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»Wenig Arbeit, aber viel zu tun«

Tausende von Arbeitslosen können über staatliche Programme, zumindest zeitweilig, wieder einen Job finden. Sie übernehmen Arbeiten, für die es sonst in den Kommunen an Geld fehlt - entlohnt werden sie von der Bundesanstalt für Arbeit. Noch allerdings mangelt es vielfach an Phantasie, um alle Möglichkeiten zu nutzen. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Achtzehn Monate lang suchte Petra Hötzel, inzwischen 21, vergeblich nach einer Lehrstelle. Dann wollte sie einfach Geld verdienen, im Pferdestall oder als Anstreicherin. »Aber da lief gar nichts.«

Jetzt ist Petra Hötzel bei einer privaten Müllabfuhr. Im münsterländischen Stadtlohn holt sie bei den Haushalten Holzkisten mit sortiertem Abfall ab. Glas, Papier und Metall wird verkauft und deckt die Transportkosten des Recycling-Vereins.

Das Geld, mit dem der Verein Petra Hötzel und ihre Kollegen entlohnt, kommt überwiegend vom Arbeitsamt: Die Altstoff-Sammlung wird staatlich gefördert, sie ist - im Amtsjargon - eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM).

Bei gut zwei Millionen Arbeitslosen und schleppender Konjunktur ist es für viele die letzte Chance, derzeit überhaupt einen Job zu bekommen. Das staatliche Programm ist umstritten, aber zur Zeit das einzige wirksame Instrument, das rasch wenigstens ein paar Hunderttausend Arbeitslosen wieder eine Beschäftigung geben kann.

Sie sei zu Hause, sagt die Hamburger Holzwirtin Doris Wrona, nach Monaten der Arbeitslosigkeit »fast durchgedreht«. Jetzt hat sie - zunächst für zwei Jahre - einen ABM-Job und lernt sogar etwas dazu: Für den Senat untersucht sie die Schäden, die der saure Regen angerichtet hat.

Rund 55 000 Arbeitslose sind derzeit wie Petra Hötzel und Doris Wrona in ABM-Stellen untergekommen. Sie alle waren zuvor länger als ein halbes Jahr arbeitslos, ihre Aussichten auf einen neuen Arbeitsplatz waren schlecht.

Da zögerten die meisten nicht lange, als das Arbeitsamt ihnen eine ABM-Stelle anbot. Das ist zunächst einmal ein Job für ein Jahr, in vielen Fällen für zwei oder drei Jahre. »Man wird wieder gefordert, und das ist ganz wichtig«, sagt Holzwirtin Wrona.

Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit zahlt in der Regel 80 Prozent des Lohnes, gelegentlich sogar das ganze Entgelt. Sie fördert allerdings nur Tätigkeiten, die - so verlangt es das Arbeitsförderungsgesetz - »im öffentlichen Interesse liegen« und die sonst nicht erledigt würden.

Sinn macht das fast alles, die ABM-Kräfte fegen nicht nur Laub in Stadtparks: Sie fahren Mahlzeiten für Alte und Kranke aus, sammeln Altpapier, betreuen Obdachlose und Behinderte, unterrichten ausländische Schüler.

»Es gibt«, weiß der ABM-Verfechter Jobst Fiedler von der Hamburger Sozialbehörde, »wenig Arbeit, aber sehr viel zu tun.«

Die Möglichkeiten staatlicher Arbeitsbeschaffung wurden bislang eher mit Skepsis und Argwohn betrachtet. Aber je knapper die Arbeitsplätze werden, um so mehr leuchtet die Formel ein - statt Arbeitslosigkeit lieber Arbeitsplätze finanzieren. Denn die großen Lösungen - Arbeitszeitverkürzung oder milliardenschwere Beschäftigungsprogramme, wie sie die Sozialdemokraten in der vergangenen Woche erneut forderten - sind derzeit nicht durchsetzbar.

Bereits im vergangenen Herbst stockte die Bundesanstalt für Arbeit die ABM-Mittel für 1983 auf 1,3 Milliarden Mark auf. Statt 29 200 wie 1982 sollen in diesem Jahr 56 000 Arbeitslose eine befristete Anstellung erhalten.

Danach setzte ein Run auf die ABM-Gelder ein. Städte und Landkreise, Sozialverbände und Naturschutzorganisationen, _(Oben: in Stadtlohn; ) _(unten: im Botanischen Garten Hamburg. )

Bürgerinitiativen und Vereine griffen nach Jahren der Zurückhaltung zügig zu: Binnen sechs Monaten schnellte die Zahl der ABM-Beschäftigten von 23 600 (Februar) auf 54 300 im Juli - eine »ganz überraschende Entwicklung«, findet Norbert Baunach von der Nürnberger Bundesanstalt.

Im Januar hatten Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) und der Präsident der Bundesanstalt, Josef Stingl, noch Sorge, daß die ABM-Mittel überhaupt in Anspruch genommen würden. Doch der Zulauf war so groß, daß Anfang August sogar noch einmal 360 Millionen Mark bewilligt werden mußten.

Der Hamburger Senat hatte als einer der ersten die Chance erkannt, Arbeitslose auf Kosten der Bundesanstalt zu beschäftigen. Hamburg legte ein 123-Millionen-Programm zum Ausbau eines sogenannten zweiten Arbeitsmarkts vor: 3500 Arbeitslose, die über den regulären Arbeitsmarkt nicht vermittelt werden können, sollen damit fürs erste wieder Arbeit und Lohn erhalten.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, erklärte Bürgermeister Klaus von Dohnanyi vor dem Stadtparlament, »erlauben uns, das Geld, das sonst in erster Linie für Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger eingesetzt wird, ohne daß diese dafür tätig werden, umzumünzen in eine sinnvolle, für die Stadt nützliche Beschäftigung«.

Das leuchtete ein. Inzwischen finden sich nicht nur in den Kommunen, denen allen die Mittel für eigene Beschäftigungsprogramme fehlen, immer mehr Befürworter des zweiten Arbeitsmarktes.

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm preist die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als »Therapie gegen Mutlosigkeit«. Die Programme seien, findet Ursula Engelen-Kefer, im DGB-Vorstand zuständig für Arbeitsmarktpolitik, die »bessere Alternative zum Stempelgeld«.

»Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht«, assistiert der Berliner Arbeitsmarktforscher Fritz Scharpf, »sind Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen noch das kostengünstigste und wirkungsvollste Instrument im Kampf gegen Arbeitslosigkeit.«

Kostengünstig in der Tat: Ein ABM-Job ist kaum teurer als ein Arbeitsloser.

Der nämlich kostete - wenn er Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bezieht - die Bundesanstalt bereits 1981 im Schnitt 25 700 Mark jährlich. Übernimmt Nürnberg 80 Prozent der Personalkosten für eine ABM-Kraft, zahlt die Behörde 26 000 Mark pro Jahr.

Das Geld, so meint Arbeitsmarktforscher Scharpf, ist in jedem Fall gut angelegt. Scharpfs Internationales Institut für Management und Verwaltung hat errechnet, daß eine Million Mark, die der Staat sonst investiert, zehn bis 20 Arbeitsplätze schafft. Eine Million für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen dagegen

verhilft 40 bis 50 Menschen wieder zu einer geregelten Arbeit, tariflicher Bezahlung und einem neuen Anspruch auf Arbeitslosengeld - oft nach Jahren zwangsweiser Untätigkeit.

Geholfen werden soll vor allem den Arbeitslosen vom Ende der Schlange, deren Zahl stetig steigt: den Jugendlichen ohne Lehrabschluß, den schlecht oder gar nicht Ausgebildeten, den Behinderten. Daß die Therapie gegen die Mutlosigkeit wirkt, ist inzwischen vielfach belegt.

In Berlin beispielsweise hat der Senat das Geld aus Nürnberg genutzt, um gemeinsam mit dem DGB-Berufsfortbildungswerk Werkstätten für 80 Jugendliche einzurichten. Dort lernen die Schulabgänger sechs Monate lang etwas über Metall- und Holzverarbeitung, Druck und Elektrotechnik.

Offenbar mit Erfolg: Es sei gelungen, berichtet der Berliner Senatsrat Gerhard Stegemann, »im Schnitt 60 Prozent der Jugendlichen in feste Arbeitsverhältnisse oder berufsfördernde Maßnahmen zu bringen«. Damit kommen die Berliner über den Bundesdurchschnitt: In der Regel schaffen es 40 Prozent der ABM-Kräfte, auf einen Dauerarbeitsplatz zu kommen.

In vielen Städten koppeln die Arbeitsämter das staatliche Beschäftigungsprogramm für arbeitslose Jugendliche mit Schulunterricht. Dortmund etwa bietet unter dem Motto »Arbeit und Lernen« 80 Jugendlichen die Möglichkeit, den Hauptschulabschluß nachzuholen.

Vormittags tapezieren sie in Kindertagesstätten, streichen Spielplatzgeräte, bessern Grünflächen auf Schulhöfen aus, beschneiden in öffentlichen Parks Hecken und reinigen Blumenbeete. Nachmittags gehen die Jugendlichen dann zum Unterricht, der nach einem Jahr mit dem Hauptschulabschluß endet.

Auch die Dortmunder sind mit ihrem Erfolg zufrieden: Von den 80 Teilnehmern des Ausbildungsjahres 1982 schafften 57 den Hauptschulabschluß.

»Ich kann mir gar nicht vorstellen«, sagt Albert Demtröder, Arbeitsamtschef in Gelsenkirchen, »wie jemand mit gesundem Menschenverstand gegen die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sein kann.«

Zusammen mit Oberbürgermeister Werner Kuhlmann, einem engagierten ABM-Verfechter, bringt Demtröder seit Jahren mit Hilfe der Gelder aus Nürnberg Arbeitslose wieder zu einer bezahlten sinnvollen Beschäftigung. »Anders«, so der Arbeitsamtschef, »kommen wir hier gar nicht zu Rande.«

In Demtröders Bezirk, zu dem die Ruhrgebietsstädte Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck zählen, waren zum Jahresende 22 692 Menschen arbeitslos - bei 292 angebotenen Stellen. In Altgelsenkirchen kamen 168 Arbeitslose auf eine offene Stelle.

In strukturschwachen ländlichen Bereichen sind die staatlichen Programme oft das einzige Mittel, das sofort gegen Arbeitslosigkeit wirkt. In Gronau im Münsterland etwa liegt die Arbeitslosenquote bei über 20 Prozent. »Wer hier arbeitslos wird«, weiß Gronaus Stadtdirektor Hubert Behler, »der bleibt es auch, der gehört automatisch zu den Schwervermittelbaren.«

Wenn, wie geschehen, ein Textilbetrieb mit 750 Angestellten schließt, rutscht die Arbeitslosenquote gleich deutlich nach oben. »Ohne ABM«, sagt Behler, »sähe es hier noch trostloser aus.«

Jahrelang jedoch schienen Stadtväter und Arbeitsbeschaffer wenig Gefallen an ABM zu finden. Dortmund etwa - mit 35 200 Beschäftigungslosen Spitzenreiter unter den Städten im Pütt - brachte 1982 nur 528 Personen mit Hilfe der Bundesanstalt unter. In Nordrhein-Westfalen insgesamt (567 000 Arbeitslose) waren es 5200.

Und noch immer sehen viele das ABM-Programm nicht als sinnvolle Nothilfe, sondern als Irrweg an. Arbeitsbeschaffung mit dem Geld aus Nürnberg, so meinen die Kritiker, schüfe Arbeitnehmer zweiter Klasse, die unter Tarif bezahlt und auch beim Urlaub schlechter eingestuft würden. Zudem würden viele Kommunen und Organisatoren die gebotenen Möglichkeiten mißbrauchen und ohnehin fällige Arbeiten durch ABM-Kräfte erledigen lassen, um ihre eigenen Etats zu schonen.

So warf die Gewerkschaft ÖTV der Stadt Duisburg vor, Planstellen abzubauen, andererseits aber zunehmend Mittel für ABM in Anspruch zu nehmen. Derlei Mitnahmeeffekte brachten die Gewerkschafter so auf, daß der ÖTV-Kongreß 1980 die ABM-Praxis scharf mißbilligte und strenge Kontrollen forderte.

Auch Arbeitgeberverbände äußerten sich oft ablehnend. Als etwa der Berliner Senat rund 1800 ABM-Kräfte in Wälder, Parks und Grünanlagen schickte, damit sie dort aufräumten oder pflanzten, fürchteten die örtlichen Garten- und Landschaftsbauunternehmer um ihre städtischen Aufträge: Die Arbeitslosen als Gärtner, so monierten sie, machten die Gärtner arbeitslos.

Den unmittelbar Betroffenen, den mit Staatshilfe Beschäftigten, macht dagegen vor allem zu schaffen, daß sie in der Regel nur für kurze Zeit zu einem Job

kommen. Sie fühlen sich oft nur als Lückenbüßer und sind am Schluß ihrer Tätigkeit so frustriert wie zuvor.

Peter Krökel, seit viereinhalb Jahren arbeitsloser Lehrer in Hamburg, hat dreimal - sechs Wochen, sechs Monate, ein Jahr - als ABM-Lehrer ausländische Schüler unterrichtet. Ihm habe, sagt Krökel, die Arbeit Spaß gemacht, obwohl sein Vertrag mies gewesen sei.

Doch kaum hatte er nach mühevollen Monaten die ersten kleinen Erfolge, war der Job auch schon fast zu Ende. Das sei vor allem auch für die Schüler schlecht gewesen.

Noch einmal, so beschloß Krökel, will er bei »solchem Flickwerk« nicht mitmachen. Er läßt sich umschulen.

Ein anderer Fall: Margarete Ueffing hat drei Jahre lang - über ein ABM-Programm - bei der Dortmunder Arbeiterwohlfahrt in der Altenpflege gearbeitet. Vorher war sie lange arbeitslos gewesen, hatte nach eigener Einschätzung »den Kontakt zur Umwelt verloren«. Als sie den ABM-Platz bekam, habe sie aufgeatmet: »Endlich Kontakt zu Menschen, endlich wieder richtig Geld verdienen.«

Bis zuletzt habe sie auf eine Verlängerung ihres Vertrages bei der Arbeiterwohlfahrt gehofft. »Als ich dann hörte, daß es endgültig aus ist, da hatte ich wochenlang Depressionen. Wer will mich als 50jährige Ungelernte noch heutzutage?«

Andere sind von Anfang an nicht recht zufrieden mit dem, was sie tun. Sie halten die Arbeitsbeschaffungsprogramme für Beschäftigungstherapie mit öffentlichen Mitteln, fühlen sich gar an den Reichsarbeitsdienst erinnert.

Er habe, so klagte ein 50jähriger auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover, als ABM-Kraft in Bielefeld mit anderen Straßen und Bürgersteige vermessen müssen. Keiner von ihnen hätte gewußt wozu.

Ähnlich erging es Arbeitern in Hannover, die einen See in einem Friedhofsgelände mit der Schippe entschlammen sollten. Ein Bagger hätte das zwar schneller geschafft, aber das sei - so ein Beteiligter - »extra so arbeitsdienstmäßig gemacht worden - die Leute sollten ja die vorgesehene Zeit arbeiten«.

Solche Art von Beschäftigungstherapie schmälert die Chancen von ABM-Kräften, einen neuen festen Arbeitsplatz zu finden. »Viele Arbeitgeber denken«, so der Kölner Arbeitssoziologe Wilhelm Breuer, »ABM sei die letzte Beschäftigungsmöglichkeit für Drückeberger oder Leute, die nirgendwo sonst untergekommen sind.«

Auch die damals sozialdemokratisch geführte Bundesregierung schien zunächst vom zweiten Arbeitsmarkt wenig zu halten. Als die Etats zusammengestrichen wurden, traf es als erste auch die ABM-Programme. Wurden 1979 noch 51 200 Beschäftigte mit den Mitteln der Nürnberger Bundesanstalt bezahlt, so waren es 1982 nur noch 29 200.

Im vergangenen Herbst jedoch, als die Zahl der Arbeitslosen auf zwei Millionen stieg, schwenkten die Bonner um - die ABM-Mittel wurden wieder aufgestockt. Seit März 1982 sind ABM-Beschäftigte auch tariflich normalen Lohnempfängern gleichgestellt; Mißbräuche sind durch eine ABM-Anordnung weitgehend ausgeschlossen.

Mehr Geld allein wird jedoch wenig fruchten. Bislang fehlt es auch noch an Phantasie.

Wenn künftig in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen 20 statt bisher zehn Leute Grünarbeiten machten oder öffentliche Gebäude verschönten, warnt Arbeitsmarktforscher Breuer, sei nicht viel gewonnen. Breuer fordert, wie viele seiner Kollegen, nicht nur mehr ABM-Jobs zu schaffen, sondern auch deren Niveau zu erhöhen.

Da will Hamburg mit seinem zweiten Arbeitsmarkt ein Beispiel geben. »Wenn man nur systematisch sucht«, meint Jobst Fiedler von der Hamburger Sozialbehörde, »findet man eine große Palette von möglichen ABM-Stellen.«

Seit Mitte Februar ist eine neu zusammengestellte Mannschaft des Hamburger Senats auf der Suche. Nach einer ersten Zwischenbilanz liegen 3300 Vorschläge vor. Die Richtung wird bereits jetzt deutlich: Geboten werden Tätigkeiten, die dem Arbeitslosen das Gefühl geben, etwas Sinnvolles zu tun - und die tatsächlich gesellschaftlichen Nutzen bringen.

Da werden sogenannte Streetworker beschäftigt, Sozialarbeiter, die sich um gammelnde Jugendliche kümmern, da werden die Abwässer oder die Wälder der Hansestadt auf Schadstoffe untersucht. Andere bauen eine Landschaftsdatenbank auf oder schreiben die Geschichte eines Stadtteils.

Beim Aufbau des zweiten Arbeitsmarktes geht Hamburg sogar noch einen Schritt weiter. Der Senat versucht auch Sozialhilfeempfänger, die lange arbeitslos sind und von der Unterstützung leben, wieder in Arbeit und Lohn zu bringen - mit Hilfe einer Hamburger Arbeit-Beschäftigungsgesellschaft mbH, die 500 Arbeitsplätze und 55 Ausbildungsstellen anbieten soll. Hinzu kommen 60 Stellen für das Stammpersonal.

Auch hier gilt dasselbe Finanzierungsprinzip wie bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: Statt lediglich Sozialhilfe für unfreiwilliges Nichtstun zu zahlen, gibt der Senat das Geld für sinnvolle Arbeiten aus.

Wer bei der Beschäftigungsgesellschaft eingestellt wird, muß sich auf vielfältige, zum Teil ungewöhnliche Tätigkeiten gefaßt machen: Büromöbel reparieren, Arbeits- und Schutzkleidung nähen, Tupfer für chirurgische Kliniken, Verschlußhaken für Container fertigen, Wohnungen entrümpeln. Doch es sind alles Arbeiten, die selbst Menschen, die lange nicht mehr gearbeitet haben, leisten können.

Die Verträge laufen über ein Jahr, die Entlohnung ist durch Tarifvertrag geregelt. Einen Betriebsrat gibt es auch.

Hamburgs zweiter Arbeitsmarkt, so meinen viele Experten, könnte zum Modellfall _(Unterricht des Arbeitsamtes Dortmund, ) _(der den Hauptschulabschluß ermöglicht. )

für andere Gemeinden werden. Wenn es schon keine Vollbeschäftigung mehr geben werde, so Bernd Reissert vom Berliner Wissenschaftszentrum, müsse wenigstens die »Langfristarbeitslosigkeit mit ihren verheerenden psychischen und ökonomischen Wirkungen« beseitigt werden.

Für den Berliner Arbeitsmarktforscher Scharpf ist es gar ein »Gebot der sozialen Gerechtigkeit«, daß jedem langfristig Arbeitslosen über ABM ein Arbeitsplatz angeboten wird. Doch so einleuchtend die Arbeitsbeschaffung mit dem Geld aus Nürnberg scheint - die soziale Gerechtigkeit ist auch damit nicht zu erreichen.

Soll Scharpfs Forderung erfüllt werden, müßte nämlich rund eine Million Arbeitsplätze neu geschaffen werden - für alle, die inzwischen hierzulande länger als sechs Monate arbeitslos sind.

Oben: in Stadtlohn;unten: im Botanischen Garten Hamburg.Unterricht des Arbeitsamtes Dortmund, der den Hauptschulabschlußermöglicht.

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