Werksschließung in Bochum Nokia bietet Arbeitern Jobs in Rumänien an

Das Wort "Karawanenkapitalismus" bekommt eine neue Bedeutung: Nach einem Zeitungsbericht will Nokia den Beschäftigten seines Bochumer Werks anbieten, nach der geplanten Werksschließung mit nach Rumänien zu gehen.


Berlin - Der Vorschlag wird vermutlich auf wenig Gegenliebe stoßen: Der finnische Mobilfunkkonzern Nokia Chart zeigen will den Beschäftigten seines Bochumer Werks laut "Rheinischer Post" anbieten, sie sollten nach der geplanten Schließung des Werks mit nach Rumänien wechseln - und dort vermutlich für einen Bruchteil ihres Lohns arbeiten.

Solidaritätsbekundung in Bochum: Werksschließung trotz Rekordrendite
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Solidaritätsbekundung in Bochum: Werksschließung trotz Rekordrendite

Die Nokia-Führung wolle diese Idee in den kommenden Wochen mit Gewerkschaftsvertretern und Politikern diskutieren, schreibt das Blatt unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise. SPIEGEL ONLINE hat Nokia telefonisch um eine Stellungnahme gebeten, bislang jedoch noch keine Antwort erhalten.

Der Betriebsrat macht sich unterdessen Hoffnung, dass das Werk doch noch gerettet werden kann: Betriebsratschefin Gisela Achenbach sagt, die schnelle öffentliche Entschuldigung der Konzernspitze für die Bekanntgabe der Schließung wecke bei ihr die "Hoffnung, dass vielleicht noch etwas anderes hinterher kommt". Nokia könne den zunehmenden Imageschaden auf Dauer nicht aushalten. "Die knicken irgendwie ein, und sei es, dass sie uns nur noch eine halbe Produktion geben", sagt Achenbach.

Auch das Modell einer Beschäftigungsgesellschaft halten manche für möglich. "Die Situation ist vergleichbar mit der Pleite des Handyherstellers BenQ Mobile", sagt Torsten Gerpott, Telekommunikationsspezialist der Universität Duisburg-Essen. "Nokia sollte für Qualifizierungsmaßnahmen wie PC-Wissen oder Fremdsprachen sorgen, damit die Beschäftigten leichter woanders unterkommen."

Nokia hatte am Donnerstag für das Geschäftsjahr 2007 einen Gewinn von 7,2 Milliarden Euro ausgewiesen, eine Steigerung von 67 Prozent gegenüber dem Vorjahr. An der Schließung des Bochumer Standorts hielt Konzernchef Kallasvuo dennoch fest. Mitarbeiter und Politiker reagierten gleichermaßen verbittert.

FDP-Chef Guido Westerwelle nannte den Umgang der Konzernspitze mit den Beschäftigten "eine Sauerei". SPD-Chef Kurt Beck sagte, Nokia bekomme den "Rachen nicht voll". SPD-Generalsekretär Hubertus Heil bezeichnete die Werksschließung als "pure Profitgier". Er forderte die Konzernspitze auf, "ihre starre Haltung" zu überdenken.

Betriebsratschefin Achenbach rief die Bundesregierung zum Eingreifen auf. Bei dem Versuch, die Entscheidung des finnischen Mobilfunkkonzerns rückgängig zu machen, setze man "ganz stark auf unsere Politiker, dass sie ihr Wort in Finnland einlegen".

Tatsächlich könnte der Image-Schaden für Nokia beträchtlich sein. Immer mehr Geschäfte melden zudem einen Boykott von Nokia-Handys: "Es kommen Kunden, die explizit keine Nokia-Handys wollen", sagt Jörg Liebe, stellvertretender Verkaufsgruppenleiter Telefonie im Berliner Elektronikfachgeschäft Conrad. Auch andere Einzelhändler bestätigten, dass Nokia von manchen Kunden derzeit nicht gewünscht wird.

Zudem beflügelt die Debatte offenbar den Patriotismus der Deutschen: In einer Umfrage im Auftrag der ARD gaben 67 Prozent der Befragten an, sie wollen künftig nur in Deutschland produzierte Waren kaufen. Für 30 Prozent spielt das Herkunftsland der Produkte dagegen keine besondere Rolle. 11 Prozent der Befragten würden für deutsche Ware sogar deutlich mehr Geld ausgeben, 70 Prozent wären bereit, etwas mehr Geld auszugeben, 16 Prozent würden nicht mehr zahlen. Befragt wurden 1000 Bundesbürger.

ssu/AFP/AP/ddp



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