Weltstadt Moskau Reich, rasant, Russlands neuer Traum
SPIEGEL ONLINE: Herr Jewtuschenkow, sagen Sie es uns in einem Satz: Moskau ist im Jahr 2008 ...
Jewtuschenkow: ... ohne jeden Zweifel eine Stadt von Weltrang. Auf einem Niveau mit Paris, London und New York. Das ist wie mit einem Fünf-Sterne-Hotel: Es genügt nicht, einfach ein Zimmer mit 200 Quadratmetern anzubieten, man braucht auch ein Bidet, gutes Shampoo, ein Schwimmbad im Hotel. Moskau ist eine Megapolis. Sie darf nicht schon um zehn Uhr einschlafen wie zum Beispiel Zürich und Genf - beides übrigens schöne Städte.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Tokio, Shanghai oder Rom?
Jewtuschenkow: Ich nehme die asiatischen Städte einmal aus. Das ist eine andere Welt. Rom sehe ich in etwa wie Sankt Petersburg, eine Perle der Kultur. Aber es ist zum Beispiel kein Finanzzentrum. Man kann New York, Paris oder London mögen oder nicht mögen. Aber niemand kann ihnen den Status als Megapolis absprechen. So ist das auch mit Moskau.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Einschätzung Moskaus wird viele in der Welt überraschen.
Jewtuschenkow: Nur jene, die Moskau in jüngster Zeit nicht besucht haben. Vor Jahren war das noch anders, doch jetzt haben wir die Kennzeichen einer Superstadt: eine große Zahl an Museen, an erstklassigen Hotels, an Restaurants und Clubs. Bei letzterem hat Moskau nach meinem Eindruck schon Paris und London überholt. Es gibt in Moskau Hunderte italienische Köche, darunter Spitzenköche, die mehr verdienen als in ihrer Heimat. Denken Sie daran, wie viele Milliarden in der russischen Hauptstadt umgesetzt werden, an die Quadratmeterpreise für Wohnungen und Büros, die Zahl der Autos, die Staus, nicht zuletzt das Tempo des Lebens.
SPIEGEL ONLINE: In Berlin gehen die Menschen auch schnell.
Jewtuschenkow: Ja. Aber Berlin weiß selbst, dass es sogar in Deutschland nur eines von vielen Zentren ist. Das Finanzzentrum ist immer noch in Frankfurt, viele Medien haben ihre Zentralen in Hamburg oder Köln, die Wirtschaft ist über das ganze Land verteilt. Berlin ist eine Beamtenstadt - und das reicht nicht für den Status einer Megapolis. Vielleicht wird es das ja noch.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie morgens von Ihrer Datscha an der Rubljoski-Chaussee ins Zentrum in Ihr Büro fahren, schauen Sie dann noch auf die Stadt, ihre Veränderungen, ihre Schönheit?
Jewtuschenkow: Leute wie ich stecken doch in einer regelrechten Zwangsjacke. Der Rhythmus des Lebens ist so, dass man ständig gezwungen ist, nach vorne zu stürmen. Um Schönheit zu genießen, braucht man aber Muße. Schönheit braucht Kontemplation, und Kontemplation braucht Ruhe und Abgeschiedenheit. Wenn du nun vom Haus zum Auto und vom Auto zum Büro und wieder zurückgehst und deine Arbeitstage mit Dutzenden von Treffen verbringst - wo bleibt da die Muße? Natürlich sehe ich aus dem Autofenster, wie Moskau-City wächst.
SPIEGEL ONLINE: Und was denken Sie dann?
Jewtuschenkow: Ich sehe, wie die Hochhäuser von Tag zu Tag höher werden - jedoch aus pragmatischer Perspektive. Ich denke daran, wie viel Quadratmeter Bürofläche schon gebaut sind und wohl noch entstehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der Nähe von Smolensk geboren, aber schon als Student nach Moskau umgezogen ...
Jewtuschenkow: ... heute ist es eindeutig meine Heimatstadt. Marx hatte Recht, als er sagte, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Wer lange in einer Stadt lebt, wird zum Patrioten dieser Stadt. Würde ich seit 20 Jahren in Berlin leben, wäre ich ein Patriot Berlins. Wäre es London, würde ich für London schwärmen, so wie es viele Russen tun, die dort seit 15 oder mehr Jahren leben. Andere begeistern sich für Paris und sagen nach ein paar Jahren, dass die französische Hauptstadt überhaupt der einzige Ort ist, an dem man leben kann. All das ist normal. Es wäre ja auch schwierig, in einer Stadt zu leben, die einem zuwider ist. Man würde solch einen Menschen doch für einen rechten Dummkopf halten. Warum ändert er sein Leben nicht, wenn es ihm nicht gefällt?
SPIEGEL ONLINE: Sie bauen am Stadtrand von Moskau an einer Art russischem "Silicon Valley" und errichten Halbleiterfabriken. Wie wichtig ist Hightech in Ihrer Firmenpalette?
Jewtuschenkow: Das ist das Letzte, was ich hergeben würde. Russland hat allzu lange versucht, von seinen Ressourcen zu leben angefangen mit Peter dem Großen, ach, wahrscheinlich schon zuvor. In all dieser Zeit ist es Russland aber nicht gelungen, dauerhaft zu einer wirklichen Weltmacht zu werden - einfach weil es dazu mehr braucht als Rohstoffe. Der Intellekt, das Wissen, das Know-how sind das Entscheidende. Indien verdient mit seiner Software-Industrie mehr als Russland mit dem Export von Öl. Und im Unterschied zu Rohstoffen ist das ein Produkt, das sich immer wieder erneuern lässt. Es ist unerschöpflich.
SPIEGEL ONLINE: Wird sich Russlands Zukunft daran entscheiden, ob es die Technologielücke zum Westen und zu den führenden Ländern Asiens schließen kann?
Jewtuschenkow: Ja. Leider scheint es das Schicksal Russlands zu sein, Rohstoffe zu fördern und zu verkaufen, doch ist es wichtig, noch eine zweite Säule hinzuzufügen: Hightech. Versuche eines technischen Durchbruchs gab es schon früher. Wir haben viele bekannte Wissenschaftler hervorgebracht ...
SPIEGEL ONLINE: ... aber wird der Technologiesprung diesmal gelingen?
Jewtuschenkow: Vielleicht ja, vielleicht nicht. Der Rohstoffreichtum hat uns oft dabei gestört, uns technisch zu entwickeln. Wenn ein Mensch damit Geld verdienen kann, ein Bohrloch in die Erde zu treiben, ist das einfacher, als eine neue Erfindung zu machen. Und die Menschen sind faul.
SPIEGEL ONLINE: In einigen Jahrzehnten gehen Russland Öl und Gas aus.
Jewtuschenkow: Wir spüren heute schon, dass die Rohstoffe weniger werden. Es ist schwer, die Technologielücke zu schließen. Wir sind überall einige Generationen im Rückstand. Wer heute fünf Generationen hinterherhinkt, kann morgen noch weiter zurückfallen. Wenn du nur langsam vorankommst, kannst du die anderen nicht einholen. Schlimmer noch, der Abstand vergrößert sich, weil ja auch die Konkurrenten nicht auf der Stelle treten. Deshalb ist Russland auf den Westen und den Technologieimport angewiesen.
SPIEGEL ONLINE: Wer folgt Ihnen als Firmenpatriarch nach, wenn Sie in ein, zwei Jahrzehnten nicht mehr an der Spitze von Sistema stehen?
Jewtuschenkow: Ich habe kürzlich erst in einer Zeitung gelesen, dass manche Reiche ihre Kinder speziell dazu erziehen wollen, mit ererbtem Geld vernünftig umzugehen. Das Problem ist: Jede noch so große Summe kann verprasst werden. Ich habe lange nicht verstanden, warum US-Milliardäre ihr Geld Stiftungen überschrieben haben. Jetzt leuchtet mir das ein. Geld ist eine Waffe, die sehr gefährlich sein kann. Wie eine Droge kann es die Psyche zerstören.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen Ihr Reichtum?
Jewtuschenkow: Nichts. Im Großen und Ganzen nichts. Geld ist für mich nur ein Mittel, um die Ideen zu verwirklichen, die ich habe. Hätte ich keine Ideen, wüsste ich nicht, was ich mit dem Geld anfangen soll.
SPIEGEL ONLINE: Wird Sistema dann in 20 Jahren kein Familienunternehmen mehr sein?
Jewtuschenkow: Teile unserer Holdings sind ja schon jetzt börsennotiert. Wir werden uns entwickeln, wie das zum Beispiel bei Siemens in Deutschland der Fall war. Das ist der einzige Weg zu überleben.
Das Interview führte Matthias Schepp
In Moskau leben mehr Dollarmilliardäre als in New York, die Wolkenkratzer sind höher als in Frankfurt und die Bars hipper als in London. Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wer den Preis für den rasanten Fortschritt des "Manhattans an der Moskwa" zahlt.