Weltwirtschaftsforum Lemminge in Davos

Pessimismus prägt den Auftakt des Weltwirtschaftsforums: Spitzenmanager überbieten sich mit Schreckensszenarien - und streiten heftig über mögliche Lösungen. Davos wird zum Sanatorium der Weltwirtschaft.

Aus Davos berichtet


Davos - Steve Schwarzman hat wohl selten so hilflos gewirkt. Wie alle Teilnehmer der Diskussion muss auch er irgendwann vom Pult der Diskutanten aufstehen, sich allein auf eine kleine, kreisrunde Fläche stellen und seine Forderungen vortragen. So will es das Drehbuch der Veranstaltung auf dem Weltwirtschaftsforum, schließlich soll das hier eine TV-Talkshow werden.

Gipfel-Teilnehmer in Davos: "Das ist alles ein Spiel, vor allem dieses Jahr"
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Gipfel-Teilnehmer in Davos: "Das ist alles ein Spiel, vor allem dieses Jahr"

Schwarzman wirkt ziemlich verloren. "40 Prozent des weltweiten Reichtums sind in den letzten Monaten zerstört worden", setzt er an - und bittet dann minutenlang darum, die Finanzbranche bei der Regulierung trotzdem nicht zu allzu hart heranzunehmen. Schließlich könne die Industrie auf keinen Fall in eineinhalb Jahren aus den Bilanzen die Luft rauslassen, die über Jahrzehnte mit Krediten aufgepumpt wurden.

Schwarzman hat nicht viel Zeit für seine Rede, schnell dröhnt martialische Musik aus den Lautsprechern, auf einem Bildschirm läuft sein Countdown: Noch zehn Sekunden Redezeit, neun, acht.... Schwarzman redet einfach weiter. Wie ein Angeklagter, der die letzte Möglichkeit nutzen will, sein Anliegen vorzutragen.

Champagner und Hors d'oeuvre täuschen

Dabei steht das Urteil längst fest. 70 Prozent im Publikum lehnen seine Vorschläge ab, wie die anschließende Abstimmung zeigt. Das Wort von Männern wie Schwarzman, den einst gefeierten Finanz-Jongleuren der Wall Street, findet kein Gehör mehr. Nicht einmal auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo Schwarzman und seine Mitstreiter früher Stars waren.

Sein Auftritt ist symptomatisch, denn der Gipfel steht ganz im Zeichen der Krise. Auch wenn man das erst nicht merkt: Auf dem Eröffnungsempfang wird Champagner getrunken, beflissene Kellner halten den hochkarätigen Gästen im Sekundentakt Tabletts mit Hors d'oeuvre unter die Nase. In den Hotelgängen führen Wirtschaftsbosse mit gesenkter Stimme Gespräche. Aber ein Manager sagt offen: "Das ist alles ein Spiel, vor allem dieses Jahr. Es sind bestimmt viele hier, die eigentlich schon wissen, dass es schlecht steht um ihre Firma. Und die jetzt Geld auftreiben wollen."

Noch nie war dafür so viel politisches Führungspersonal da. Allein 40 Staatschefs haben sich angesagt: Bundeskanzlerin Angela Merkel, der britische Premier Gordon Brown, Russlands Premierminister Wladimir Putin, Chinas Premier Wen Jiabao. Als ob auch sie diese letzte Gelegenheit nutzen wollten, um ihre Botschaft loszuwerden, bevor im April der G-20-Gipfel beginnt, der erste Regeln für die Weltfinanzmärkte beschließen soll.

Vielleicht wird hinter verschlossenen Türen auch noch an so mancher Lösung für diesen Termin gearbeitet. Vor einigen Wochen gab es Gerüchte, die Verantwortlichen kämen bei den im November in Washington verteilten Aufgaben nicht weiter.

Appell zur globalen Zusammenarbeit

Ein Appell zur globalen Zusammenarbeit jagt den nächsten. Chinas Premier Jiabao fordert die "Vertiefung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit" und die "Reform des internationalen Finanzsystems". Dabei glaubt so mancher Insider, dass der natürliche Weg aus der Krise erst einmal im eigenen Land angegangen werden muss. Griechenland, Italien und Frankreich hätten doch komplett andere Probleme, als etwa Lateinamerika oder Asien, sagt Subramaniam Ramadorai, Chef des größten indischen IT-Dienstleisters Tata Consultancy Services. Island sei komplett "zur Hölle gegangen". Natürlich konzentriere sich das Land erst einmal auf sich selbst.

Und doch ist der Handlungsdruck groß. Das zeigen nicht zuletzt die Nachrichten zum Auftakt von Davos – und die sind alles andere als ermutigend: Die Weltwirtschaft befinde sich in der schlimmsten Krise seit den dreißiger Jahren, erklärt Jiabao, auch China habe Probleme. Ökonom Stephen Roach prognostiziert ein weltweites Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent – für die kommenden drei Jahre. Eine "Fast-Rezession", vor allem wenn man es mit der Entwicklung der vergangenen Jahre vergleicht, die zwischen vier und fünf Prozent lag.

Lars Thunell, der Chef der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC), will keinen klaren Zeitrahmen geben: "Die Erfahrung und wissenschaftliche Studien zeigen, dass dies einige Jahre dauern kann", sagt er nur. Selbst Vertreter von Staatsfonds, die am Anfang dieser Krise noch so manch notleidender Bank beisprangen, geben sich zurückhaltend: "Viele Staatsfonds werden erst einmal in die Defensive gehen, mindestens für die nächsten sechs Monate", sagt der Direktor des Staatsfonds von Malaysia, Azman Mokhtar.

Auch die Unternehmer vor Ort haben wenig Positives zu berichten. Ramadorai zeichnet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein deprimierendes Bild der einstigen Boom-Branche. "Wir waren an Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent gewöhnt", sagt Ramadorai. Das werde auf absehbare Zeit nicht mehr drin sein. Zu sehr sei die Industrie auf Kunden aus dem US-Finanzbusiness konzentriert gewesen.

"Kapitalspritzen sind nicht genug"

Auch der Vorstand eines deutschen Finanzkonzerns sagt, für die kommenden zwei Jahre rechne er nicht mit einer Erholung. "Weiter können wir nicht schauen." "Die Welt befindet sich in einem Schockzustand", bringt es Star-Investor George Soros auf den Punkt.

Dementsprechend emotional wird über die richtigen Lösungen gestritten. Sind die milliardenschweren Konjunkturprogramme der Regierungen sinnvoll oder kopfloser Aktionismus? Er sehe einen "Lemming-ähnlichen" Effekt, sagt der südafrikanische Finanzminister Trevor Manuel. Er fürchte, die westlichen Staaten überschuldeten sich, ohne dass es helfe. Heizo Takenaka von der Keio Universität in Tokio warnt: "Nach unserer Erfahrungen sind Kapitalspritzen nicht genug." Das habe die Krise in Japan in den neunziger Jahren deutlich gezeigt. Die Krise werfe die Globalisierung um Jahre zurück, sagt Ramadorai – jedes Land kümmere sich erst einmal um sich selbst.

Und trotzdem: Viele Manager warnen vor Überregulierung. Derivate würden jetzt grundsätzlich als Teufelszeug verdammt, sagt ein deutscher Top-Manager zu SPIEGEL ONLINE. Dabei komme es doch auf die Struktur an, ob solche Instrumente "Luftnummern sind oder sinnvolle Hedging-Instrumente", mit denen Risiken abgefedert werden. Bei allen Rufen nach neuen Regeln müsse auch bedacht werden, dass vielen Geldinstituten nicht zuletzt neue Bilanz-Vorschriften in der Krise "um die Ohren flogen", sagt der Finanzmanager. So manche künstliche Rechengröße von Basel II, die Transparenz schaffen sollte, habe ungewollte Folgen etwa für die Eigenkapitalgröße gehabt. "Ohne dass ein Cent geflossen ist."

Davos 2009 werde eins der wichtigsten Treffen in der Geschichte des Forums überhaupt, hatte Forumsgründer Klaus Schwab schon im Vorfeld verkündet – genau wegen solcher Diskussionen. Ein "Sanatorium" für die Weltwirtschaft. Die Teilnehmer sehen das realistischer: "Die Sache ist zu komplex", erklärt etwa Hans Wagener, Deutschland-Chef der Wirtschafsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers. "Das ist eine Vertrauenskrise", sagt er. Und welche ökonomischen Rezepte könne es dafür schon geben? "Entweder es springt wieder an, oder nicht."

Immerhin: Endlich wird auf internationaler Ebene einmal nicht nur über das unmittelbare Krisenmanagement gesprochen – sondern auch über die sozialen und politischen Folgen des Desasters. Was passiert in China, wenn das Wachstum ausbleibt? Was bedeutet das für Regionen, in denen Millionen Wanderarbeiter plötzlich um ihren kargen Lohn bangen müssen? Der südafrikanische Finanzminister Manuel erklärt eindringlich, schon jetzt flössen sehr viel weniger Investitionen in Entwicklungsländer. "Die armen Menschen bleiben außen vor, weil der Fokus auf die Rettung der Banken geht."

Und doch: In Davos finden sich noch Optimisten, auch wenn sie wirken wie aus einer anderen Zeit. "Wir sind die technologische Hoffnung von 2009", ruft ein junger Mann, kaum dass man ihm die Hand geschüttelt hat, während sein Kompagnon hinter ihm steht und bestätigend nickt. 25 sind die beiden Informatiker in den grauen, mattglänzenden Seidenanzügen. "Ich bin der CEO und er ist der Senior Vice President von Nivio." Gemeinsam vermieten sie Office-Anwendungen wie Windows über das Internet - und sie führen sich auf, als ob sie von der Finanzkrise noch nie sagen: "2009 wird unser Jahr."

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