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»Weit reichende Angebote«

E.on-Chef Ulrich Hartmann über die geplante Übernahme der Ruhrgas
aus DER SPIEGEL 5/2002

SPIEGEL: Herr Hartmann, seit Tagen laufen Politiker und Verbraucherschützer Sturm gegen die Übernahmepläne der Ruhrgas AG und eine eventuelle Ministererlaubnis. Hatten Sie mit so viel Wirbel gerechnet?

Hartmann: Wir reden immerhin über ein wichtiges Projekt. Heftige öffentliche Reaktionen sind wir gewohnt. Das war bei dem Zusammenschluss mit der Viag ähnlich. Ich bin aber sicher, dass diesem Sturm schon bald eine sachliche Diskussion folgen wird.

SPIEGEL: Auch die dürfte für Sie nicht einfach werden. Immerhin würde E.on nicht nur eine überragende Stellung auf dem deutschen Gasmarkt erreichen, auch auf dem Strommarkt würde das Duopol RWE und E.on gefestigt. Sind das nicht ernste Einwände?

Hartmann: Doch. Wenn sie nur stimmen würden. RWE ist einer unserer härtesten Wettbewerber. Da kann man nicht von einem Duopol reden. Außerdem ist unsere Strategie auf internationales Wachstum ausgerichtet. Auf den Weltmärkten haben wir es mit riesigen Konkurrenten wie Shell oder Exxon zu tun. Da greift eine rein deutsche Betrachtung einfach zu kurz.

SPIEGEL: Werfen Sie dem Kartellamt vor, solche Aspekte bei seiner Ablehnung nicht berücksichtigt zu haben?

Hartmann: Ich werfe dem Kartellamt gar nichts vor, sondern respektiere die Entscheidung. Ich sage nur, man hätte auch zu anderen Ergebnissen kommen können.

SPIEGEL: Dazu hätte E.on Zugeständnisse wie den Verkauf von Beteiligungen machen müssen. Dazu jedoch waren Sie offenbar nicht bereit.

Hartmann: Das ist nicht richtig. Wir konnten allerdings keine Zugeständnisse machen, die den Ruhrgas-Konzern betreffen. Das war rechtlich unmöglich. In unserem Verantwortungsbereich jedoch haben wir sehr weit reichende Angebote gemacht.

SPIEGEL: Welche?

Hartmann: Wir haben angeboten, uns von unseren Beteiligungen VNG, der Gasag und Bayerngas zu trennen. Außerdem haben wir vorgeschlagen, unsere Gasnetze sofort für die Durchleitung zu öffnen - insbesondere für normale Haushaltskunden. Damit hätte jeder Endkunde seinen Gaslieferanten sofort frei wählen können. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf den Wettbewerb gehabt.

SPIEGEL: Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, dass Sie von vornherein auf eine Ministererlaubnis gesetzt haben.

Hartmann: Warum?

SPIEGEL: Wie anders ist es zu erklären, dass Sie sich bereits im Oktober vergangenen Jahres Rückendeckung vom Bundeskanzler geholt haben?

Hartmann: Das Geschäft mit BP hatte zwei Seiten. Es ging auch um den Verkauf von Veba Oel und Aral - und damit um die Neuordnung des Deutschen Tankstellenmarkts. Und wir waren damals nicht sicher, wie die Politik diesen Teil des Geschäfts sieht. Deshalb haben wir das Gespräch gesucht ...

SPIEGEL: ... und haben sich nebenbei auch gleich die Ministererlaubnis für den Ruhrgas-Deal gesichert.

Hartmann: Nein. Uns wurde für den Fall einer Ablehnung durch das Kartellamt lediglich eine Prüfung zugesagt, die beispielsweise internationale und europäische Rahmenbedingungen oder die Bedeutung der Energieversorgung in Deutschland berücksichtigt.

SPIEGEL: Genau die Aspekte, die das Kartellamt nicht einbeziehen konnte.

Hartmann: Richtig. Genau das ist ja auch der Zweck einer Ministererlaubnis. Eine Zusage im Sinne »Das Verfahren geht positiv für E.on aus« gab es nicht.

SPIEGEL: Auch nicht durch Wirtschaftsminister Werner Müller?

Hartmann: Nein, er hat uns nur eine sachliche Prüfung zugesagt.

SPIEGEL: Trotzdem wird der Wirtschaftsminister wegen seiner Nähe zu E.on zunehmend zu einer Belastung in dem Verfahren. Fänden Sie es nicht richtiger, wenn er die Entscheidung einem Kollegen überließe?

Hartmann: Warum sollte er das tun?

SPIEGEL: Herr Müller war lange Jahre bei E.on tätig. Außerdem werden ihm Ambitionen nachgesagt, nach seiner politischen Tätigkeit in einen Energiekonzern zurückzukehren.

Hartmann: Die Spekulationen um eine Rückkehr kann ich für E.on nicht nachvollziehen. Ansonsten ist es eine Entscheidung der Bundesregierung oder von Herrn Müller persönlich, ob er sich befangen fühlt. Sachliche Gründe dafür sehe ich nicht.

SPIEGEL: Immerhin steht Herr Müller sogar auf der Pensionsliste von E.on. Ist das nicht Grund genug?

Hartmann: Das sind Ansprüche, die er in 18 Jahren Tätigkeit bei E.on erworben hat, und die bestehen völlig unabhängig vom Ausgang des Verfahrens.

SPIEGEL: Aber wäre es nicht durchaus eine Frage der politischen Hygiene, sich in diesem Fall selbst als befangen zu erklären?

Hartmann: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Noch einmal: Das ist allein eine Entscheidung der Politik.

INTERVIEW: FRANK DOHMEN, THOMAS TUMA

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