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SOMMERZEIT Weniger hitzefrei

Alles Geschrei war umsonst: Gegner wie Befürworter der Sommerzeit hatten sich verrechnet.
aus DER SPIEGEL 36/1980

Gibt eine deutsche Kuh weniger Milch, wenn sie eine Stunde früher gemolken wird? Die Frage ist seit kurzem eindeutig geklärt: Es macht der Kuh nichts aus.

Lautstark hatten die Bauern sich gegen die Einführung der Sommerzeit gewehrt. Sie sorgten sich nicht nur um die Kühe: Auch die Heumahd könnte S.105 schwierig werden, weil früh noch zuviel Tau auf den Wiesen läge.

Die Landwirte waren nicht die einzigen, denen es gar nicht gefiel, daß sie ihre Uhr um eine Stunde vorstellen sollten. Gewerkschafter meinten, den Werktätigen drohten böse Unfallgefahren, wenn sie morgens eine Stunde eher auf die Straße gingen. Kinobesitzer bangten ums Geschäft, Kneipiers fürchteten, die Zecher, die ja oft das Tageslicht scheuen, könnten zu spät an die Theke finden.

Von alledem ist kaum noch die Rede. Einmal eingeführt, wurde die neue Zeitrechnung -- gültig von April bis September -- überwiegend klaglos akzeptiert.

( Die Sommerzeit gilt außer in der ) ( Schweiz in allen westeuropäischen ) ( Ländern. )

Milch und Bier fließen wie eh und je. Von hundert Schreiben, in denen sich Bundesbürger beim Bonner Innenminister über die europäische Frühzeit beschwerten, kam nur eines von einem Landmann.

Die Kinos sind nicht schlechter besucht als im vergangenen Sommer, im Gegenteil: Obwohl der Abend scheinbar später begann, gingen nach den jüngsten Zahlen der Filmförderungsanstalt 5,6 Prozent mehr Deutsche ins Kino als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres.

Nur die 22 bundesdeutschen Autokinos kamen wohl nicht zurecht. Oft mußten die Nachtvorstellungen an Wochentagen ganz gestrichen werden.

Ansonsten klagen vor allem Lehrer: Wegen der Zeitverschiebung hatten sie weniger hitzefrei.

Die meisten Bürger haben dagegen entdeckt, daß sie mit mehr Tageslicht auch ein bißchen mehr aus ihrem Leben machen können. Tennisfans und Hobbygärtner wissen die geschenkte Stunde ebenso zu schätzen wie Heimwerker, Schwarzarbeiter und die Freunde der Frischluft-Kneipe.

Daß die Sommerzeit -- wie vielfach erhofft -- auch ein wenig Energie sparen hilft, ist indessen nach den ersten Erfahrungen kaum noch zu erwarten.

Experten hatten geschätzt, daß der Stromverbrauch durch die bessere Tageslicht-Ausbeute ohnehin nur um 0,3 bis 0,15 Prozent sinken würde. Selbst diese bescheidene Einsparung indes können die Elektrizitätswerke aus ihren Zahlen nicht herauslesen.

Zwar werde -- so die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) -- der Verbrauch dieses Jahr um weniger als drei (1979: 4,5) Prozent zunehmen. Aber das liege an der erlahmenden Konjunktur.

Am Ende könnte daher die Einführung der Sommerzeit mehr kosten, als sie einbringt. Allein die Umstellung der Betriebe, meint VDEW-Sprecher Ernst Buck, sei »wahrscheinlich teurer als der Spareffekt beim Strom«.

Auch beim Öl und Benzin scheint da wenig zu holen. Die Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft will herausgefunden haben, daß die Autofahrer jetzt abends, weil es so lange hell ist, mehr fahren als früher. Und in den kühlen Morgenstunden wird zu Hause mehr Öl verheizt.

Die höhere Ausbeute an Tageslicht, fürchten die Forscher, bringe nur eine Ersparnis im Gegenwert von 350 000 Tonnen Öl, gerade eine Großtanker-Füllung. Und die gehe dann, weil wegen der Sommerzeit mehr gefahren und geheizt wird, angeblich ziemlich genau wieder drauf.

S.105Die Sommerzeit gilt außer in der Schweiz in allen westeuropäischenLändern.*

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