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WINTERSPORT Wenig Hoffnung

Durch den Schneemangel im mildesten Winter seit 50 Jahren haben viele Gebirgsgemeinden, Bergbahn- und Skiliftbesitzer Millionen-Verluste erlitten.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Die Besitzer der Stümpflingsesselbahn in dem bayrischen Skigelände oberhalb des Spitzingsees rühmten kürzlich in Anzeigen ihre »lawinensicheren Abfahrten« und »gepflegten und gewalzten Skipisten«. Doch in dieser Saison gab es bisher nichts zu pflegen und nichts zu walzen: Wo im Januar normalerweise eine dicke Schneedecke liegt, blühen diesmal Gänseblümchen.

Wegen dieser Laune der Natur konnte auch die Karwendelbahn-Gesellschaft ihr Werbe-Versprechen ("Ausgangspunkt zu Deutschlands längster Skiabfahrt") nicht halten. Skifahrer, die sich auf ihre Pisten begeben, landen schon nach wenigen hundert Metern auf braunen Wiesen. Auf Schnee für »55 Bergbahnen und Skilifte mit 150 Kilometer Skipisten« (Werbung) warten auch zehn Gemeinden im Ostallgäu. Die Skilifte in Pfronten, Nesselwang oder Kranzegg stehen still.

Während die roten Berge von Madrid weiß bedeckt sind und in der Osttürkei erstmals seit Menschengedenken der Oberlauf des Tigris zufror, registrierten Meteorologen der Bundesrepublik den schneeärmsten und mildesten Winter seit über 50 Jahren.

Bundesbürgern, die in diesem Winter trotzdem Ski fahren wollen, bleibt nichts anderes übrig, als etwa in die Dolomiten oder ins Berner Oberland auszuweichen. Wem eine Umbuchung zu teuer oder zu lästig ist. muß sich mit Hallenbädern und Spaziergängen begnügen wie der holländische Landwirtschaftsminister Lardinois. der mit Frau und fünf Kindern zum Skiurlaub ins oberbayrische Rottach gekommen war und keinen Tag auf den Brettln stand.

Während sich im Flachland die Stadtkämmerer allenthalben die Hände reiben, weil Millionenausgaben für die Schneeräumung eingespart werden konnten, schauen Kurdirektoren, Skilehrer und Lifteigner im Harz, im Schwarzwald und besonders im Voralpengebiet sorgenvoll zum Himmel. Doch vorerst besteht wenig Hoffnung auf den weißen Segen: Das Wetteramt München prognostizierte Ende letzter Woche lapidar: »Keine entscheidende Änderung!«

Schon jetzt gehen die finanziellen Einbußen der Wintersportunternehmen in die Millionen. In der Chiemgaugemeinde Bergen zum Beispiel fährt die vor zwei Jahren für 13 Millionen Mark errichtete Kabinenbahn zum Hochfelln (1671 Meter) meist ohne Passagiere und bescherte dem Unternehmen, an dem 1900 Kleinaktionäre beteiligt sind, einen Umsatzrückgang von 75 Prozent.

In Ruhpolding registriert Eisenhändler Max Kriegenhofer, der im Vorjahr zu seinen drei Schleppliften noch eine Doppelsesselbahn auf den Unternberg (1420 Meter) baute (Kosten: 1,2 Millionen Mark), Umsatzeinbußen von 80 bis 100 Prozent. Kriegenhofer: »Das ist schon bitter.«

Mit einem Aufwand von rund zwei Millionen Mark renovierte in den letzten Jahren die Schwebelift GmbH und Co. KG ihre Anlagen auf dem Sudelfeld bei Bayerischzell. Doch »in diesem Jahr konnten drei Schlepplifte und zwei Sessellifte »noch kein bisserl fahren« -- so der Geschäftsführer der Gesellschaft, der Münchner Fleischkonservenfabrikant Kurt Sieber. Seinen bisherigen Ausfall schätzt Sieber auf 150 000 bis 180 000 Mark.

Auch Hotelier Michael Selbertinger, der in Bischofswiesen im Berchtesgadener Land für 100 000 Mark einen Schlepplift installierte, hat in diesem Winter noch keinen Pfennig verdient. Seine Anlage steht ebenso still wie die beiden Lifte, die von der Wendelsteiner Alm in die Höhe führen und an normalen Tagen bis zu 4000 Skifahrer befördern.

In Österreich fragte letzte Woche Nationalrat Dr. Rudolf Schwaiger aus Weer in Tirol, Mitbesitzer von sieben Schleppliftanlagen, ironisch: »Mögen S' meine Anteile haben?« Noch im vergangenen Jahr hatte Schwaiger in Wattens einen neuen Lift mit einer Flutlichtanlage fertiggestellt. Bis zum 10. Januar sollte der Lift 30 000 Mark eingefahren haben.

Der frühere Konzernherr und Großwerftbesitzer Willy Schlieker -- er gründete vor einigen Jahren in Ramsau bei Berchtesgaden einen Skizirkus -- skizziert den bisherigen Verlauf der Saison mit einem einzigen Wort: »beschissen«. Schlieker, der in einer normalen Saison rund eine Viertelmillion Skifahrer auf die Pisten liftet, hofft: »In zehn Jahren gleicht sich das vielleicht wieder aus.«

Das Münchner Fachgeschäft Sport-Scheck, das die größte Skischule Europas unterhält, hat alle Tageskurse bis auf weiteres verschoben. Schon in den letzten Wochen hatten die 500 Skilehrer des Unternehmens auf den Schneeinseln nur wenige Schüler (vergangene Saison: 11 000 Schüler) unterrichten können. Ski-Oberlehrer Manfred Wocheslander: »Bei uns drehen sich die Gebetsmühlen« daß Schnee kommt.«

Der schneearme Winter trifft die Wintersport-Branche besonders, weil sie in den letzten fünf Jahren kräftig investierte. In Bayern zum Beispiel erhöhte sich die Zahl der Schlepplifte von 330 im Jahre 1966 auf über 700 im vergangenen Jahr. Österreich, das vor fünf Jahren schon mit 1200 Liften einen Weltrekord hielt, kann den Touristen neuerdings 2285 Sessel- und Schlepplifte bieten. »Ohne den Wintertourismus« so Dr. Heinrich Klier, Vorsitzender der Seilbahngesellschaft »Wintersport Tirol AG«, wäre Österreich »auf dem Wirtschaftsniveau von Guatemala«.

Kommunen, die für den Ausbau von Wintersportanlagen hohe Kredite aufnahmen, kommen durch den schneelosen Winter in finanzielle Schwierigkeiten. So die Gemeinde Mehlmeisel im Fichtelgebirge, die 1970/71 für eineinhalb Millionen ein Skigebiet mit mehreren Liften ausbaute. Die besorgten Gemeindeväter wandten sich inzwischen hilfesuchend an den Landtagsabgeordneten Herbert Güthlein, der beim bayrischen Finanzminister Otto Schedl intervenierte: Der Parlamentarier regte an, den fehlenden Schnee als »Naturkatastrophe« zu deklarieren. Doch das Finanzministerium lehnte ab: »Für solche Fälle sehen die Bestimmungen nichts vor.«

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