Wettbewerb US-Autoindustrie wird patriotisch

Japanische Autohersteller feiern Erfolge in den Vereinigten Staaten - zur Sorge von US-Autobauern. Sie appellieren jetzt an die Bürger: Amerikaner sollten amerikanische Wagen kaufen. Dabei ist ein Toyota im Grunde amerikanischer als ein Ford, rechnet eine Zeitung vor.


Hamburg/New York - Für die Manager bei Ford Chart zeigen muss es schmerzhaft gewesen sein, diese Zahlen schwarz auf weiß zu lesen - und dann auch noch in einer amtlichen Statistik der National Highway Traffic Safety Administration: Nur 65 Prozent der Bauteile eines Ford Mustangs, einem amerikanischen Klassiker, kämen aus den USA und Kanada, zitiert das "Wall Street Journal" heute aus der Statistik. Den Rest importiere der Hersteller aus dem Ausland, heißt es darin.

US-Autohändler: Welches Auto ist wirklich amerikanisch?
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US-Autohändler: Welches Auto ist wirklich amerikanisch?

Aber 90 Prozent der Bauteile für das Modell Sienna, einer Familienkutsche von Toyota Chart zeigen, würden aus dem Bundesstaat Indiana kommen, wo der größte japanische Autobauer ein Werk hat und auf lokale Zulieferer zurückgreift.

Welches Auto also ist nun amerikanischer?

Diese Frage beschäftigt die Branche in den USA, zumal amerikanische Hersteller wie General Motors Chart zeigen (GM) oder Ford derzeit selbst auf dem heimischen Markt stark an Boden verlieren. Ausgerechnet Ford, das die statistische Niederlage im Vergleich zu Toyota wegstecken muss, spricht derzeit die patriotische Ader der Autokäufer an, indem es in Anlehnung an die US-Flagge mit dem Slogan "Red, White & Bold", also "Rot, Weiß & Frech" wirbt.

"Entscheidend sind die Arbeitsplätze"

"Amerikaner wollen wirklich amerikanische Marken kaufen", zitiert das "Wall Street Journal" einen Ford-Manager. "Wir werden energisch dafür kämpfen, Amerikas Autohersteller zu sein."

Pensionäre aus der US-Autobranche sehen denn auch den Anteil der in den USA produzierten Bauteile nicht als das entscheidende Kriterium. Wichtiger sei, welcher Hersteller wie viele Jobs in den USA schaffe. Demnach hätten die drei größten US-Autohersteller pro verkauftem Auto dreimal so viele US-Arbeitnehmer beschäftigt wie Toyota.

"Was ist besser für die amerikanische Wirtschaft? Ein in Mexiko gebautes Auto von General Motors, die hier 147.000 Menschen beschäftigen, oder ein im US-Bundesstaat Alabama gebauter Wagen von Honda, die 4000 oder 5000 Jobs in Amerika bieten?", sagte Rentnervertreter Jim Doyle dem Blatt.

Die japanischen Autoproduzenten machen den Amerikanern Sorgen - allen voran Toyota. Das Unternehmen ist auf dem Weg, GM als weltgrößten Hersteller abzulösen. Der japanische Autoriese gab diese Woche einen Gewinnzuwachs von 17,2 Prozent auf rund 1,4 Billionen Yen (10,3 Milliarden Euro) für den gesamten Konzern bekannt. Damit fuhr Toyota im vierten Jahr in Folge Rekordergebnisse ein.

Bau neuer Werke in Nordamerika

Toyota-Präsident Katsuaki Watanabe nutzt den Boom für den Bau weiterer Fabriken - vor allem in Nordamerika. Auf dem dortigen Markt setzte der Konzern im vergangenen Jahr 2,6 Millionen Fahrzeuge ab, 285.000 mehr als im Vorjahr. Der US-Markt hat für alle japanischen Hersteller auch deshalb wachsende Bedeutung, da ihre Marktanteile auf dem eigenen, japanischen Markt zurückgehen.

Der Ford-Kampagne begegnet Toyota mit einer ebenfalls patriotisch angehauchten Werbestrategie: Die Japaner werben damit, welch großartigen Beiträge das Unternehmen zur wirtschaftlichen Entwicklung in jenen US-Regionen beiträgt, in denen es Werke betreibt. Künftig will sich Toyota auch im prestigeträchtigen National Association of Stock Car Racing engagieren, einer eigenen Klasse des Rennfahrens. "Unsere Händler haben uns gesagt, dass es wirklich wichtig wäre, das zu tun", sagte Toyota-Präsident Watanabe.

Michael Robinet vom Marktforschungsunternehmen CSM Worldwide hält ohnehin nichts von der Kategorisierung in nationale Hersteller. GM lasse in Südkorea Autos für den amerikanischen Markt herstellen, Japaner beauftragen amerikanische Designer für Autos, die sie in China verkaufen. Und einige BMW-Modelle, vermeintliche Importe aus Deutschland", würden im US-Bundesstaat South Carolina vom Band laufen. "Wir sollten nicht von einer amerikanischen Industrie sprechen", sagte Robinet dem "Wall Street Journal". "Es ist eine globale Industrie."

kaz



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