Werksschließung in Bochum Merkel zeigt Verständnis für Nokia-Boykott

Die Kanzlerin macht mobil: Sie hält einen Boykott von Nokia wegen der Werksschließung in Bochum für "durchaus verständlich". Das Vorgehen der Finnen werfe viele Fragen auf. Vertreter der Bundesregierung trafen sich mit der Nokia-Geschäftsleitung zu einer Krisensitzung.


Bochum/Berlin - Die Kanzlerin will Antworten: Angela Merkel (CDU) erwartet vom finnischen Handy-Konzern Nokia mehr Informationen zur geplanten Schließung des Bochumer Werks. Nach Merkels Meinung wirft das Vorgehen Nokias "noch viele Fragen auf", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg.

Angela Merkel: Nokias Abwanderung wirft viele Fragen auf
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Angela Merkel: Nokias Abwanderung wirft viele Fragen auf

In den Gesprächen zwischen Nokia und der Bundesregierung gehe es darum, für den Standort und die Beschäftigten möglichst viel herauszuholen - und vor allem die Motive für Nokias Vorgehen ergründen.

Aufrufe von Gewerkschaftern und Nokia-Arbeitern zum Boykott nannte Steg im Namen Merkels "durchaus verständlich". Es sei aber jedem freigestellt, ob er solchen Appellen folge. Auch sei offen, ob diese überhaupt etwas bewirken.

Vertreter der Bundesregierung haben am Nachmittag mehrere Stunden mit der Nokia-Geschäftsleitung über die geplante Schließung des Bochumer Werks beraten. "Das Gespräch war informativ und der enormen Bedeutung der Thematik angemessen", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Über den Inhalt sei strikte Vertraulichkeit vereinbart worden. Die Gespräche führt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Hartmut Schauerte.

Auch im Kabinett gibt es Empörung über Nokias Standortwechsel. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sprach im Deutschlandfunk jetzt von "Karawanen-Kapitalismus". Die Schließung in Bochum sei aber wohl nicht mehr zu verhindern: "Ich glaube, man sollte da keine falschen Hoffnungen wecken oder entstehen lassen."

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bekräftigte dagegen, er werde für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen. "Dazu sollen Gespräche mit Nokia stattfinden", sagte der CDU-Politiker den "Ruhr Nachrichten". "Wir wollen zunächst wissen, warum die Geschäftsführung nicht das Angebot der Belegschaft annimmt, Kosten zu senken." Angesichts der Vorgänge in Bochum frage er sich, wo dabei die unternehmerische Ethik bleibe.

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) fordert rund 41 Millionen Euro Subventionsgelder zurück. Nach ihrer Meinung ist Nokia seinen Verpflichtungen, Arbeitsplätze in der Region Bochum zu schaffen, nicht ausreichend nachgekommen.

Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Hartmut Schauerte, fordert angesichts der immer weiter um sich greifenden Empörung eine Versachlichung der Debatte. Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erklärte der "Bild"-Zeitung: "Hysterie bringt niemandem etwas."

Andere Mitglieder der Bundesregierung geben sich weniger nüchtern:

SPD-Fraktionschef Peter Struck hat laut "Bild"-Zeitung inzwischen sein Nokia-Handy abgeschafft. "Was Nokia in Bochum vorhat, ist eine Riesensauerei. Ich habe heute mein Büro gebeten, mir ein anderes Handy zu besorgen", sagte Struck dem Blatt zufolge. Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) folgte prompt dem Beispiel: Auf der Grünen Woche in Berlin präsentierte er sich handy-frei. "Aus Solidarität mit den Arbeitnehmern muss man solche Signale setzen", sagte der CSU-Politiker.

Außenminister Steinmeier benutzt nach Angaben seines Sprechers schon seit einiger Zeit kein Nokia-Handy mehr. Das habe aber nichts mit dem aktuellen Fall zu tun. Steinmeier sei jetzt zufriedener Nutzer eines iPhone.

ssu/ase/AP/AFP/dpa/ddp/Reuters

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