Bessere Pandemiepolitik Warum Davos nächstes Jahr in Asien liegt

Der vorübergehende Umzug des Weltwirtschaftsforums nach Singapur ist ein Schlag für die Schweiz und ihre Corona-Politik. Ökonomen hatten zuletzt die schwache Pandemiebekämpfung kritisiert.
Von Charlotte Theile, Zürich
Davos, traditioneller Veranstaltungsort des Weltwirtschaftsforums

Davos, traditioneller Veranstaltungsort des Weltwirtschaftsforums

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FABRICE COFFRINI/ AFP

Seit einigen Hundert Jahren sind die Schweizerinnen und Schweizer daran gewöhnt, dass Katastrophen auf wundersame Weise an ihren Landesgrenzen haltmachen. Egal wie schlimm die Lage andernorts war: In den Alpen konnte man auch im Winter 1944 ungestört Skifahren. Wer an Tuberkulose litt, reiste nach Davos, um sich zu erholen; wer sensible diplomatische Verhandlungen führen wollte, fand in Genf Sicherheit und Diskretion. Und wer einfach nur den Wunsch hatte, sein Vermögen zu vermehren, fand im ganzen Land Bankiers, die das so geräuschlos erledigten, dass die Steuerfahnder daheim nichts mitbekamen.

Die Corona-Pandemie allerdings hat das Bild der krisensicheren Schweiz aus den Angeln gehoben. In diesen Herbstwochen wurden die friedlichen Bergorte zu Gipfeln des europäischen Infektionsgeschehens. Die Hotspots in Genf, Schwyz, Nidwalden oder Zürich sorgten auch deshalb für Irritation, weil die Verantwortlichen in Bern nur zögerlich Maßnahmen ergriffen. Während in vielen anderen europäischen Ländern ein neuerlicher Lockdown ausgerufen wurde, setzt die Schweiz auf Eigenverantwortung – die kleinen Kantone, die Bürgerinnen und Bürger, sollen im Wesentlichen selbst entscheiden, wie viel Vorsicht sie für angemessen halten. Der Bundesrat in Bern begründet diese Strategie auch mit einer wirtschaftlichen Abwägung: Man könne es sich nicht leisten, Skigebiete und Verkaufsflächen zu schließen. Dann lieber höhere Infektionszahlen und mehr Todesfälle.

Singapur statt Davos

Wie kurzsichtig diese Herangehensweise war, zeigte sich in den vergangenen Tagen. Die Schweiz verliert nämlich vorübergehend einen ihrer wichtigsten Magneten: Das Weltwirtschaftsforum (WEF) im Kanton Graubünden, das für 2021 sowohl zeitlich als auch örtlich verlegt wurde – bis vor wenigen Tagen war ein reduziertes Treffen im Mai in Luzern geplant. Traditionell findet das Treffen im Januar im abgelegenen Davos statt, wo Anfang des 20. Jahrhunderts die Tuberkulose-Patienten behandelt wurden.

Doch mit Blick auf die hohe Inzidenz haben Politiker und CEOs wenig Lust, einen Flug nach Zürich oder Genf zu buchen. Und deshalb macht nun ein ganz anderer Standort das Rennen: der reiche Stadtstaat Singapur, südlich von Malaysia. Dort ist die Pandemie seit dem Sommer unter Kontrolle. Grund dafür sind strenge Maßnahmen, wie sie viele asiatische Länder ergriffen haben: Temperaturmessungen, Maskenpflicht, lückenlose Kontaktverfolgung.

Dass diese Auflagen nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Wirtschaft des Landes einen Dienst erwiesen haben, wird den Schweizern – und vielen anderen Europäern – erst mit großer Verzögerung bewusst. 

Und das trotz zahlreicher Warnungen. So meldeten sich Anfang November 60 Schweizer Ökonominnen und Ökonomen zu Wort, die angesichts schnell steigender Zahlen einen zweiten Lockdown forderten – nicht aus Sorge um Menschen mit Vorerkrankungen, sondern aus finanziellen Erwägungen. Darin heißt es:

»Der oftmals übersehene Aspekt dabei ist, dass in einer Situation mit starker Ausbreitung des Virus (wie in der Schweiz heute mit den relativ milden Maßnahmen) die Gesundheitsrisiken zu Vorsorge- bis hin zu Panikreaktionen führen, die ein geregeltes Wirtschaftsleben ebenfalls unmöglich machen.«

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner waren überzeugt, dass die oft vorgebrachte Dichotomie von Wirtschaft und Gesundheit nicht existiere – sondern, im Gegenteil, diejenigen einen Nachteil zu befürchten hätten, die sich der Pandemie nicht entschlossen in den Weg stellten.

Das Forum steht 2021 ganz im Zeichen der Pandemie

Ganz ähnlich scheinen das auch die Organisatoren des Weltwirtschaftsforums zu sehen. Mehrere Schweizer Zeitungen berichteten, dass WEF-Gründer Klaus Schwab die »Laisser-faire-Haltung« des Landes mit großem Ärger beobachtet hat – schließlich war es Schwab wichtig, dass auch der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Joe Biden, an dem Forum teilnimmt. Der 78-jährige Politiker ist für seine große Vorsicht bekannt. 

Die Suche nach einem neuen Standort führte Schwab nach Singapur. In der vergangenen Woche, als diese Nachricht in der Schweiz durchsickerte, reagierten Politiker und Unternehmer alarmiert. Insbesondere in der Gegend um Luzern, wo man sich bereits auf das Forum im Mai eingerichtet hatte, gab es Protest. Doch es war zu spät. 

Am Montag wurde bekannt, dass das Weltwirtschaftsforum 2021 in Singapur stattfinden wird. Das Motto der Zusammenkunft steht ganz im Zeichen der Pandemie: »The Great Reset« will die Krise als Chance für einen großen Neuanfang nutzen. 

»Die Pandemie hat ein seltenes und schmales Zeitfenster geschaffen, in dem die Möglichkeit besteht, zu reflektieren, neu zu denken und unsere Welt neu auszurichten«, sagte WEF-Gründer Schwab. Gut möglich, dass zu diesem Neuanfang auch ein neuer Standort in Asien passt.

In der Schweiz, wo einige Journalisten inzwischen eine dritte Pandemiewelle heranrollen sehen, will man nichts von großen Neuanfängen in anderen Teilen der Welt wissen. Stattdessen hofft man, dass alles beim Alten bleibt und das Land seine Rolle als sicherer Hafen in einer unruhigen Welt zurückerobern kann. In Graubünden zumindest arbeitet ein neu gewählter sozialdemokratischer Landammann bereits auf das Jahr 2022 hin. Dann sollen die Reichen und Mächtigen nach Davos zurückkehren.

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