankfurt am Main Währungstheorie lehrt, befürwortet ein System von Parallelwährungen, solange das in Maastricht vereinbarte Einheitsgeld noch nicht stabil genug ist. Im Übergang zur Euro-Währung, so der Professor kürzlich vor Straßburger Parlamentariern, würden jeweils zwei Währungen in den EG-Staaten gelten: neben der nationalen auch das künftige Euro-Geld Ecu.

Würde der Ecu in den Staaten der Europäischen Gemeinschaft allgemein gültiges Zahlungsmittel, könnten die Deutschen tägliche Besorgungen, ebenso wie ihre Steuern, entweder mit Mark oder mit Ecu bezahlen. Auch bei der Gehaltsabrechnung oder auf dem Sparkonto hätte der »Geldbürger« (Hankel) die freie Wahl.

Die Idee ist nicht neu und im Ansatz bereits verwirklicht. Schon heute gelten in Europa oft zwei Währungen. Deutsche, die nahe der Grenze wohnen, kaufen in Dänemark oder den Niederlanden problemlos mit Mark ein; die Waren sind dort zunehmend schon mit zwei Preisen ausgezeichnet.

Auch Unternehmen handeln untereinander häufig in mehreren Währungen. Italiener oder Franzosen lassen sich ihre Exporte gern in Mark bezahlen, so mancher Vertrag wird bereits in Ecu geschlossen.

Offiziell ist allerdings nirgendwo bislang eine zweite Währung von einer europäischen Regierung als allgemeines Zahlungsmittel zugelassen worden. Pläne wurden in der Gemeinschaft bereits mehrfach diskutiert, zuletzt 1989, als die Briten vehement für eine Parallelwährung plädierten. Doch wie aus der Idee eine praktikable Methode wird, wußten die Engländer auch nicht. Damit war der Vorschlag vom Tisch. Auch jetzt wäre ein System von Parallelwährungen nicht ohne weiteres einzuführen. So müßte als erstes der Vertrag von Maastricht geändert werden, der die Einführung einer einheitlichen Währung zumindest in einem Teil der Gemeinschaft vorsieht.

Der Aufwand würde lohnen, meint Hankel. Die Deutschen bräuchten vorerst keinen Abschied von der Mark zu nehmen. Die Unruhe in der Bevölkerung, die Angst um die schöne Mark, würde sich legen. Immerhin befürworten heute laut Umfragen nur 37 Prozent der Deutschen die Maastrichter Vereinbarungen.

Zudem könnten Händler die Währungsumstellung nicht für Preiserhöhungen ausnutzen, meint Ulrich Cartellieri, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Werden alle Mark-Preise auf einen Schlag in Ecu umgerechnet, würden die sich dadurch ergebenden krummen Beträge wohl aufgerundet - folglich würde ein neuer Teuerungsschub drohen.

Damit die technischen Probleme der Übergangszeit vernünftig gelöst werden können, schlägt Hankel Weile statt Eile vor. In einer »monetären Knautschzone« von mehreren Jahren könnten sich alle, auch Zentralbanker und Politiker, langsam an den Ecu gewöhnen. Mißlingt das Maastrichter Experiment, was nach den jüngsten Krisen des Europäischen Währungssystems keineswegs ausgeschlossen scheint, könnten die Staaten wieder auf ihr eigenes Geld zurückgreifen.

In der Bundesbank stieß Hankels Vorschlag auf wenig Sympathie. »Wenn das neue Euro-Geld wirklich etwas taugt«, meint Otmar Issing, Vordenker im Frankfurter Direktorium, »reicht eine Währung völlig aus.« Zudem sei der Ecu bis heute nur ein Korb aus Währungen, der seit Jahren beständig an Wert verliert. Für den Ecu ist bisher keine Zentralbank zuständig.

Währungstheoretiker Hankel weiß auch da Rat. Das Euro-Geld soll hart werden, statt der Zentralbank soll ein Brüsseler Währungsfonds für die Stabilität des Ecu sorgen.

Der Fonds, so Hankels Idee, gibt keine neuen Ecu heraus. Er verkauft das Euro-Geld gegen Mark, Gulden oder französischen Franc zu festen Kursen. Italien, Spanien oder Portugal müßten zunächst noch mit freien Wechselkursen auskommen. Die Geldmenge, Maß für die Stabilität einer Währung, würde sich dadurch nicht aufblähen.

Schaffen es die Europäer, die Parallelwährung Ecu zu einem harten Zahlungsmittel zu machen, könnte sich eines Tages sogar ein Snobeffekt einstellen: Wer als Europäer auf sich hält, so hoffen Optimisten wie Hankel, werde Ecu besitzen statt altmodischen Geldes wie Mark oder Gulden.

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