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MANAGER Wichtiger als Henry

In einer Autobiographie rechnet Chrysler-Retter Lee lacocca mit seinem Ex-Chef Henry Ford II ab. Das Buch wurde in den USA zum Bestseller. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Der Anruf kam kurz vor drei Uhr nachmittags. Henry Ford II, Gründer-Enkel und oberster Boss der großen amerikanischen Automobilfirma, ließ den zweiten Mann des Unternehmens, Lee Iacocca, in sein Büro bitten.

Der Chairman faßte sich kurz: »Es war nett, mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, eröffnete der Ford-Chef seinem Präsidenten, »aber es wäre das Beste für das Unternehmen, wenn Sie gehen.« Die Begründung für den Rausschmiß war selbst für amerikanische Verhältnisse erstaunlich direkt: »Manchmal mag man einen nicht.«

Der Tag, es war der 13. Juli 1978, ist dem Gefeuerten bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. Iacocca hatte 32 Jahre, sein gesamtes Berufsleben bis dahin, bei Ford gearbeitet. Vom Trainee in der Entwicklungsabteilung hatte er es bis zum Präsidenten gebracht, dem jüngsten in der Geschichte des Unternehmens.

Nun, von einem Tag auf den anderen, war alles vorbei. Iacocca mußte seine

luxuriöse Bürosuite auf der Chefetage des Ford-Hauptquartiers in Dearborn bei Detroit gegen eine schäbige Kammer in einem heruntergekommenen Lagerhaus tauschen. Den Kaffee, den ihm bisher weißlivrierte Kellner in teurem Porzellan serviert hatten, mußte er sich jetzt in Pappbechern selbst holen.

Es war, so erinnert sich Iacocca in einem kürzlich erschienenen Buch, _("Iacocca. An Autobiography«. By Lee ) _(Iacocca with William Novak. Bantam ) _(Books, New York, 352 Seiten, 17.95 ) _(Dollar. )

als hätte »mich jemand vom Mount Everest hinuntergestoßen«. Der erfolgreiche und selbstbewußte Spitzen-Manager, der bis dahin ein Jahreseinkommen von einer Million Dollar kassiert hatte, fühlte sich plötzlich »wie ein Stück Scheiße«. Die Erniedrigung war so tief, daß in Iacocca der »Wunsch zu töten« aufkam; er wußte »nur nicht, wen: Henry Ford oder mich selbst«.

Zumindest der Gedanke auf unblutige Rache für die erlittene Schmach hat Lee Iacocca seitdem nicht mehr losgelassen. Jahrelang phantasierte er nachts davon, Henry Ford »dahin zu treten, wo es weh tut«. Um seiner Umwelt und Henry Ford zu beweisen, was er wirklich wert ist, wechselte Iacocca zum konkursreifen Konkurrenten Chrysler. Und was kaum einer für möglich gehalten hätte, gelang Iacocca. Er verband das Überleben von Chrysler mit der Wiederherstellung seines Manager-Rufs und bewahrte das Unternehmen vor dem Bankrott.

Die wohl spektakulärste Rettungstat in der amerikanischen Unternehmensgeschichte machte den Sohn italienischer Einwanderer zum »bekanntesten Manager Amerikas«, zum »Helden von Detroit«, wie das US-Wirtschaftsmagazin »Business Week« schrieb. Iacoccas Popularität wurde so groß, daß er vorübergehend sogar als Kandidat für das Weiße Haus gehandelt wurde.

Obwohl er es mit diesen Erfolgen seinem Widersacher Henry Ford längst gezeigt hatte, war Lido ("Lee") Anthony Iacoccas Rachedurst offenbar noch nicht gestillt. In seiner Autobiographie, die auf Anhieb die Spitze der Bestseller-Listen in den USA eroberte, rechnete Iacocca jetzt persönlich und öffentlich mit Ford ab. Im Mittelpunkt des Buches steht die Beschreibung seiner eigenen Verdienste als Manager und der fachlichen und menschlichen Unzulänglichkeiten Henry Fords.

Über viele Seiten hinweg schildert Iacocca seinen Ex-Chef als Trunkenbold, der sich am liebsten auf Partys der europäischen Schickeria herumgetrieben habe. Das Unternehmen, das seinen Namen trägt, habe Ford wie ein »Despot« geführt. Obwohl die Fords seit 1956 nur noch 40 Prozent des stimmberechtigten Kapitals halten, habe er den Auto-Konzern stets als seinen Privatbesitz betrachtet. So habe Ford etwa 100 Millionen Dollar Firmengelder für den Bau des Detroiter Renaissance Centers verwendet, um sich persönlich ein Denkmal zu setzen.

Seinen Mitarbeitern gegenüber habe sich Ford wie ein »Bastard« aufgeführt. Fähige Manager seien abgeschossen worden, nur weil sie »zu enge Hosen« getragen hätten. In den letzten Jahren vor seinem Rausschmiß, so argwöhnt Iacocca, habe Henry Ford seinen Schreibtisch nach belastendem Material durchsuchen und seine Telephongespräche abhören lassen. Quintessenz des Leistungsvergleichs Iacocca - Ford: »Ich war für das Unternehmen viel wichtiger als Henry.«

Entsprechend hat sich Lee Iacocca wohl auch aufgeführt. Doch am Ende mußte er einsehen, daß »Blut dicker ist als Wasser« (Iacocca): Henry Ford ging aus dem Machtkampf an der Ford-Spitze als Sieger hervor.

Fords Verlust war Chryslers Gewinn. Ohne Iacoccas grenzenlosen Ehrgeiz und seinen geradezu fanatischen Willen, es Henry Ford zu zeigen, wäre das drittgrößte Automobilunternehmen der USA wohl nie gerettet worden.

Der Auto-Konzern sei in einer so schlimmen Verfassung gewesen, daß er, so Iacocca, »fast kotzen mußte«. Jede Abteilung habe mehr oder weniger unkoordiniert vor sich hingewerkelt, Autos seien aufs Geratewohl gebaut worden, fertige Autos im Wert von 600 Millionen Dollar hätten herumgestanden.

Iacocca griff bei Chrysler eisenhart durch. Innerhalb von drei Jahren entließ er 33 der 35 Spitzenmanager. Tausende von Arbeitern und Angestellten mußten gehen.

Als Fusionsverhandlungen mit dem damaligen VW-Chef Toni Schmücker an der katastrophalen Finanzsituation Chryslers und an dem Einspruch des VW-Vertriebschefs Werner P. Schmidt scheiterten, blieb Iacocca nur noch der Bittgang nach Washington.

In einer monatelangen Lobby-Kampagne rang Iacocca der Regierung des demokratischen Präsidenten Jimmy Carter, dem US-Senat und dem Repräsentantenhaus 1980 einen Kredit in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar ab. Die Drohung, wenn Chrysler zumache, stünden 600 000 Arbeiter auf der Straße, hatte schließlich ihre Wirkung nicht verfehlt.

Mit den Dollars vom Staat konnte sich Chrysler über die tiefste Rezession der US-Automobilkonjunktur hinwegretten. 1982 fing sich Amerikas Autoindustrie wieder, und mit neuen Modellen ging es auch bei Chrysler wieder aufwärts. Am 13. Juli 1983, sieben Jahre früher als erforderlich und auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem Rausschmiß bei Ford, zahlte Lee Iacocca den Staatskredit vollständig wieder zurück. Die Vendetta war vollzogen, Iacocca rehabilitiert, Henry Ford öffentlich blamiert.

Iacocca hätte es dabei belassen sollen. Doch in der Stunde seines größten Triumphes zeigte er sich als schlechter Sieger. Mit seiner Autobiographie - in einer brutalen, haßerfüllten Sprache geschrieben - versetzte der »leibhaftige Rocky« der Autoindustrie ("Newsweek") Henry Ford einen Tiefschlag und verhalf diesem so zu neuen Sympathien.

Auf einer Topmanager-Tagung des Ford-Konzerns in Detroit - das Iacocca-Buch war gerade erschienen - klatschten die Anwesenden Henry Ford minutenlang stehend Beifall. Zum erstenmal begriffen die Ford-Manager offenbar, warum Henry Ford den erfolgreichen Lee Iacocca seinerzeit gefeuert hatte.

»Iacocca. An Autobiography«. By Lee Iacocca with William Novak.Bantam Books, New York, 352 Seiten, 17.95 Dollar.

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