Welternährungskrise "Hunger ist eine Sicherheitsfrage"

Der Norden schafft Probleme, der Süden muss sie ausbaden: Ralf Südhoff, Deutschland-Chef des Welternährungsprogramms der Uno, geißelt im SPIEGEL-ONLINE-Interview das kurzfristige Denken der westlichen Politik. Der Hunger könne ganze Länder destabilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Südhoff, im Sommer war die Welternährungskrise ein zentrales Thema in der Öffentlichkeit. Heute spricht kein Mensch mehr davon. War die Debatte nur Panikmache?

Südhoff: Als die ersten spektakulären Bilder aus Haiti um die Welt gingen, war das Interesse groß. Die Ausschreitungen und der Rücktritt der Regierung haben allen gezeigt: Hunger ist heute sogar eine Sicherheitsfrage und kann ganze Länder destabilisieren. Jetzt ist das Problem durch ein gefühlt viel größeres verdrängt worden, die Finanzkrise.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Lebensmittelpreise sind wieder stark gesunken, Rekordernten zeichnen sich ab. Hat sich die Lage nicht entschärft?

Südhoff: Nein, denn einerseits sind die Spekulationen mit Nahrungsmitteln zurückgegangen, weil die Finanzmärkte kollabiert sind, weshalb die Preise nicht mehr um ein vielfaches höher als noch vor kurzem sind. Aber die strukturellen Gründe für den Preisboom wie die hohe Nachfrage durch neuen Wohlstand in Asien und die Biosprit-Expansion sind geblieben. Deshalb sind die Preise bei Getreide, das entscheidende Nahrungsmittel der Armen, immer noch über 80 Prozent höher als 2005.

SPIEGEL ONLINE: Haben die westlichen Industriestaaten vor lauter Panik um die eigene Wirtschaft die Hungerkrise also vergessen?

Südhoff: Sie spielt in den politischen Debatten eine immer geringere Rolle. Zwar wurde im Sommer umfassende Soforthilfe bereitgestellt. Aber um auch nur jeden zehnten Hungernden versorgen zu können, fehlt allein dem Uno World Food Programme sogar in diesem Jahr eine halbe Milliarde Dollar. Das nächste Jahr droht noch schwieriger zu werden, denn frühere Finanzkrisen haben gezeigt, dass viele Staaten in der Folge ihre Hilfen dramatisch einschränken.

SPIEGEL ONLINE: Um die eigene Wirtschaft zu schützen, hat der Westen binnen Tagen Milliarden lockergemacht. Bei Entwicklungshilfe muss um jede Million gebettelt werden.

Südhoff: Das Absurde ist, dass die Staaten des Nordens eine Finanzkrise verschulden, für die der Süden nichts kann – unter der er aber am meisten leidet. Im nächsten Schritt schnüren die Industrieländer Rettungspakete, damit sie glimpflich davonkommen, drohen dann aber zu sagen: Wir wissen nicht, ob wir jetzt noch genügend Geld für die Entwicklungshilfe haben. Man streicht bei denen, die am wenigsten für die drei großen Krisen können, aber am meisten unter der Finanz- und der Ernährungskrise wie auch den lange hohen Ölpreisen leiden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat die Rezession auf die Hungerkrise?

Südhoff: Die Wachstumsprognosen für die Entwicklungsländer sind bereits um rund zwei Prozent nach unten korrigiert worden. Laut Weltbank bedeutet dort ein Prozent weniger Wachstum im Schnitt 20 Millionen mehr Arme. Wir müssen also mit 40 Millionen mehr verarmten Menschen allein durch niedrigeres Wachstum in 2009 rechnen. Und da sind die 115 Millionen Menschen noch gar nicht eingerechnet, die bereits durch die gestiegenen Nahrungs- und Ölpreise zusätzlich in den Hunger getrieben wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Wirtschaft der betroffenen Länder?

Südhoff: Der Zufluss von Auslandskapital in Schwellen- und Entwicklungsländer wird massiv zurückgehen, der Zugang zu Krediten wird schwieriger und teurer, wodurch die Investitionen in die Landwirtschaft weiter fallen könnten. Viele Kleinbauern sind schon jetzt nicht in der Lage, vom Boom der Lebensmittelpreise zu profitieren. Ihnen fehlt das Geld für Saatgut und Dünger, deren Preise sich ebenfalls verdoppelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Hungerproblem für den Westen zum Sicherheitsproblem?

Südhoff: Das ist eine reale Gefahr, wenn bald eine Milliarde Menschen Hunger leiden. Und die zusätzlich 115 Millionen Hungernden, ein nie da gewesener Anstieg, sind vor allem Arme in den Städten, wo Unruhen viel größere politische Auswirkungen haben. Die Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind akut in Gefahr: Noch in den siebziger Jahren litt mehr als jeder dritte Mensch Hunger. Heute ist es noch etwa jeder Sechste. Und wir könnten mit einem Bruchteil dessen, was wir jetzt in die Finanzkrise stecken, das Hungerproblem in zehn Jahren lösen. Dafür würden 30 Milliarden Dollar pro Jahr reichen. Aber die Politik denkt leider meist sehr kurzfristig.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen schottet seine eigenen Märkte ab und verlangt von ärmeren Ländern, sich zu öffnen. Kann das auf Dauer funktionieren?

Südhoff: Viele Nahrungsmittelmärkte in Schwellen- und Entwicklungsländern sind heimische Märkte. Vor einigen Jahrzehnten konnten sie noch ihre eigene Bevölkerung versorgen. Inzwischen aber ist die große Mehrheit auf Nahrungsmittelimporte angewiesen.

SPIEGEL ONINE: Warum?

Südhoff: Wegen zu geringer Investitionen und teils starker Liberalisierung. Haiti hatte vor nicht allzu langer Zeit noch eine florierende Reiswirtschaft. Auf Druck von außen wurde der Markt geöffnet, und ausländischer, subventionierter Reis hat den heimischen Anbau kaputtgemacht. Deswegen sind zum Beispiel auch die EU-Agrarsubventionen problematisch. Die Länder müssen die Chance haben, ihre Landwirtschaft wieder zu entwickeln. Danach muss man ihnen mehr Möglichkeiten geben, mit ihren Produkten auch im Ausland Geld zu verdienen.

SPIEGLE ONLINE: Die Uno hat eine Rückkehr zur nicht-industrialisierten, bedarfsorientierten Landwirtschaft gefordert. Aber ist nicht gerade die mangelnde Produktivität das Problem vieler Länder?

Südhoff: Ja und nein. Tatsächlich holt ein afrikanischer Kleinbauer nur ein Zehntel des Ertrags aus dem Boden, den ein deutscher Bauer erwirtschaftet. Das könnte man aber schon mit simpelsten Bewässerungskanälen steigern, durch einfaches Werkzeug und Pumpen, mit Beratung und Qualitätssicherung. Wichtig ist auch eine bessere Lagerung, damit nicht wie häufig rund ein Drittel der Ernten schlicht verfaulen. Die nächste Frage ist dann, wann auch eine großflächigere, mechanisierte Landwirtschaft nachhaltig Exportgüter produzieren könnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben die westlichen Agro-Konzerne ein Interesse an einem solchen Paradigmenwechsel?

Südhoff: Das ist nicht die entscheidende Frage. Die Weltbank und die Geberstaaten haben eingeräumt, dass es falsch war, so wenig auf Kleinbauern zu setzen. Wir brauchen in gut 20 Jahren 50 Prozent mehr Nahrungsmittel, damit theoretisch alle Menschen satt werden können. Das ist nur zu schaffen, wenn man Kleinbauern ernst nimmt.

SPIEGLE ONLINE: Immer mehr Nahrungsmittel werden für Biosprit verbraucht. Was ist wichtiger: Klimaschutz oder die Linderung des Hungers?

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind

Südhoff: Die Menschheit hat heute zu wenig zu essen, fährt aber zu viel Auto. Wenn man Bioenergie nachhaltig und zum Nutzen der Kleinbauern produzieren kann, soll man das tun. Nach Meinung vieler Experten waren so aber etwa die ehrgeizigen Biosprit-Ziele der Europäer nicht machbar, die nun ja auch korrigiert wurden.

SPIEGEL ONLINE: Die Biosprit-Ideen sollen den Industrieländern dabei helfen, ihren Lebensstandard und ihre Mobilität zu erhalten. Auf Kosten der Entwicklungsländer?

Südhoff: Es gibt die Tendenz, im Norden Probleme zu schaffen und sie den Süden ausbaden zu lassen. Das zeigt sich beim Klimawandel, der Finanzkrise und bei Ernährungsfragen. Diese verheerende Tendenz nährt unsere Befürchtungen fürs kommende Jahr. Die Finanzkrise ist als Wirtschaftskrise noch gar nicht angekommen. Trotzdem wird schon jetzt kaum noch über die Hungernden, die Opfer von HIV und Aids et cetera geredet.


Das Interview führte Susanne Amann
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