Werft-Unternehmer Meyer Vater der Luxusliner

"Schiffbau gilt immer noch als 3-D-Industrie: dirty, dangerous, difficult", sagt Bernard Meyer. Er selbst lässt sich davon nicht abschrecken - der Chef der Papenburger Meyer Werft macht in einer Marktnische lukrative Geschäfte.

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Papenburg - Der Nordwesten Niedersachsens zählt nicht gerade zu den landschaftlich abwechslungsreichsten Gegenden. Wo man hinschaut, ist das Land platt, nicht ein Hügel versperrt die Sicht zum Horizont. Unterbrochen wird dieser Endlosblick in der Nähe von Papenburg von einem Gebäudekomplex, der wie auf die Wiese geworfen aussieht. Was im Hamburger Hafen als mittelgroße Werfthalle durchgehen würde, wirkt inmitten von Wiesen, Schafen und vereinzelten Gehöften wie ein riesiger Klotz.

Schaulustige bestaunen das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Pearl": Denken bis übermorgen
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Die Meyer Werft, zu der die Hallen gehören, macht ihrer Bedeutung durch ihre scheinbare Riesenhaftigkeit alle Ehre. Das Unternehmen ist zum Aushängeschild für die Region geworden; Papenburg ist untrennbar mit dem Namen Meyer verbunden. Bereits in sechster Generation führt Bernard Meyer heute die Geschäfte des Familienunternehmens.

Der 57-Jährige ist stolz auf seine Werft - und auf seine Heimat. Er macht den zurückhaltenden, aber herzlichen Eindruck, der für die Bewohner dieser Gegend typisch ist. In seinen Aussagen ist er stets positiv - aber auch vorsichtig. "Ich stelle mich darauf ein, dass die Branche im nächsten Jahr erhebliche Überkapazitäten hat", sagt er zum wachsenden Konkurrenzdruck aus Asien. Die Wettbewerber aus Japan, Korea und China nehme er sehr ernst. Bereits heute werden rund 90 Prozent aller Schiffe in Asien gebaut.

Wo andere in Panik oder Angststarre verfallen würden, hat sich Meyer den Blick für das Strategische bewahrt. "Er denkt an überübermorgen, ist anderen zehn Jahre voraus", sagt Erwin Siemens, Betriebsratsvorsitzender der Werft. Der 33-Jährige rechnet dem Papenburger hoch an, dass er keine Berührungsängste mit der Belegschaft zeigt.

"Er ist von früh morgens bis spät abends in der Werft und weiß genau, was in den Hallen los ist", betont Siemens. In seinen Augen ist Meyer kein klassischer Manager, sondern redet mit seinen Mitarbeitern. Dabei habe der Werftchef auf der einen Seite zwar immer ein festes Ziel vor Augen. Wenn es darauf ankommt, ist er Siemens zufolge aber auch zu Kompromissen bereit.

Seit Meyer nach einem Studium als Schiffbauingenieur 1982 die Geschäfte der Werft von seinem Vater Joseph-Franz Meyer übernahm, ist Verhandlungsgeschick und diplomatisches Können gefragt. Einerseits ist er mit seinem Unternehmen ein Global Player, der sich im internationalen Schiffbau bewähren muss und die Entwicklungen des Weltmarkts nicht aus den Augen verlieren darf. Andererseits ist er ein in seiner Heimat verwurzelter Familienunternehmer, der die rund 2300 Arbeitsplätze, die die Werft derzeit bietet, in der Region halten will.

"Daraus willst du Schiffe bauen?"

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, suchte sich Meyer eine Nische und ging damit die zweite große Umwälzung der Unternehmensgeschichte an: 1986 zog er den ersten Auftrag für ein Kreuzfahrtschiff an Land. Kein leichtes Unterfangen, denn die gesamte Belegschaft musste vom Bau der stahlintensiven, frachttragenden Containerschiffe, Fähren und Tiertransporter auf die technisch aufwendigeren Passagierschiffe ein- und umgestellt werden.

Bereits Meyers Urgroßvater Joseph L. Meyer wagte sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf unbekanntes Terrain, als er in den Eisen- beziehungsweise Stahlschiffbau einstieg. Die Papenburger Reeder waren seinerzeit äußerst skeptisch. Der Legende nach warfen sie ein Stück Eisen ins Wasser und sahen zu, wie es unterging. "Eisen schwimmt nicht - und daraus willst du Schiffe bauen?", sollen sie ungläubig gefragt haben. Joseph L. Meyer setzte sich wie sein Urenkel Bernard gegen die Widerstände durch. Beide sollten mit ihrer Hartnäckigkeit recht behalten.

Heute gehört die Werft mit einem Weltmarktanteil von 25 Prozent zu den vier großen Kreuzfahrtschiffbauern. Bis 2010 sind die Auftragsbücher des Unternehmens gefüllt. Der jährliche Umsatz liegt nach eigenen Angaben bei 800 Millionen bis eine Milliarde Euro, der Gewinn wird als "deutlich über dem Branchendurchschnitt" beschrieben. Meyer ist dank der Produktion der schlüsselfertigen Kabinen für die Luxusschiffe der größte Hotelausstatter Deutschlands. Auch mit der Laserhybrid-Schweißtechnik, die eigens von der Werft entwickelt wurde und die eine größere Arbeitsgeschwindigkeit sowie eine größere Präzision erlauben, setzte er Maßstäbe.

Dennoch gibt es viele Skeptiker. "Schiffbau gilt immer noch als 3-D-Industrie: dirty, dangerous, difficult", sagt Meyer. Auch die Binnenlage ließen sowohl das Unternehmen als auch den Unternehmer einige Male an ihre Grenzen stoßen. Da die Werft 42 Kilometer landeinwärts vom Dollart liegt, müssen die neu gebauten Kreuzfahrtschiffe über die Ems zum Meer transportiert werden. Der Fluss wird für die immer größeren Schiffe zu schmal und müsste eigentlich verbreitert werden. "Wenn Meyer ein Schiff überführt, muss er es über die Wiese ziehen", sagt ein Konkurrent halb spöttisch, halb neidisch.

In der 211-jährigen Werftgeschichte gehören Diskussionen über die Breite von Brücken oder die Tiefe der Ems deshalb fast schon zum Unternehmensalltag. Immer wieder wurde das Unternehmen zur Zielscheibe von Umweltgruppen, die eine Verlagerung der Meyer Werft forderten. Hinzu kommt, dass in Papenburg mit seinen 35.000 Einwohnern anders als beispielsweise in Hamburg keine Großaufträge benachbarter Reeder zu erwarten sind.

Die Krise kam nach dem 11. September 2001

Trotz dieser Hindernisse ging es für die Meyer Werft fast immer bergauf. Bis zum 11. September 2001. Den Terroranschlägen in den USA folgte ein bis dahin ungekannter Auftrags- und Beschäftigungsknick. Betriebsrat Siemens erinnert sich noch an die emotionale Rede, die Meyer damals während einer Betriebsversammlung vor der Belegschaft hielt. Die Erfolgsgeschichte der Werft habe damals einen Fleck bekommen und der Unternehmensleiter habe nichts daran ändern können. "Alle spürten, dass Bernard Meyer als Mensch zutiefst berührt war."

Auch Heino Bade von der IG Metall, der seit Anfang der neunziger Jahre teilweise harte Verhandlungen um Arbeitsplätze und -bedingungen mit Meyer führt, kann sich an die Atmosphäre erinnern, die nach dem Terroranschlag die Werft erfasste. "Die Branche ist klein und kämpft ums Überleben. Damals war die Stimmung wie auf dem Friedhof", sagt er. Da Meyer noch in den Jahren 2000 und 2001 rund 600 neue Arbeitskräfte eingestellt hatte, wurde sein gesamtes Unternehmenskonzept durch die Anschläge infrage gestellt.

Meyer ließ sich von diesen unvorhersehbaren Ereignissen nicht abschrecken, sondern zeigte Willen und - durch die Mithilfe der Belegschaft, die in Krisenzeiten mit ihm an einem Strang zog - den längeren Atem. Nach dem ursprünglich geplanten Abbau von knapp 1000 Stellen konnten durch Arbeitszeitmodelle Hunderte Arbeitsplätze gerettet werden. "Es war klar, dass das Unternehmen die Delle so schnell wie möglich überwinden muss", erinnert sich Siemens. Meyer sei jemand, der lieber etwas unternimmt, anstatt sich die Wunden zu lecken.

Seinen Erfolg verdankt der Werftleiter auch seiner natürlichen Art. "Meyer hat eine positive Ausstrahlung", findet Bade von der IG Metall. "Wenn ein Schiff überführt wird, läuft er in Jeans herum, schüttelt jedem die Hand und schnackt ein wenig." In gewisser Weise verkörpere der Unternehmenslenker damit ein Gegenbild des globalisierten Kapitalismus. Bei einer Konferenz in Papenburg sei Meyer mit dem Fahrrad zu einem Empfang beim Bürgermeister gekommen und habe die internationale Delegation mit dem in der Region üblichen "Moin moin, allerseits" begrüßt. Das sei typisch für ihn. "Mit seiner Art ist er zum Imageträger der gesamten Branche geworden", meint Bade.

Trotzdem steht Meyer, der jahrelang auch das Präsidentenamt des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) innehatte, nicht gern im Rampenlicht. Interviews mit ihm sind rar. "Er ist niemand, der beim Fotowettbewerb in der ersten Reihe stehen muss", sagt Betriebsrat Siemens. Nur wenn es um die Werft geht, mache er eine Ausnahme.



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