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Handel Wer das Geld hat

Hans Reischl, Chef der Rewe-Zentrale, ist mittlerweile der mächtigste Manager des bundesdeutschen Lebensmittelhandels.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Am liebsten hätte Hans Reischl die ganze co op gekauft. Im Mai überraschte der Chef der Handelskette Rewe die Branche mit dem Plan, die 1800 Lebensmittelläden des angeschlagenen Konkurrenten für 500 Millionen Mark zu übernehmen.

Damals kam Reischl nicht zum Zug, der Preis war den co-op-Managern zu niedrig. Vergangene Woche jedoch konnte der Rewe-Chef einen wunderschönen Erfolg feiern. Er wird rund 400 co-op-Filialen in Bayern und Baden-Württemberg schlucken, zum Kaufpreis von etwa 200 Millionen Mark.

Das ist mehr als ein gewöhnlicher Aufkauf im Handel. Die Rewe-Gruppe, schon jetzt Marktführer im bundesdeutschen Lebensmittelvertrieb, verschafft sich mit dem Großeinkauf einen kaum mehr einholbaren Vorsprung.

Der unscheinbare Hans Reischl, 50, hat es nun endgültig geschafft, er ist der Größte im deutschen Lebensmitteleinzelhandel.

Seit 1977 leitet der gebürtige Bayer die Kölner Rewe-Zentrale, die Dachorganisation der Rewe-Genossenschaftsgruppe. Das war damals, als Reischl Chef wurde, nichts weiter als ein Haufen Großhandlungen mit höchst unterschiedlicher Ertragskraft. Die Großhandlungen gehörten Tausenden von Einzelhändlern, die wiederum ihre Ware unter dem Rewe-Signet verkaufen.

Reischl erkannte, daß die Zeiten einer vielfach zersplitterten Genossenschaft vorbei sind. Ähnlich wie Helmut Wagner im Saarland, der aus Konsum-Läden den Asko-Konzern zusammenbaute, formierte Reischl aus den Rewe-Großhandlungen ein Lebensmittel-Imperium.

Widerstand gegen seinen raumgreifenden Herrschaftsanspruch gab es kaum. Die Kölner Rewe-Zentrale, die ursprünglich von den regionalen Genossenschaften getragen wurde, ist inzwischen finanziell längst unabhängig und dient den Genossen als Hausbank.

Mit etlichen Unternehmenskäufen hatte Reischl in den Siebzigern die Voraussetzungen für das Aufblühen der Rewe geschaffen. 1974, gerade vier Jahre im Unternehmen, managte er den Einstieg bei der Einzelhandelskette Leibbrand. Inzwischen gehört das ganze Unternehmen mit seinen 3500 Filialen (Toom, Minimal, Penny) zum Reischl-Reich.

Unter Reischls Regie kaufte sich die Rewe-Zentrale später bei der Firma Kaiser & Kellermann und der Kölner Cornelius Stüssgen AG ein.

Die Tochter Leibbrand übernahm in den achtziger Jahren außer der Ladenkette Deutscher Supermarkt auch die Elektrohändler Radio Diehl, Evertz und Elektroland, dazu Teppich- und Drogeriemärkte.

Die meisten Zukäufe konnte Reischl als Erfolg verbuchen. Doch auf Siegerposen verzichtete der Handelsmanager. Die Chefs der regionalen Genossenschaften, die in seinem Aufsichtsrat vertreten sind, sollten nicht unnötig provoziert werden.

Viele Rewe-Kaufleute nehmen dem Konzern-Chef ab, daß er den einst unbeweglichen Handelskoloß zu ihrem Vorteil umbaut. Vier der sieben Rewe-Genossenschaften gaben im Juni die Verwaltung ihrer Großhandlungen an die Zentrale ab. »Das ist das Beste, was uns passieren konnte«, sagt ein Rewe-Genosse.

Mit beachtlichem Erfolg spielt Reischl zwei Rollen gleichzeitig. Im eigenen Haus pflegt er das Image des guten Genossen, mit dem man über alles reden kann; die meisten Rewe-Kaufleute kennt er persönlich, wie er selbst sagt.

Nach außen ist Reischl der Konzernmanager, der sein Unternehmen bei jeder Gelegenheit vergrößert und die Konkurrenz einschüchtert. Dabei wird er nicht müde zu betonen, daß er stets nur im Sinne der Genossenschaftsidee arbeite.

Doch von dieser Idee dürfte dank Reischl bald nichts mehr übrig sein. Reischl arbeitet energisch darauf hin, die letzten noch selbständigen Rewe-Untergliederungen in die Zentrale zu holen. Ein Zusammenschluß, so die einfühlsame Begründung, spare Kosten und verstärke die Einkaufsmacht gegenüber der Industrie.

Viel ist nicht übriggeblieben von den ursprünglich 50 Rewe-Großhandlungen. Auch die Zahl der selbständigen Kaufleute, die das Sortiment an die Endverbraucher verkaufen, nimmt ständig ab. Derzeit sind es noch etwa 3600.

Reischl gibt listig vor, er wollte »möglichst viele Selbständige« bei der Rewe halten. Aber das paßt nicht so recht in die Zeit, in der sich der Handel mit Lebensmitteln immer mehr konzentriert. Bei der Rewe verdienen mittlerweile zu zwei Dritteln die zugekauften Filialgeschäfte jenes Geld, mit dem neue Geschäfte gegründet und bestehende verbessert werden können.

Seinen Genossen, den Einzelhändlern vor Ort, hält der Diplomkaufmann Reischl gern vor, daß sie aus ihren Läden zuviel Geld herausholen und daß sie zuwenig investieren. Zur Orientierung bringt Reischl dann das Vorbild vom gestandenen Unternehmer: Wenn nur mehr seiner privaten Rewe-Händler so wären wie der Handelspionier Willi Leibbrand, dann hätte das Unternehmen »einen Superstand«.

Nicht alle Genossenschaftsmanager sind von Reischls Erfolgsrezepten beeindruckt. Einige der Provinzfürsten zieren sich, ihre Pfründe gegen den Posten eines von Köln abhängigen Niederlassungsleiters zu tauschen. »Größe allein ist nicht alles«, sagt Bernhard Hellmann, Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Rewe, der größten noch selbständigen Rewe-Genossenschaft.

Die leitenden Genossen der Rewe-Südwest, allen voran der Vorstandsvorsitzende Franz Mayer, mochten sich aus der Kölner Zentrale nicht in die Geschäftspolitik hineinreden lassen. Reischl seinerseits warf den Pirmasensern vor, das Unternehmen in einen privaten Erbhof zu verwandeln und schrittweise zu ruinieren.

Monatelang stritten sich die Pirmasenser mit Reischls Zentrale. Dann, im Sommer vergangenen Jahres, wandelten die Pfälzer ihre Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft um; die Aktien gehören den selbständigen Kaufleuten, die zuvor Genossen waren. Mit diesen Anteilscheinen, so hatten die Pirmasenser Manager den Einzelhändlern erzählt, sei erheblich mehr Geld zu verdienen als mit dem spärlichen Genossenschaftsbonus aus der Kölner Zentrale.

Da war es vorbei mit Reischls Geduld. Wegen »gruppenschädigenden Verhaltens« warf er die Pirmasenser Genossen aus dem Rewe-Finanzverbund.

Ausgestanden ist der Streit damit allerdings noch nicht. Den Pfälzern gehörten fünf Prozent der Anteile an der Kölner Zentrale. Rewe will den Südwestlern für diese Anteile nur den Buchwert von rund 1,8 Millionen Mark zahlen. Die Südwest-Manager sehen den Wert dagegen bei 50 Millionen Mark, und die verlangen sie von der Kölner Zentrale.

Wie die Sache auch ausgeht - für Reischl ist die Pfalz nur ein Nebenschauplatz. Wichtigeres wartet: Die coop-Filialen will Reischl bis Oktober in die Rewe eingliedern. Und schließlich sollen die letzten selbständigen Rewe-Großhandlungen eingemeindet werden.

Das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Ein Reischl-Kollege: »Wer das Geld hat, setzt sich durch.« o

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