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Konkursverwalter WIE DER LIEBE GOTT

Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater verdienen üppig bei der Abwicklung maroder Firmen. Seit die Zahl der Pleiten steigt, drängen sie immer stärker in das lukrative Geschäft. Doch nicht alle sind seriös. Kritiker fordern schärfere Kontrollen, um raffgierigen Geschäftemachern das Handwerk zu legen.
aus DER SPIEGEL 29/1994

In seiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd zählt Rüdiger Mocker zu den Spitzen der Gesellschaft. Der erfolgreiche Rechtsanwalt vertritt die Tschechische Republik als Honorarkonsul, nebenher leitet er den baden-württembergischen Golfverband. Bei Festen und Empfängen ist der behäbig wirkende Mocker ein gerngesehener Gast.

Doch die feinen Leute gehen jetzt auf Distanz zu dem Juristen. Vorletzte Woche wurde bekannt, mit welch anrüchigen Methoden Mocker arbeitet. Im Auftrag der Berliner Treuhandanstalt liquidiert der Rechtsanwalt die sächsischen Lautawerke, eines der größten Aluminiumwerke in der früheren DDR.

Der clevere Jurist kassierte bis vor kurzem nicht nur sein normales Honorar von knapp 30 000 Mark im Monat von der Treuhand. Obendrein ließ er sich noch einen Zuschlag für jeden der 160 Beschäftigten überweisen. Im Jahr wären so mehr als zwei Millionen Mark zusammengekommen. Nun ermittelt die Sonder-Staatsanwaltschaft Berlin-Moabit gegen Mocker wegen Untreue.

Der hatte den Aufschlag gefordert als Ausgleich für zusätzliche Kosten, weil er als Verwalter die Angestellten komplett übernommen habe und sie betreuen müsse. Doch nachweisen konnte er den Extra-Aufwand bislang nicht, die Löhne zahlt ohnehin nach wie vor die Treuhand.

Abgreifer wie den schwäbischen Anwalt gibt es im bundesdeutschen Abwicklergewerbe zuhauf. Nach der tiefsten Nachkriegsrezession, die noch immer ihre Spuren hinterläßt, machen sie blendende Geschäfte, denn immer mehr Unternehmen stellen Konkurs- oder Vergleichsantrag (siehe Grafik).

Gute Zeiten für Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, die als amtlich bestellte Verwalter die Geschäfte der Pleitefirmen übernehmen. Sie drängen in den lukrativen Geschäftszweig. Doch nicht alle von ihnen sind seriös.

Um raffgierige Verwalter besser kontrollieren zu können, müßten die Gesetze verschärft werden. Eine Chance dazu wäre die neue Insolvenzordnung gewesen, die der Bundesrat am Freitag vorletzter Woche verabschiedete.

Fachleute von Regierung und Opposition hatten fast 20 Jahre lang an dem Gesetzeswerk gearbeitet. Doch schärfere Kontrollen für Konkursverwalter sind darin nicht vorgesehen.

Seit Jahren fordern Kritiker auch, die üppige Vergütung für Großverfahren zu begrenzen. Davon steht in der neuen Insolvenzordnung ebenfalls kein Wort. Statt dessen will Bonn nun die Vergütungsordnung für Konkursverwalter ändern.

Bis sie in Kraft tritt, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen. So lange können die Pleitespezialisten noch kräftig kassieren.

Das geltende Recht gibt den Sterbehelfern der Unternehmen eine Machtfülle, wie sie sonst nur Eigentümer-Unternehmer haben. »Manchmal«, gesteht ein Hamburger Verwalter, »fühlt man sich fast wie der liebe Gott.«

Die Vollstrecker können nach Gutdünken Grundstücke veräußern oder Firmenteile verhökern. Zustimmen muß nur der Gläubigerausschuß. Und die Vertreter der Geldgeber segnen die Entscheidungen meist ohne Murren ab.

Auch vom Konkursrichter haben die Verwalter wenig zu befürchten. Die sind mit ihrem Job in der Regel hoffnungslos überfordert. »Die meisten«, meint der Aachener Pleitespezialist Rolf-Dieter Mönning, »können doch gar nicht beurteilen, ob das, was der Verwalter vorschlägt, auch sinnvoll ist.«

In den neuen Bundesländern tummeln sich unseriöse Abwickler besonders gern. Dort fehlen noch immer Richter und Rechtspfleger. Deshalb haben Abgreifer wie der Münchner Siegfried Baron von Hohenhau leichtes Spiel.

Für seinen einwöchigen Job als vorläufiger Vergleichsverwalter bei der Konsumgenossenschaft Halle erhielt der Anwalt erst kürzlich die stolze Summe von 12,7 Millionen Mark. Nach Ansicht von Branchenkennern hätte er dafür höchstens 2 Millionen Mark bekommen dürfen. Dennoch ist der Abwickler noch immer im Amt.

Das Traumhonorar beschaffte ihm ein junger Konkursrichter, der mit seinem Job offenbar überfordert war (SPIEGEL 41/1993). Seither prüfen die Staatsanwälte, ob Baron von Hohenhau den Richter bestochen hat.

Einen zusätzlichen Reiz bilden die üppigen Honorare, die im Osten der Republik gezahlt werden. Wie hoch die Verwaltervergütung ausfällt, hängt von der sogenannten Teilungsmasse ab. Das ist das verbliebene Vermögen einer Pleitefirma, nachdem sich gesicherte Gläubiger, in der Regel Banken und Versicherungen, bedient haben (siehe Grafik).

In Ostdeutschland zählen Gebäude und Grundstücke zumeist noch voll zum Betriebsvermögen. Das bläht die Honorare im Vergleich zum Westen mächtig auf.

Doch auch in den alten Bundesländern müssen die Firmenbestatter nicht darben. Für seinen nur wenige Monate dauernden Einsatz bei der oberpfälzischen Maxhütte erhielt der Düsseldorfer Gesamtvollstrecker Heinrich von der Beek vor einigen Jahren rund 3,5 Millionen Mark. Sein Heidelberger Kollege Jobst Wellensiek kassierte für die Abwicklung des Klöckner-Vergleichs im vergangenen Jahr sogar stolze 18,3 Millionen Mark.

Vielen Pleitespezialisten reichen die Millionenhonorare nicht einmal. Sie verdienen häufig doppelt und dreifach. Dabei nützen sie geschickt Lücken im Gesetz.

So dürfen Verwalter in ihrer eigenen Anwaltskanzlei Prozesse für die Gläubiger führen und die Kosten aus der Masse entnehmen. Clevere Abwickler zetteln deshalb gezielt Streit an. Das bringt zusätzlich Geld.

Beliebt ist auch ein anderer Trick. Der Verwalter, seine Frau oder ein Strohmann gründen eigens eine Immobilienfirma. Sie übernimmt gegen Provision den Verkauf der Grundstücke. Den Erlös streicht der Firmenbestatter ein.

Mit dem Dreh wollte zum Beispiel der Anwalt von Hohenhau in Halle absahnen. Doch der Konkursrichter durchschaute den Plan. Der Baron mußte die Konsum-Immobilien fortan von einer Fremdfirma vermarkten lassen.

Noch dreister bediente sich sein Aachener Kollege Wilhelm Dresse. Der Jurist soll notleidende Firmen, die ihm anvertraut waren, mit Hilfe von Scheingeschäften und gefälschten Schecks um insgesamt 13 Millionen Mark geprellt haben. Als die Betrügereien aufflogen, setzte sich Dresse ins Ausland ab.

Der Konkursbetrüger wurde bis heute nicht gefaßt. Selbst ein Fahndungsaufruf in der Fernsehsendung »Aktenzeichen XY ungelöst« blieb ohne Erfolg.

Welche Kreativität Verwalter mitunter entwickeln, um abzusahnen, zeigt das Beispiel des Hamburger SPD-Politikers Gerd Weiland. Der Anwalt, bis vor kurzem Vorsitzender im Haushaltsausschuß der Bürgerschaft, übernahm 1984 mit einem Partner die Hamburger Stahlwerke (HSW). Bei der Firma, ehemals eine Tochter der Korf Stahl AG, war Weiland zuvor als Vergleichsverwalter eingesetzt.

Das Unternehmen erwirtschaftete seit Jahren hohe Verluste. Trotzdem kassierten der Sozialdemokrat und sein Kompagnon üppige Gehälter. Das Geld besorgten sie sich über Kredite der öffentlichen Hand.

Mittels einer Firma, an der Weiland beteiligt war, sollen sie zudem satte Provisionen abgegriffen haben. Ende vergangenen Jahres mußte der SPD-Mann seine HSW-Anteile abgeben und von sämtlichen öffentlichen Ämtern zurücktreten (SPIEGEL 3/1994).

Einen ähnlichen Trick wie Weiland wandte auch der Stuttgarter Konkursverwalter Hans Ringwald an. Er profitiert noch heute von der elf Jahre zurückliegenden Korf-Stahl-Pleite.

Ringwald war bei einer anderen Konzerntochter als Vergleichsverwalter bestellt, bei den Badischen Stahlwerken (BSW). Sie haben die Hamburger Stahlwerke inzwischen übernommen.

Ringwald schanzte die BSW-Anteile nach Abschluß des Verfahrens raffiniert zwei Geschäftsführern zu. Sie sind heute mehrfache Millionäre. Einer von ihnen ist Hans-Eckhard Seizinger, Vater der Skirennläuferin Katja Seizinger.

Die Manager hängten im Gegenzug die Badische Gesellschaft für Beteiligungen an ihren Konzern an, Ringwalds privates Steckenpferd. In der Beteiligungsgesellschaft hat der Jurist ein Sammelsurium angeschlagener Firmen zusammengefaßt, darunter zum Beispiel die Uhrengruppe Dufa oder die Ettlinger Maschinenfabrik Höfler.

Die Firmen werden mit dem Geld und Know-how der Badischen Stahlwerke wieder aufgepäppelt. Sind sie saniert, verkauft Ringwald sie mit Gewinn weiter. »Dabei verdiene ich nicht schlecht«, brüstet sich der clevere Schwabe.

Daß sein Verhalten anrüchig sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. »Andere Leute kaufen Aktien billig ein und verkaufen sie teuer«, argumentiert er, »ich mache dasselbe eben mit kompletten Firmen.«

Seriöse Verwalter wie der Kölner Anwalt Bruno Kübler fürchten, daß die glatten Geschäftemacher der ganzen Zunft schaden könnten. Der Jurist steht einer Vereinigung besonders ehrpusseliger Verwalter vor, dem Gravenbrucher Kreis.

Bereits vor drei Jahren wollten er und seine Mitstreiter für die Branche verbindliche Standesrichtlinien festlegen. Der Kodex sollte die Abwickler zu mehr Offenheit gegenüber den Konkursrichtern und Gläubigern anhalten. Außerdem sollten die Pleiteprofis über das normale Honorar hinaus keine Zusatzeinkünfte kassieren.

Doch die hehren Grundsätze wurden nie verabschiedet. Den meisten Verwaltern waren die Vorschriften zu streng. Andere, wie der Aachener Konkursexperte Mönning, kritisierten, daß der Verwalter-Knigge bei Verstößen keine Strafen vorsah.

Kübler kann froh sein, daß die Richtlinien nie in Kraft traten. Selbst er als Verfasser verstößt gegen einen wichtigen Paragraphen. »Der Insolvenzverwalter lehnt . . . die Übernahme neuer Verfahren ab«, heißt es in einer der Regeln, »wenn er durch laufende Verfahren . . . stark belastet ist.«

Das fällt Kübler offenbar schwer. Der Kölner Anwalt betreut zur Zeit fast 40 Fälle.

Anm. d. Red.:
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Halle gegen Siegfried von Hohenhau wegen Vorteilsgewährung u.a. wurden im November 1994 nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt. Die Vorwürfe hatten sich als unberechtigt herausgestellt.

Ebenso wurde das Verfahren gegen den jungen Konkursrichter im Jahr 1995 gemäß § 170 Abs. 2 StPO eingestellt.

aus DER SPIEGEL 29/1994

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