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HONGKONG-HEMDEN Wer ist das Schweinchen?

aus DER SPIEGEL 21/1959

Die Wäschefabrikanten der Bundesrepublik fahnden seit Wochen nervös nach jenem Unternehmer, der - Zeitungsnotizen zufolge - im fernöstlichen Hongkong eine eigene Herrenwäsche-Produktion aufziehen will, um mit Hilfe der niedrigen asiatischen »Reis«-Löhne Westdeutschland mit billigen Oberhemden zu überschwemmen. »Eine Bielefelder Firma«, so meldete das »Handelsblatt«, habe in Hongkong bereits einen Betrieb erworben, den sie mit werkseigenen Maschinen ausrüsten werde. Der »Volkswirt« vermerkte lakonisch: »Der Fabrikant hat seine Textilkrise gelöst.«

Zunächst verdächtigten Westdeutschlands Hemdenmacher daraufhin den Bielefelder Vielzweck-Unternehmer Rudolf Oetker, sich heimlich in der englischen Kronkolonie nunmehr auch auf Textilien geworfen zu haben. Aber der Puddingprinz dementierte überzeugend. Sodann hieß es, die Oberhemdenhersteller Ahlers in Herford und Eickhoff in Bielefeld hätten sich in Hongkong etabliert. Schließlich wurde das größte europäische Unternehmen dieser Branche, die Seidensticker Herrenwäschefabriken GmbH in Bielefeld, in den Kreis der Tatverdächtigen einbezogen. Auch diese Firma, deren Erzeugnisse durch eine blaue Seidenstickerei am unteren Hemdsaum gekennzeichnet sind, dementierte empört: »Mit den Schlitzaugen machen wir doch keine Geschäfte.«

Ratlos gestand Karl Dornbusch, Präsident des Wäsche-Fachverbandes in der Bundesrepublik: »Wir möchten wirklich gern wissen, wer dieses Schweinchen ist.«

Der Mann, dem solche Bezeichnung gilt, stammt nicht, wie es im »Handelsblatt« hieß, aus Bielefeld. Vielmehr ist es der Gelsenkirchener Textilkaufmann Ferdinand Deluse, 37, ein in der Wäschebranche aktiver und erfolgreicher Unternehmer. Sein Ostasien-Coup versetzte Westdeutschlands Wäschebranche mit Recht in einige Bestürzung: Deluse hat sich an drei Hongkonger Herrenwäsche-Fabriken beteiligt, deren Produktion er so ausrichten will, daß sie für den deutschen Käufergeschmack noch attraktiver wird als bisher.

Schon in den vergangenen Jahren waren nämlich Hongkong-Hemden in der Bundesrepublik wegen ihrer niedrigen Preise gut verkauft worden. Eine Anzahl westdeutscher Importeure, so etwa die Hamburger Firma Bergmann und Co., ließ in Hongkong und Japan Hemden europäischen Schnitts verfertigen, deren Endverkaufspreise knapp über zehn Mark lagen und deren Qualität den wesentlich teureren heimischen Erzeugnissen kaum nachstand.

Allein aus Hongkong wurden im vergangenen Jahr Textilien im Wert von 22,5 Millionen Mark - vorwiegend Herrenhemden - in die Bundesrepublik importiert. Das ist mehr als ein Siebentel der gesamten deutschen Einfuhren von Textil -Fertigwaren. Im gleichen Zeitraum sank die bundesdeutsche Oberhemdenproduktion um fast vier Prozent.

Nicht zuletzt, um die Bundesrepublik gegen derart preiswerte Importe abzuschirmen, forderte Westdeutschlands Textilpräsident Carl Neumann, Professor Erhard solle seiner Wirtschaftspolitik »einen neuen Stil« geben und die Einfuhrliberalisierung beschränken. Ferdinand Deluse ist der erste Fabrikant, der aus der bisher einheitlich protektionistischen Textilfront ausbrach, um im verhaßten Hongkong unter günstigeren Verhältnissen zu produzieren.

Vorher stellte Deluse gründliche Vergleiche der Herstellungskosten von Herrenoberhemden in Westdeutschland und in Hongkong an. Deutsche und Hongkonger Fabrikanten haben die gleichen Materialkosten, sie kaufen die Rohbaumwolle beide zum Weltmarktpreis. Während aber die deutschen Produzenten ihren Akkordnäherinnen einen Stundenlohn von 2,40 Mark - einschließlich Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung - zahlen müssen, verdient eine Hongkonger Näherin nur 37 Pfennig je Stunde; die Soziallasten sind so gut wie bedeutungslos.

Zwar müssen die Importeure der Bundesrepublik für Hongkong-Hemden elf Prozent Zoll, sechs Prozent Umsatzausgleichsteuer und Frachtkosten für 16 000 Kilometer aufbringen. Dank der niedrigen Löhne jedoch kostet das Hongkong-Hemd in Westdeutschland dennoch nur etwa zehn Mark; der Preis einheimischer Erzeugnisse dagegen liegt zwischen 18 und 26 Mark.

Ferdinand Deluse glaubt überdies, daß für den Preisunterschied nicht nur die höheren westdeutschen Löhne, sondern ebenso die hohen Handelsspannen verantwortlich sind. Hongkong-Hemden werden vorwiegend in großen Kaufhäusern vertrieben, die unter Umgehung des Großhandels minimale Gewinnspannen kalkulieren. »Was die Kosten anlangt«, erklärt Deluse, »dürften auch westdeutsche Oberhemden im Laden eigentlich nicht viel mehr als zehn Mark kosten.«

Er selbst hat seinen Konkurrenten vorexerziert, wie man die inländischen Erzeugerpreise den asiatischen Preisen zumindest annähern kann. Jene drei Betriebe in Bielefeld, Borghorst (Westfalen) und Ansbach im Westerwald, an denen Deluse beteiligt ist, sind derart modernisiert, daß die Näherinnen täglich mehr als 30 Hemden fertigstellen und damit weit vor den Produktionsleistungen der rund 400 westdeutschen Herrenwäschefirmen rangieren. Stolz verkündet Deluse: »Unsere Oberhemden kosten im Laden nur zehn Mark, die Konkurrenz verlangt 18 Mark.«

Seinem rationellen Arbeitseinsatz, dessen Vorbilder Deluse auf Reisen durch Skandinavien fand, schreibt es der Fabrikant zu, daß seine drei Wäschefabriken bis heute von der vielzitierten Textilkrise verschont blieben. Als seine Konkurrenten im benachbarten Bielefeld bereits im Sommer vergangenen Jahres über Absatzschwund klagten und nach Einfuhrsperren riefen, erhöhte der Außenseiter aus Gelsenkirchen seinen Umsatz um 40 Prozent.

In diesem Jahr, so hofft Deluse, werden seine Verkaufsziffern um weitere 50 Prozent ansteigen: »Wir arbeiten oft 56 Stunden und mehr in der Woche, wofür wir dann allerdings jedesmal bestraft werden und einen Betrag an das Flüchtlingsdorf Espelkamp abführen müssen."*

Obwohl Ferdinand Deluse in seinen westdeutschen Fabriken bereits relativ billig produzieren kann, versprach er sich von der Eigenproduktion in Hongkong noch größere Umsätze. Begleitet von seiner Ehefrau, studierte er im Februar 1958 an Ort und Stelle die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Deluse fand: Die Näherinnen erhalten einen Stundenlohn von einem halben Hongkong -Dollar (37 Pfennig), sie arbeiten täglich zwölf Stunden und sieben Tage in der Woche. Im Jahr gibt es nur vier (unbezahlte) Feiertage. Kurzentschlossen bot Deluse drei Wäschefabriken, mit einer Belegschaft von zusammen 600 Näherinnen, finanzielle Beteiligungen an. Die Chinesen schlugen ein.

Deluse richtet gegenwärtig in Hongkong ein Filialbüro ein, das die Fertigung der drei Betriebe nach deutschen Hemdenschnitten und Maßtabellen vorplanen soll. Er beschreibt sein Programm: »Wir wollen für den deutschen, aber auch für den amerikanischen Geschmack ein Standard-Uni -Hemd aus gutem Popelin herstellen, das für den Käufer nicht mehr als zehn Mark kosten soll.«

Deluse verspricht sich weitere Vorteile von dem Einbau solcher Maschinen in den Hongkong-Fabriken, die für westdeutsche Verhältnisse veraltet sind, in Hongkong hingegen noch gute Dienste tun können. Aus seinem eigenen Maschinenpark wird ein Teil in seine asiatischen Filialen transportiert.

Im Gegensatz zu vielen westdeutschen Importeuren will der Gelsenkirchener Fabrikant seine Fertigwaren aus Hongkong ungebügelt und in großen Ballen in die Bundesrepublik einführen; denn der Transport von Ballenware erfordert weniger Schiffsraum- und weniger Frachtkosten. Erst in Westdeutschland sollen die Hongkong-Hemden dann gebügelt und verkaufsfertig verpackt werden.

Westdeutschlands Bekleidungsfabrikanten sehen der verstärkten Invasion von Hongkong-Hemden mit Schrecken, aber keineswegs untätig entgegen. Obwohl noch unbekannt war, wer aus ihren Reihen in die fernöstliche Hemdenproduktion eingestiegen ist, wurden sie wenige Tage vor den am 11. Mai eröffneten Genfer Zollverhandlungen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) vorsorglich im Bonner Wirtschaftsministerium vorstellig. In dem Katalog ihrer Wünsche, die sie den Gatt-Unterhändlern des Ministeriums vortrugen, waren auch Abwehrmaßnahmen gegen verstärkte Einfuhren aus Hongkong aufgeführt.

Erklärte Karl Dornbusch, Präsident des westdeutschen Wäschefachverbandes: »Wir wollen erreichen, daß die Hemden aus Hongkong in die Gruppe der nichtliberalisierten Waren fallen und die Einfuhren mithin kontingentiert werden.«

* Nach der Arbeitszeltordnung vom 30. April 1938 nüssen Überstunden durch die zuständigen Gewerbeaufsichtsämter genehmigt werden. Wer ohne Genehmigung Überstunden einlegt, wird mit Geldstrafen bis zu 150 Mark oder Haftstrafen belegt.

Textilarbeiterin in Hongkong

37 Pfennig je Stunde

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