Weltsozialforum Lula sucht Schulterschluss mit Lateinamerikas Linken

Die Weltwirtschaft taumelt, der Stern von Davos sinkt - das Alternativtreffen in Belém am Amazonas-Delta ist zum Denklabor für eine neue Weltordnung aufgestiegen. Brasiliens Präsident Lula nutzt das Treffen zum Linksschwenk.

Aus Belém berichtet


Auftritte beim Weltsozialforum sind eine Feuerprobe für Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva: Als er 2005 in Porto Alegre redete, wurde er mit einem Pfeifkonzert empfangen. Die Linken waren enttäuscht über seine Wirtschaftspolitik, Umweltschützer kreideten ihm seine Unterstützung für die Agroindustrie an. Erleichtert eilte er von Porto Alegre direkt zum Treffen mit der Wirtschaftselite nach Davos, das hat ihm die Basis nie verziehen.

Staatschefs Lugo, Morales, Lula, Correa, Chávez: Vorkämpfer einer neuen Weltordnung
AP

Staatschefs Lugo, Morales, Lula, Correa, Chávez: Vorkämpfer einer neuen Weltordnung

Jetzt ist das Weltsozialforum nach Brasilien zurückgekehrt, und alles ist anders. Die Weltwirtschaft taumelt, der Stern von Davos sinkt, das Alternativtreffen in Belém am Amazonasdelta ist zum Denklabor für eine neue Weltordnung aufgestiegen. Lateinamerikas linke Staatschefs nutzten die Chance, sich als Vorkämpfer einer neuen Weltordnung zu präsentieren. Präsident Lula hatte seine halbe Regierung nach Belém abkommandiert.

Es war ein politischer Hochseilakt für den einstigen Gewerkschaftler: Am Nachmittag, als sich die vier linken Musketiere Hugo Chávez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien), Rafael Correa (Ecuador) und Fernando Lugo (Paraguay) in der Sporthalle einer Universität zum antiimperialistischen Gegengipfel trafen, war Lula ausgeladen. Brasiliens Landlosenbewegung MST, die zu der Veranstaltung eingeladen hatte, sieht in ihrem Staatschef einen Knecht des Kapitalismus.

Bush wird den linken Musketieren fehlen

Lieber blieb man unter sich: Lateinamerikas neue Linke, die doch in vielem der alten gleicht, feierte vor allem sich selbst. Chávez und Correa, der sich schon im Wahlkampf als passabler Sänger präsentiert hatte, stimmten die Revolutionsschnulze "Comandante Che Guevara" an, man schwenkte Kuba-Flaggen und wünschte George W. Bush als "Völkermörder" zum Teufel. Dieser Feind wird ihnen fehlen, auf Obama müssen sie sich noch einschießen.

"Comandante Chávez", wie der Venezolaner sich am liebsten nennen lässt, lässt keinen Zweifel daran, dass er sich als legitimer Nachfolger seines Idols Fidel Castro versteht: Er kam in olivgrüner Kampfjacke, zitierte ausgiebig sein Idol, und schloss seine Rede wie Castro mit einem deftigen "Socialismo o muerte". Der Sozialismus sei der einzige Weg zur Rettung der Menschheit, gab er dem begeisterten Publikum auf den Weg.

Am Abend, auf der offiziellen Veranstaltung des Weltsozialforums mit den Präsidenten, hatte der Caudillo sein Pulver verschossen, er hielt die kürzeste Rede seit Jahren. Großzügig überließ er Gastgeber Lula die Rolle des Stimmungsmachers.

Rund zehntausend Zuschauer waren in den "Hangar" geströmt, eine riesige Veranstaltungshalle an der Straße zum Flughafen. Aus Furcht vor Pfeifkonzerten und Buhrufen hatte die Regierung den Saal mit Lula-treuen Anhängern seiner Arbeiterpartei (PT) gefüllt, einige vereinzelte Störenfriede der Linkspartei PSOL, einer PT-Abspaltung, wurden ausgepfiffen und aus dem Saal gedrängt.

Lula sucht den Schulterschluss mit seinen linken Amtskollegen

Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen: Lula, der ernst und abgespannt wirkte, suchte den Schulterschluss mit seiner Basis und seinen linken Amtskollegen. Er griff sich das Mikrofon, marschierte ganz nach vorne an den Rand des Podiums und holte zum Rundumschlag gegen die reichen Länder des Nordens aus.

Jahrzehntelang hätten die Europäer und Amerikaner Lateinamerika wirtschaftspolitische Ratschläge erteilt, die Latinos sollten ihre Wirtschaft öffnen und den Einfluss des Staates zurückdrängen. "Jetzt haben die Reichen im Norden aus Verantwortungslosigkeit eine Weltwirtschaftskrise verursacht, und plötzlich feiern sie den Staat als Retter!", grollte Lula. "Das ist ihre Krise, nicht unsere!"

Dabei ist die Krise längst auch in Brasilien angekommen. Viele großen Industriebetriebe haben Kurzarbeit oder Entlassungen angekündigt, der Konsum ist eingebrochen, das Wachstum schrumpft. Lula versprach ein gigantisches staatliches Investitionsprogramm, um die Folgen zu mildern: Er will eine Million Häuser für die Armen bauen, der staatliche Energiekonzern Petrobras soll bis 2013 174 Milliarden US-Dollar im Land investieren. "Ich werde dafür Sorge tragen, dass nicht der Arbeiter die Zeche dieser Krise bezahlen wird!"

Er sei es satt, immer wieder kluge Ratschläge des Weltwährungsfonds zu hören, tobte Lula. "Jetzt soll der IWF mal Obama erzählen, wie er die Krise bekämpfen soll!"

Brasilien fürchtet um seine Bilanz

Sein Zorn ist echt: Lula fürchtet, dass die Krise ihm die Bilanz seiner Regierung verhageln könnte. 2010 sind Neuwahlen in Brasilien, er darf nicht wieder antreten. Seine Favoritin Dilma Roussef, die als eine Art Kabinettschefin fungiert, tut sich schwer im Vorwahlkampf. "Dilma, Dilma!" skandierten zwar einige Claqueure im Publikum, aber Feierstimmung kam nicht auf.

Dafür hat der Präsident wieder in den Schoß seiner Basis zurückgefunden. "Lula hat immer zu viel Konsens gesucht, das hat dem Land geschadet", sagt Norberto Citón, der Vertreter einer Landarbeitergewerkschaft aus dem südlichen Bundesstaat Paraná. Mit Strohhut und Gummilatschen steht er in dem modernen Konferenzzentrum, über seiner Schulter hängt die Stofftasche mit dem Logo des Weltsozialforums. Skeptisch lauscht er der Rede seines Präsidenten.

Als ein erschöpfter Lula kurz vor Mitternacht zum Abschied ins jubelnde Publikum winkt, hat Norberto sich mit ihm ausgesöhnt, vorerst zumindest: "Das war der Lula, wie ich ihn mag!"



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