Werber-Porträt Guerillafrosch, weiblich

Die US-Amerikanerin Karen Davis hat lange Zeit alle möglichen Jobs angenommen, um sich in Berlin über Wasser zu halten. Jetzt will sie gar keinen mehr, denn sie ist ein Frosch.

Von Carsten Matthäus





Klicken Sie auf das Bild, um die Bildergeschichte zu starten.



Berlin - "Die Politiker haben hier ja nischt besseres zu tun, als sich um leere Flaschen zu kümmern", sagt der Mann im Kiosk, als er die kleine Cola mit Pfandbon über den Tresen reicht. Die Frau neben ihm regt sich beim Herausgeben lautstark über die neue Währung auf, woraufhin er zu ihr sagt: "Zurück könn' wir ja ooch nich mehr, wa. Dafür fehlt uns ja det Geld."

Berlin Kreuzberg am Morgen. Niemand lacht. Die meisten sehen aus, als wären sie geradewegs aus dem Bett in die U-Bahn oder auf die Straße gezerrt worden. Am Hauseingang neben einem Trödelladen ist der Name Davis der einzige, den man einigermaßen leicht entziffern kann. Das Treppenhaus ist ziemlich ruiniert, es riecht nach Räucherstäbchen.

Aufträge per E-Mail: PR-Managerin Davis
SPIEGEL ONLINE

Aufträge per E-Mail: PR-Managerin Davis

Karen Davis steht in der Tür und passt nicht in diese kaputte Welt. Sie ist gut gekleidet, dezent geschminkt, mit ihrer Frisur könnte sie auch zu einem Gala-Dinner gehen. Hinter der Wohnungstür ist es auch sofort vorbei mit der Tristesse. Helle Räume, Parkett, schöne Möbel. Hier wohnt und arbeitet eine PR-Frau, die Millionenetats zu bewegen hat. Das Arbeitszimmer ist allerdings ziemlich bescheiden. Auf dem Besprechungstisch steht eine Plastikflasche Saskia-Quelle, die Billigmarke von Lidl. Wie bei wohl jeder Berliner Studentin steht ein Laptop auf dem Schreibtisch, daneben ein Regal mit ein paar Ordnern. Nur dass auf deren Rücken nicht "Proseminar" sondern "SonyEricsson" und "Levi's" steht.

"Kein Geld, keinen Job"

Arbeitsplatz eines Frogs: Karens Schreibtisch
SPIEGEL ONLINE

Arbeitsplatz eines Frogs: Karens Schreibtisch

Karen Davis, 33, koordiniert europaweite PR-Kampagnen. Normalerweise ist das der Job einer Agenturchefin, die über eine große Zahl von Mitarbeitern gebietet. Karen genügt ein ISDN-Anschluss, ein Laptop und zwei Handys. Sie kann dabei auf ein weltweites, virtuelles Netzwerk von "Fröschen" zählen: selbstständige Werbeleute, die sich zusammengeschlossen haben, um die großen Agenturen das Fürchten zu lehren. Wenn es nötig ist, finden sich per Email und Internet innerhalb von Stunden rund 100 freischaffende Grafiker, PR-Manager, Webdesigner und Media-Planer zusammen, um eine Kampagne in Gang zu bringen.

Auch nach acht Jahren in Deutschland ist Karens amerikanischer Akzent nicht zu überhören. Aber sie hat kein Problem damit, Fehler zu machen und etwas zu riskieren. "Als ich 1995 nach Berlin kam, hatte ich kein Geld, keinen Job, keine Arbeitserlaubnis und konnte kein Wort Deutsch", sagt sie und lacht dabei. In Berlin angekommen, ging sie auf Parties und lernte Leute kennen, die wieder jemanden kannten. Die ersten Jobs bei der Deutschen Welle fand sie noch "cool, um Deutsch zu lernen", aber bald fühlte sie sich dort "wie beim Finanzamt". Auch die feste Arbeit für eine PR-Agentur wurde ihr irgendwann zu dumm. Dann kam die E-Mail von Scott, dem Chef der Frösche. Und eine Einladung zu einer Party in Amsterdam.


Frauen im Fellbikini: "Was ziehe ich an?" Der Mann mit der Mütze: Scott Goodson als DJ Agentur-Anregung: Ego-Killer für Kreativ-Direktoren Eigenwerbung: Mitarbeiter von Strawberryfrog in Pose


Klicken Sie auf ein Bild, um zur Grossansicht zu gelangen.



"Ich bin hingefahren, und das war unglaublich. Ich hatte noch nicht so viel von Strawberryfrog gehört und wusste gar nicht, was ich da anziehen sollte. Sind die alle total chic oder total cool? Als ich dann reinkam, stand da mitten im Raum ein riesiger Frosch aus Eis. Zuerst habe ich nur Frauen im Fellbikini gesehen, aber die haben nur eine Promotion für irgendeinen Eis-Wodka gemacht. Die anderen hatten normale Kleider an - glücklicherweise. Der DJ hatte so eine komische Pelzmütze auf dem Kopf. Das war Scott."

New York, London, Barcelona, Berlin

Scott Goodson: "Wer sitzenbleibt, begeht Selbstmord"
Strawberryfrog

Scott Goodson: "Wer sitzenbleibt, begeht Selbstmord"

Der Kanadier Scott Goodson, 39, ist vor vier Jahren mit ein paar Freunden und einem Hund nach Amsterdam gezogen, um eine Revolution in der Werbebranche anzuzetteln. Seine neue Agentur Strawberryfrog sollte ein Gegenentwurf zu den riesigen, weltweit agierenden Agentur-Netzwerken werden. Keine protzige Firmenzentrale, nur ein Grachtenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Nicht viel Personal, gerade mal 30 Mitarbeiter, der Rest wird per E-Mail und Internet dazugeholt, wenn es etwas zu tun gibt. Aus New York, London, Barcelona oder eben Berlin.

Und es gibt viel zu tun, denn die Angriffe der kleine Erdbeerfrösche enden nicht selten schmerzhaft für die großen "Werbe-Dinosaurier", wie Goodson das internationale Establishment abschätzig bezeichnet. Mit seiner Werbe-Guerilla hat er der Konkurrenz bereits mehrere internationale Etats von Microsoft, Ikea, Nokia und Calvin Klein abgejagt.

Erst kürzlich schlugen die Erdbeerfrösche die Werbegrößen BBDO, Grey und Scholz & Friends aus dem Rennen um einen 100-Millionen-Dollar-Etat von Mitsubishi Europe. Im Krisenjahr 2001, in dem der amerikanische Werbemarkt um fast zehn Prozent schrumpfte, konnte Stawberryfrog seinen Reingewinn um 44 Prozent auf 4,9 Millionen Euro steigern, 2002 nochmal um rund 20 Prozent zu.

Wichtigster Erfolgsfaktor der Erdbeerfrösche und anderer virtueller Agenturen ist das hohe Tempo. Langwierige Meetings, bei denen jedes Detail der Werbekampagne mühsam durchgekauft wird, gibt es in dieser neuen Werbewelt nicht mehr. Auf passwortgeschützten Internetseiten basteln Texter und Grafiker an den Entwürfen, der Kunde kann sich ihre Arbeit jederzeit ansehen und seine Änderungswünsche abgeben. So werden Anzeigenkampagnen, an denen sonst mindestens ein halbes Jahr gefeilt wird, in zwei Wochen aus dem Boden gestampft.

"Die Party und die Leute haben mich total begeistert. Irgendwann habe ich auf der Tanzfläche gestanden und gerufen: "I am a frog, I am like you!" Karen Davis hatte bei ihrem Besuch in Amsterdam schnell verstanden, dass die Frog-Philosophie nicht nur eine Spinnerei von ein paar kreativen Werbern war.

Ein ekliger Job

Nach einem weiteren Treffen in Berlin war auch Scott von Karen überzeugt. "Ich hatte schnell das Gefühl, dass sie ein Frosch ist", sagt er. In Scotts Definition ist das jemand, der seinen Job beherrscht, selbstständig arbeiten kann und extrem schnell und beweglich ist: "Es ist in unserer Branche doch Selbstmord, auf seinem Platz sitzen zu bleiben".

Hübsch eklig: Sabber-Kampagne
sabbern.com

Hübsch eklig: Sabber-Kampagne

Ihre Beweglichkeit musste Karen auch bei ihrem letzten, etwas ekligen Job unter Beweis stellen. Die Erdbeerfrösche hatten den Auftrag, junge Leute für das Mobiltelefon T300 von SonyEricsson zu begeistern. Die feuchte Idee der Kreativen: Jemand sieht das Gerät und fängt sofort an, hemmungslos zu sabbern. Zuerst war keinem so recht klar, ob sich fließender Speichel überhaupt mit Werbung verträgt. Also wurden besonders schöne Models für die Werbefotos und Spots eingekauft und der Schleim möglichst edel fotografiert. Um die europäische Werbeaktion zu unterstützen, sollten zuerst auch noch sabbernde Leute auf die Straße geschickt werden. Karen wurde darauf angesetzt, aber ihr war sofort klar: "Das kannst du vergessen in Frankreich und Italien".

Wedelnder Werbeträger: Dogvertise-Hund
dogvertise.de

Wedelnder Werbeträger: Dogvertise-Hund

Beim Brainstorming über das Internet kam dann irgendwer auf die Idee, Hunde loszuschicken. Also hatte Karen plötzlich den Auftrag, dogvertising zu organisieren: Hunde werden als wedelnde Litfasssäulen auf Straße und Plätze geschickt, um das Publikum auf Websites wie "sabbern.com" oder "drool-uk.com" aufmerksam zu machen.

"Das war schon eine seltsamer Sache", sagt Karen und lacht wieder. "Ich konnte ja nicht irgendwelche Hunde nehmen. Sie mussten groß sein und möglichst viel sabbern. Und ich war auf einmal total glücklich, wenn ein Hund vor der Kamera aus dem Maul tropfte".

Mit jedem Auftrag vergrößert Karen ihr Netzwerk an Kontakten, auf die sie bei späteren Jobs zurückgreifen kann. "Da läuft sehr viel über Vertrauen, und ich bin eigentlich noch nie enttäuscht worden. Manchmal kenne ich die Agentur noch nicht einmal, der ich einen Auftrag gebe", sagt sie.

Karens Handy klingelt. Am anderen Ende ist der Freund von einem Freund, der ihr zwei PR-Agenturen in Japan empfiehlt. Solche Tipps braucht Karen gerade, weil sie für strawberryfrog bald eine weltweite PR-Kampagne organisieren soll. "So läuft das immer. Ich erzähle einem Freund, dass ich etwas brauche und kurze Zeit später kommt eine E-Mail oder ein Anruf von irgendwo".

Karen Davis genießt ihr Leben. "Ich versteht nicht, warum in Deutschland so viele Leute nach einem sicheren Arbeitsplatz suchen. Ich glaube, ich suche das Gegenteil." Eigentlich hätte sie jetzt schon genug Aufträge, um eine eigene Agentur aufzumachen. "Aber die meisten Kunden in Deutschland sind noch sehr konservativ, zu unflexibel und nicht risikobereit genug. Die müssten einfach mehr Vertrauen in Ausländerinnen mit Akzent haben", sagt sie und lacht.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.