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Versicherungen Wie die Bären

Ein Mathematiker und ein Makler haben rund 20 Versicherungen ausgetrickst.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Tagelang saßen Reinhard Schmidt-Tobler und Dieter Zantop vor ihren Computern; unermüdlich rechneten sie Tarife und Provisionen von Versicherungsgesellschaften durch. Am Ende fand Versicherungsmakler Zantop, 57, seine Vermutung bestätigt: »Die schlechtesten Manager sitzen in den Versicherungen.«

Diese hochdotierten Spitzenkräfte, assistiert der Versicherungsmathematiker Schmidt-Tobler, 44, »sind keine Unternehmer, sondern Verwaltungsangestellte. Die kriegen das Geld reingeschüttet.«

Jetzt haben die Manager in den Glaspalästen eine Menge Ärger, und den verdanken sie Zantop und Schmidt-Tobler. Die beiden haben ein nahezu perfektes System entdeckt, wie Versicherungen auszunehmen sind.

Mehr als zwei Jahre lang merkten die rund 20 Gesellschaften, die Geschäfte mit Zantop und Schmidt-Tobler gemacht haben, nichts. Vom nächsten Jahr an drohen Verträge im Gesamtwert von neun Milliarden Mark zu platzen - alles Policen, bei denen die Unternehmen kräftig draufzahlen.

Der Makler und der Mathematiker haben eine Geldmaschine entwickelt: eine Versicherung, deren Prämien indirekt von den Versicherungsunternehmen bezahlt werden und die nach einigen Jahren Gewinn abwirft.

»Das ist kein einfaches Perpetuum mobile«, juxt der Mathematiker, »sondern eins, das auch noch Strom erzeugt.«

Dem Hamburger Versicherungskonzern Iduna-Nova schien das so unvorstellbar, daß er Ende Juli Schmidt-Tobler und Zantop wegen Betrugs anzeigte. Seitdem werden die beiden per Haftbefehl gesucht. Nach Erkenntnissen der Hamburger Staatsanwaltschaft sind sie »flüchtig«.

Die beiden Flüchtigen sitzen in Hamburg-Othmarschen und konferieren mit den Versicherern. Weil sie wegen des Haftbefehls nur beschränkt reisefähig sind, kamen Vorstandsmitglieder vieler Unternehmen zu ihnen, um über Schadensbegrenzung zu verhandeln.

Die meisten Versicherer haben inzwischen gemerkt, daß Schmidt-Tobler und Zantop wohl keine schlichten Provisionsbetrüger sind, sondern am Rand der Legalität gearbeitet haben. »Wir hätten«, verteidigt sich Schmidt-Tobler, »30 Millionen Mark Provision in den Koffer packen und abhauen können.«

Statt dessen beschlossen sie, zwei Schwachpunkte der deutschen Versicherungen auszunutzen: die Gier nach Größe und die Behäbigkeit des Verwaltungsapparats. Versicherungen, spottet Schmidt-Tobler, »sind so träge wie die Bären in den amerikanischen Nationalparks - wenn die nicht mehr gefüttert werden, fallen sie tot um«.

Die Chefs der Assekuranz-Unternehmen haben vor allem ein Ziel vor Augen: mehr Umsatz und damit mehr Macht - und darum zahlen sie den Vermittlern fette Provisionen. Es ist ja schließlich das Geld der Versicherten, mit dem sie ihre eigene Größe mehren.

Da kam einer wie Zantop gerade recht. Seit Mitte der achtziger Jahre berät der Makler, zusammen mit Schmidt-Tobler, Firmen über die Gestaltung ihrer betrieblichen Altersversorgung.

Die beiden haben daran prächtig verdient; sie brachten es zu gediegenen Villen in Hamburg und zu Ferienresidenzen auf Teneriffa, in Davos und Timmendorfer Strand. Bei Nizza liegt ihre Doppelschrauben-Jacht »Claudine«.

Zantop und Schmidt-Tobler erklärten mehr als 300 mittelständischen Unternehmen mit insgesamt 25 000 Angestellten, wie sie über Unterstützungskassen steuersparend ihren Arbeitnehmern eine Betriebsrente zusagen können. Mit den Listen von 25 000 Beschäftigten konnten Schmidt-Tobler und Zantop viel anfangen: Sie schlossen über ihre Unterstützungskassen - auf eigenes Risiko - für jeden Angestellten eine Rentenversicherung von 360 000 Mark ab.

Die Versicherungskonzerne hofierten den Makler Zantop, der seit Frühjahr 1990 Gruppenverträge mit gewaltigen Summen vergab. »Vor allem die Hamburg-Mannheimer«, berichtet Zantop, »konnte nie genug kriegen.«

Im vergangenen Jahr schloß der Konzern für 20 Milliarden Mark neue Verträge ab; einen guten Teil davon brachte Makler Zantop. »Der Vertriebsvorstand Gerd Diehl«, sagt Zantop, »hat bei uns für 4,3 Milliarden Mark eingekauft und nicht gewußt, warum.«

Inzwischen weiß er es. Der Makler schenkte seine Provisionen dem Versicherungsnehmer - einer Unterstützungskasse, deren Sondereinnahmen in einer höchst komplizierten Konstruktion letztlich an Zantop und Schmidt-Tobler fließen.

Zantops Provisionen - allein von der Hamburg-Mannheimer bekam er 190 Millionen Mark - reichen aus, um die ersten zwei bis drei Jahresprämien der abgeschlossenen Versicherungen zu bezahlen. Dann werden die Jahresprämien auf Kredit finanziert.

»Bei niedrigen Zinsen können Sie die Prämien bis in die Steinzeit zahlen«, erläutert Zantop. Bleibt das derzeitige Zinsniveau aber weiterhin hoch, müssen Zantop und Schmidt-Tobler die Verträge demnächst kündigen - wie ein normaler Versicherungsnehmer, der die Prämien nicht mehr aufbringen kann.

Am günstigsten ist der Ausstieg nach drei Jahren. Dann hat, jedenfalls bei den Verträgen mit der Hamburg-Mannheimer, der Makler seine Provision voll verdient, und die Versicherung muß weit mehr auszahlen, als die auf Pump finanzierte dritte Jahresprämie gekostet hat.

Die Kredite für diese Geldvermehrungsmaschine kamen von den Versicherungsfirmen. Die Versicherer müssen alljährlich die riesigen Prämieneinnahmen von ihren Kunden sicher anlegen - außer Immobilien kennt die Assekuranz nichts, was solider ist als der jeweilige Wert einer Lebensversicherung, der sogenannte Rückkaufswert.

Versicherer gaben Zantop und Schmidt-Tobler insgesamt 83 Millionen Mark, mehr als die Hälfte ihres bisherigen Kreditbedarfs. So hat die Assekuranz mit Provisionen und Krediten ihre Versicherungsverträge selbst finanziert.

Das Modell der beiden funktioniert allerdings nur, wenn zwei Bedingungen stimmen: die Laufzeit der Verträge und die Haftung des Maklers.

Kündigt der Versicherungsnehmer im ersten Jahr, sind seine eingezahlten Beiträge verloren. Doch schon nach Ablauf des zweiten Jahres, so die Vorschrift, muß die Versicherung mindestens 65 Prozent der entrichteten Beiträge zurückerstatten. Dieser Rückkaufswert steigt dann von Jahr zu Jahr.

Bei zu früher Kündigung wird die Provision des Maklers gekürzt. Sonst wäre seine Vergütung höher als die Beiträge, die der Versicherungsnehmer bislang eingezahlt hat. Deshalb hat bei fast allen Versicherungen der Vermittler erst dann seine Provision voll verdient, wenn mindestens sechs Jahre lang die Versicherungsprämien bezahlt worden sind.

Zantop suchte sich daher vor allem die Hamburg-Mannheimer aus, weil er dort zumeist schon nach drei Jahresprämien die volle Provision behalten durfte. Und seine Vergütung fiel mit bis zu 4,42 Prozent der Versicherungssumme so üppig aus, daß er damit meist mehr als zwei Jahresprämien zahlen konnte. Wird die Versicherung dann im dritten Jahr oder später gekündigt, wirft sie Gewinn ab.

»Klingt ziemlich absurd«, kommentiert Peter Kakies, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Hamburg-Mannheimer, dieses Modell. Vielleicht, räumt der gelernte Mathematiker ein, komme »bei ganz extremen Kombinationen mal ein Plus heraus, aber das könnte nur bei einem von hundert abgeschlossenen Verträgen klappen«.

Mathematiker Schmidt-Tobler hingegen behauptet, daß er richtig gerechnet hat: »Wir haben uns bei allen Gesellschaften die Rosinen rausgeholt.« Die fand er vor allem bei der Hamburg-Mannheimer und der Iduna, mit denen er mehr als zwei Drittel seines gesamten Geschäfts abwickelte.

»Bei den hohen Rückkaufswerten«, kritisiert Schmidt-Tobler die Branche, »zahlen die Gesellschaften viel zu hohe Provisionen.«

Versicherungsvertreter erhalten Vergütungen von meist 2, höchstens 2,8 Prozent der Versicherungssumme, selbständige Makler bekommen 3,5 Prozent. Eine höhere Provision hat das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen nicht genehmigt.

Tatsächlich aber kassieren viele Makler weit mehr. Die Konzernchefs zahlen ihnen Provisionen bis zu 4,5 Prozent. Das freilich darf keiner wissen, und daher wird die Zusatz-Provision als »Aufwandsentschädigung« oder »Bürokostenzuschuß« getarnt. Die Manager wollen verhindern, daß die Aufsichtsbehörde etwas merkt und daß ihre schlechter bezahlten Vertreter aufmucken.

Der Mathematiker und der Makler erhielten die günstigsten Tarife und die höchsten Provisionen, weil sie mit ihren Unterstützungskassen hohe Umsätze brachten. Diese schlossen als Versicherungsnehmer zugunsten der Angestellten Policen ab. Da es sich um Gruppenverträge mit einer Pensionszusage des Arbeitgebers handelte, mußten die Arbeitnehmer ihre Policen nicht unterschreiben. Sie wußten nicht einmal, daß und in welcher Höhe sie versichert sind.

Schmidt-Tobler und Zantop haben die Arbeitnehmer pauschal mit 360 000 Mark versichert, das entspricht einer Betriebsrente von monatlich 3000 Mark. Tatsächlich gaben die meisten Arbeitgeber ihren Beschäftigten nur Pensionszusagen von 100 Mark im Monat, was einer Versicherungssumme von 12 000 Mark entspricht. Daß die beiden die 25 000 Angestellten dennoch so hoch versicherten, war legal. Inzwischen funktioniert dieser steuerrechtliche Trick allerdings nicht mehr.

Von den Konzernen wußte zumindest die Hamburg-Mannheimer, wie der Mathematiker und der Makler auf solch gewaltige Versicherungssummen kamen. Die beiden würden, so eine Protokollnotiz der Gesellschaft, keine Rentenversicherungen abschließen, sondern »eine allgemeine Kapitalanlage« tätigen. Die Hamburg-Mannheimer ahnte allerdings nicht, daß sie selbst die Prämien zahlte.

Das Riesengeschäft flog nur durch Zufall auf. Im Juli glaubte die Iduna, ihr Makler Zantop sei mit noch nicht voll verdienten Iduna-Provisionen von rund zehn Millionen Mark durchgebrannt.

Bei Anrufen in Zantops Büro hatte niemand den Hörer abgenommen. Da schickte die Iduna einen Mitarbeiter in die Palmaille 35a. Der sah im Erdgeschoß ein ausgeräumtes Büro. Die Versicherung schlug Alarm.

Zantop und Schmidt-Tobler waren in die 13. Etage umgezogen und hatten ihre fünf Angestellten in Betriebsurlaub geschickt. Die beiden machten am Mittelmeer Urlaub auf ihrer Jacht, als die Iduna Strafanzeige stellte.

Allerdings war die Gesellschaft bei ihren Nachforschungen auch auf einige nicht real existierende Angestellte gestoßen, die von Zantop versichert worden waren. Ein Vermittler im Odenwald, erklärt der Makler die Panne, hatte ihm Arbeitnehmer von 19 Firmen zugetrieben, doch die Unternehmen wußten davon nichts. Der Vermittler aus Groß-Umstadt wollte sich so die Prämie von 100 Mark pro erfundenen Angestellten ergattern.

Den Vorschlag, die Verträge mit den nur auf dem Papier existierenden Arbeitnehmern zu anullieren und die Provisionen dafür zurückzuzahlen, lehnte Iduna-Chef Günter Kutz ab. Er will alle Verträge für null und nichtig erklären. Das wiederum wollen Schmidt-Tobler und Zantop nicht.

Einen konkreten Schaden kann Kutz noch nicht belegen; bis jetzt sind alle Versicherungsprämien bezahlt worden. Auch der Hamburg-Mannheimer entsteht, wenn überhaupt, ein Schaden nur in den nächsten Jahren - und den hätte sie sich selbst zuzuschreiben.

Es gehe der Iduna und der Hamburg-Mannheimer wohl darum, ihn und seine Unterstützungskassen in den Ruin zu treiben, meint Schmidt-Tobler. »Wenn Zantop und ich in Untersuchungshaft kommen, ist die Firma in acht Wochen kaputt.« Bei Zahlungsunfähigkeit ihres Versicherungsnehmers kämen die Konzerne leicht aus ihren Verträgen heraus.

Diese Verträge sind den Gesellschaften inzwischen etwas peinlich. Warum sie solche Policen abgeschlossen haben, können sie nicht so recht erklären. Andere Versicherer wie etwa die Aachen-Münchener haben die Tücken in dem Modell erkannt und abgelehnt.

Der Hamburg-Mannheimer-Vorstand Peter Kakies sieht die Sache philosophisch. »Es gibt«, sagt er, »viele Fragen, die ich mir stelle und auf die ich keine Antwort weiß.«

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