Weltkrise Privat Bei Karstadt besteht Verdunkelungsgefahr

Alles, was Sie schon immer über die bevorstehende Insolvenz der Warenhausgröße wissen wollten - aber nie zu fragen wagten: Wo gehen zuerst die Lichter aus? Wie viel Rabatt gibt's auf Tiernahrung? Und was macht eigentlich Thomas Middelhoff?


Wirtschaftsfachleute sind sich einig: Bei Karstadt gehen diese Woche sehr wahrscheinlich vielleicht die Lichter aus. Bisher ließ man die Deckenbeleuchtung in den Filialen werktags einfach bis 20 Uhr brennen. Doch damit ist jetzt Schluss - was nicht nur ökologisch einen Schritt nach vorne bedeutet.

Karstadt-Mitarbeiter in Frankfurt: Mensch, konnte Middelhoff verkaufen!
dpa

Karstadt-Mitarbeiter in Frankfurt: Mensch, konnte Middelhoff verkaufen!

Zunächst sollen die Lichter punktuell gelöscht werden: Bis 12 Uhr in der ohnehin zu dieser Zeit schwach frequentierten Spielwarenabteilung, Restaurantbesucher sitzen dann pünktlich zur Mittagszeit im Dunkeln. Der Vorteil ist, dass sie dann auch die fettige Haut auf den Soßenwannen nicht mehr so genau sehen oder das zerkochte Asia-Gemüse an den Büffet-Stationen.

Wer stolpert, bekommt 5000 Bonusrabattpunkte

Überdies sind kurzfristige Überraschungsverdunkelungen geplant: Wer dann über Freizeitgummischuh-Wühltische oder Alukoffer-Sonderpräsentationen stolpert und sich ernsthaft verletzt, erhält 5000 Bonusrabattpunkte gutgeschrieben. Der Gegenwert von etwa 7,5 Cent wäre am letzten verkaufsoffenen Sonntag einzulösen gewesen - allerdings nur zwischen 8 Uhr und 8.15 Uhr, in der Großelektro-Abteilung und wenn der eigene Nachname mit Y beginnt oder auf -chtzschkowski endet. Fundierte Beratungsgespräche beeinflusst die geplante Verdunkelung nicht: Freundliches Fachpersonal hat man schon früher eher selten gesehen.

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Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.

Handelsexperten sagen unisono: Eine Fusion der Karstadt-Warenhäuser mit der Konkurrenz von Kaufhof macht absolut Sinn - oder auch überhaupt keinen. Die geplante gemeinsame Warenhaus AG soll entweder Karhof oder Kaufstadt heißen. An Standorten mit Filialen beider Konzerne ist angedacht, zusammen ins jeweils größere Haus zu ziehen. Das kleinere wird zum Parkhaus umgewidmet, Indoor-Spielplatz oder Freudenhaus.

Um kartellrechtliche Probleme zu vermeiden, bekommen alle Verkaufsartikel künftig einen Karstadt-, Kaufhof- und sogar Hertie-Preis. Die Kunden können dann frei entscheiden, welchen der drei sie zum Beispiel für Baumwolltrikotagen, hühneraugenfarbene Einlegesohlen, Ladyshaver oder modische Zwölf-Mann-Zelte zu zahlen bereit sind.

20 Prozent Tiernahrung auf alles - außer Rabatt

Es sollen aber keine Job-Kapazitäten abgebaut werden, nur um Synergien zu heben - man will auch deshalb einen Haufen Leute rausschmeißen, weil's einfach billiger ist. Die Belegschaft sammelt jetzt Unterschriften von Kunden, die im Handel bekanntlich mit den Füßen abstimmen. Sie dürfen aber auch mit der Hand unterschreiben. Wenn eine Million zusammen sind, hat man eine Million. Jeder Unterzeichner erhält als kleines Dankeschön 20 Prozent Tiernahrung auf alles - außer Rabatt.

Kaufhaus-Auguren sind 100-prozentig sicher: An der Misere ist Thomas Middelhoff schuld - wenn es nicht jemand anderes war. Als Herr Middelhoff bei der Firma anfing, hieß sie noch KarstadtQuelle und stand kurz vor der Pleite. Dann hat er alles umgekrempelt. Der Erfolg gibt ihm recht: Nun steht die Firma kurz vor der Pleite, heißt aber Arcandor. Herr Middelhoff galt eine Zeitlang als Obama des deutschen Einzelhandels. Jetzt ist er dessen George W. Bush.

Aber er war ein Verkäufer. Mensch, konnte der verkaufen! Das sagen alle. Und er strahlte immer wie das KaDeWe am Samstag vorm vierten Advent. Mensch, konnte der strahlen! Middelhoffs CO2-Emissionen müssen enorm gewesen sein. Damit ist jetzt auch Schluss, wie mit der sündteuren ganztägigen Beleuchtung in den Filialen. Gut unterrichtete Insider orakeln gar: Auch im Fall Middelhoff wächst die Verdunkelungsgefahr.

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