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Telekom »WIE AUF EINEM BASAR«

Sein Millionen-Gehalt muß er sich hart verdienen - der neue Chef der Telekom steht vor einer schweren Aufgabe: Er muß das Staatsunternehmen, das jetzt als Aktiengesellschaft firmiert, fit machen für einen gnadenlosen Wettbewerb und den Gang an die Börse. Tausende von Arbeitsplätzen gehen verloren.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Die Kopfjäger bekamen, kurz vor Weihnachten, eine klare Weisung. Nicht irgendeinen Manager sollten sie suchen, sondern eine »unternehmerische Persönlichkeit«.

Da gibt's feine Unterschiede, und Rolf-Dieter Leister, 54, wußte schon, warum er Wert darauf legte: Als Aufsichtsratschef der Telekom AG suchte er einen Mann für »die herausforderndste Vorstandsposition, die derzeit auf der ganzen Welt zu finden ist«.

Sehr bald schon schlugen die Headhunter mehrere Persönlichkeiten vor, die der Aufgabe an der Spitze der Telekom gewachsen schienen. Doch erst am Mittwoch vergangener Woche präsentierte Leister dem Aufsichtsrat seinen Favoriten: Ron Sommer, 45, bislang Chef von Sony Europa.

Große Worte schienen nun angebracht, und da mußte Leister nicht lange überlegen. Sommer, so verkündete er, sei der »absolut beste Mann«. Er könne die größte Staatsfirma Deutschlands zur »Innovationslokomotive im Multimedia-Zeitalter« machen (siehe Interview Seite 116).

Den Arbeitnehmern im paritätisch besetzten Aufsichtsrat blieb gar nichts weiter übrig, als in dem jungenhaft wirkenden Manager ebenfalls einen »hochkarätigen Profi« zu erkennen. Gleichwohl war die Wahl Sommers, der den überraschend zurückgetretenen Telekom-Chef Helmut Ricke, 58, ersetzen soll, kein glatter Durchgang.

Nach dem wochenlangen Gezerre um die Besetzung der Telekom-Spitze kann Sommer erahnen, was auf ihn zukommt. Denn bei allen Qualifikationen fehlt ihm eine: Wie sein Vorgänger hat er keine Erfahrung auf dem Bonner Parkett.

Immer noch ist die größte Telefonfirma Europas allzu abhängig von Bonner Ränkespielen. Immer noch versuchen Politiker und Gewerkschafter, dem Ableger der Bundespost, der seit Jahresbeginn als Aktiengesellschaft firmiert, ins Geschäft zu reden. »Das ist manchmal eine echte Provinzposse«, erkannte ein Telekom-Vorstand. So wollte die mächtige Deutsche Postgewerkschaft (DPG) noch in letzter Minute einen Vorteil für sich erhandeln: Sie wollten der Wahl Sommers nur zustimmen, wenn einer der Ihren Arbeitsdirektor würde.

Stundenlang diskutierte die Runde am Mittwoch über mögliche Lösungen, immer wieder drohte die DPG, die Wahl zu verschieben. »Das ging zu wie auf einem orientalischen Basar«, meint ein Aufsichtsrat.

Schließlich der unvermeidliche Kompromiß: Die Gewerkschaften können noch im ersten Halbjahr 1995 einen Arbeitsdirektor benennen. Der bisherige Personalchef Frerich Görts soll dann auf einen anderen Posten im Vorstand abgeschoben werden.

Auch Helmut Kohl hatte versucht, auf die Entscheidung Einfluß zu nehmen, und seinen Duzfreund, den Mitte März als Kaufhof-Chef gefeuerten Jens Odewald, 54, ins Gespräch gebracht. FDP-Altstar Otto Graf Lambsdorff machte sich stark für den geschaßten SEL-Chef Gerhard Zeidler, 58.

Doch Leister, der als hochrangiger IBM-Manager internationale Erfahrungen gesammelt hat und nun als Unternehmensberater tätig ist, blieb hart und setzte durch, daß nur ein erfolgreicher Mann aus der Elektronikbranche in Frage kam: So stand neben Sommer Apple-Chef Michael Spindler ganz oben auf Leisters Liste. Der Computer-Manager war für die Bonner Staatsfirma aber einfach unbezahlbar.

Dem erfolgreichen Sony-Mann konnte Leister mit einem Jahresgehalt von 1,5 Millionen Mark ein auch finanziell verlockendes Angebot machen. Damit war Leisters Verhandlungsspielraum weitgehend erschöpft, denn der Neue bekommt schon doppelt soviel wie sein Vorgänger.

Sommer, Sohn einer Ungarin und eines Russen, ist Doktor der Mathematik. Mehr als abstrakte Formeln werden ihm bei der Telekom allerdings die praktischen Erfahrungen helfen, die er bereits auf interessanten Posten in der Industrie gesammelt hat.

Mit 27 brachte Sommer in Paris die französische Nixdorf-Niederlassung in Schwung. Firmengründer Heinz Nixdorf hatte den polyglotten Dynamiker, der fließend Englisch, Deutsch und Französisch spricht, auf einem Flug nach Amerika kennengelernt und vom Fleck weg engagiert.

Neun Jahre später nahm Sommer auf dem Chefsessel der Sony-Dependance in Köln Platz und machte die japanische Firma zum Marktführer in der deutschen Unterhaltungselektronik. Dann schickte Firmengründer Akio Morita seinen Schützling nach New York, um Sonys Hardware-Geschäft in Amerika anzukurbeln.

Vor zwei Jahren kehrte der Überflieger nach Köln zurück. Als Chief Operating Officer sollte er Sonys Europa-Aktivitäten koordinieren. Ganz geschafft hat er das offensichtlich nicht, vor allem die deutsche Sony-Dependance steckt noch immer in der Krise.

Bei der Telekom in Bonn, wo Sommer Mitte Mai antreten will, erwartet ihn eine ungleich härtere Aufgabe. Der Telefonriese, der seinen Umsatz in diesem Jahr auf 69 Milliarden Mark steigern will, steckt in einer überaus heiklen Umbruchphase.

Die schönen Zeiten, in denen der Postableger als Monopolist hervorragende Gewinne machte, sind endgültig vorbei. Im vergangenen Jahr reichte es gerade mal zu einem ausgeglichenen Ergebnis, während der Schuldenberg auf etwa 120 Milliarden Mark anwuchs.

Von 1998 an, das hat Postminister Wolfgang Bötsch vergangene Woche noch einmal bekräftigt, fallen endgültig sämtliche Monopole weg. Dann wird in der Boombranche der Telekommunikation der Wettbewerb in voller Schärfe entbrennen.

Schon vorher soll das ohnehin löcherig gewordene Monopol der Telekom weiter ausgehöhlt werden. So werden die beiden Mobilfunk-Betreiber Mannesmann und E-Plus bald alle Zuleitungen zwischen dem Telekom-Festnetz und ihren Funkzentralen in Form eigener Richtfunkstrecken betreiben dürfen. Allein dadurch gehen der Telekom auf einen Schlag Einnahmen von jährlich 300 Millionen Mark verloren.

Mehr noch: Setzt sich Bötsch mit seinen Plänen durch, wird Deutschland in drei Jahren der wohl freieste Telefonmarkt der Welt sein. Jedes Unternehmen, das bestimmte Standards, etwa in der Netzsicherheit und beim Datenschutz, erfüllt, kann dann Daten- und Sprachdienste öffentlich anbieten und dafür auch eigene Netze aufbauen.

Die Telekom muß dann gegen eine unabsehbare Menge neuer Konkurrenten ankämpfen. »Die Anzahl der zu vergebenden Lizenzen«, so versicherte der Postminister vergangene Woche, »ist grundsätzlich nicht beschränkt.«

»Das wird ein chaotischer Flickenteppich«, ahnt ein Telekom-Vorstand. Mit seinen Plänen strebe Bötsch Verhältnisse an, wie sie nicht einmal in den USA oder in Großbritannien herrschen.

Schon formieren sich überall mächtige Allianzen, um dem ehemaligen Monopolisten das Geschäft abzujagen. Besonders die reichen deutschen Stromkonzerne Veba, RWE und Viag, die über Rücklagen von insgesamt 76 Milliarden Mark verfügen, haben hochfliegende Pläne. In Telefonriesen wie AT & T oder British Telecom haben sie starke Verbündete, die auf dem größten Telekommunikationsmarkt Europas lukrative Chancen sehen.

Sommer muß die Telekom mit ihren 230 000 Beschäftigten, deren technische Kompetenz seit der Aufbauleistung im Osten weltweit unbestritten ist, fit machen für den gnadenlosen Wettbewerb. Er muß engstirnige Ministerialbeamte und widerborstige Gewerkschafter motivieren und das Unternehmen kundenfreundlicher gestalten.

Das wird nicht leicht sein. Die Stimmung in der Belegschaft ist schlecht. Sommer braucht viel Fingerspitzengefühl, wenn er mehr als 60 000 Stellen abbauen will, ohne allzu große Widerstände zu provozieren. »Das ist ein schlechter Start für den Neuen«, ahnt ein Telekom-Vorstand, »wenn er als Jobkiller dasteht.«

Sommer kann allerdings auf eines bauen: An der Spitze müssen viele Posten neu besetzt werden, wichtige Leute seines Teams kann der Chef deshalb selbst aussuchen. So stehen neben dem Arbeitsdirektor Neubesetzungen für die Ressorts Geschäftskunden und Privatkunden an. Dringend gesucht ist auch ein Manager fürs Auslandsgeschäft, für das bislang immer noch Ex-Chef Ricke als Berater zur Verfügung steht.

Das alles muß schnell gehen, denn im nächsten Jahr will die Telekom an die Börse. Etwa 15 Milliarden Mark sollen dabei hereinkommen - ein gigantisches Projekt. Allein in Deutschland sollen Aktien im Wert von acht Milliarden Mark plaziert werden. Im Schnitt beläuft sich der Wert aller Aktienemissionen in Deutschland auf zwei bis drei Milliarden Mark pro Jahr.

Ob sich die hohen Erwartungen, die mit dem Börsengang verknüpft sind, auch erfüllen, hängt nicht allein von Sommer ab. Auch die Politiker bestimmen, ob die Telekom, deren Aktienmehrheit in den nächsten zehn Jahren beim Bund bleiben wird, ein Zuschußbetrieb wie die Bahn wird oder ob sie die Chance bekommt, ein schlagkräftiger Konzern in der Multimedia-Welt zu werden.

Die Sozialdemokraten, die sich lange gegen die Freigabe der Monopole sperrten, befürchten nun, daß eine zu forsche Liberalisierung den Wert der Telekom-Aktie erheblich schmälert. Der Postminister, meinte SPD-Chef Rudolf Scharping vergangene Woche, »geht bei der Telekom vor wie beim Verhökern eines Metzgerladens«. Y

»In Deutschland entsteht ein chaotischer Flickenteppich«

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Die Telekom und ihre Konkurrenten

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