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BANKEN Wie ein Blitzschlag

Die Bayerische Raiffeisen-Zentralbank drängte ins große Geschäft - und verspielte eine Dreiviertel-Milliarde mit Bauherrenmodellen. *
aus DER SPIEGEL 46/1985

In den bayrischen Raiffeisenbanken geht es offenbar gemütvoll und solide zu wie in der guten alten Zeit. Da wird nicht »nur noch über Computer miteinander kommuniziert«, so schildert Hellmut Horlacher, Vorstand des Bayerischen Raiffeisenverbandes, gern die Idylle; da findet der Kunde jemanden, der ihn »anspricht und Anteil nimmt«.

In so einer Bank der kleinen Leute habe natürlich auch, so Horlacher, neumodisches »Glücks- und Raubrittertum«,

wie es das Bauherrenmodell hervorbrachte, nichts zu suchen. Die Steuerspar-Konstruktion habe den Mietwohnungsbau totgemacht, dem Staat Einnahmen vorenthalten und den vermeintlichen Nutznießern wegen weit überhöhter Preise kaum einen Vorteil gelassen.

Richtig erkannt und schön gesagt, nur sieht leider die Praxis anders aus. Das Münchner Spitzeninstitut der ländlichen Banken, die Bayerische Raiffeisen-Zentralbank AG (BRZ), hat sich mit eben diesen Geschäften der Glücksritter schwer verhoben. Horlacher ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Mitglied des Kreditausschusses.

Die BRZ machte - wie in der vergangenen Woche bekannt wurde - mehr als die Hälfte ihres Kreditgeschäftes von 5,2 Milliarden Mark mit der Finanzierung von zweifelhaften Bauherrenmodellen. Die gerissensten Spekulanten der Münchner Immobilien-Szene holten sich das Geld für ihre Aktionen aus der Raiffeisenzentrale an der Türkenstraße. Die Bank muß nun 750 Millionen Mark an Krediten abschreiben.

Die Erkenntnis traf Horlacher »wie ein Blitzschlag, der die Eiche gespalten hat«. Dabei haben die Experten der bundeseigenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit, die den Wertberichtigungsbedarf der Bank ermittelten, zunächst nur den ersten Brocken der fragwürdigen Finanzierungen untersucht. Insider der Genossenschaftsbanken fürchten, daß der Betrag am Ende auf eine Milliarde Mark steigen könnte.

Die Nachricht aus München macht den Raiffeisenbanken auf dem Lande schon jetzt schwer zu schaffen. Zum erstenmal in der Geschichte der ehrwürdigen Institute zogen besorgte Kunden »nicht unnennenswerte Beträge« (Horlacher) von den Konten ab. Die Mitarbeiter an den Schaltern hatten alle Mühe, ihre bäuerliche Klientel zu überzeugen, daß die örtlichen Raiffeisenbanken von den Fehlspekulationen der Zentrale nicht unmittelbar gefährdet seien.

Die 930 bayrischen Raiffeisenbanken sind rechtlich selbständige Genossenschaften, keine Filialen der BRZ. An der Zentralbank sind sie nur als Aktionäre beteiligt. Auf die übliche Dividende aus München, acht Prozent plus vier Prozent Bonus, werden die Genossen freilich vorerst verzichten müssen.

Nur 500 Millionen Mark kann die BRZ aus eigenen Mitteln mobilisieren, um die Wertberichtigungen abzudecken. Für den Rest sollen die sieben anderen deutschen Raiffeisenzentralbanken und das genossenschaftliche Spitzeninstitut, die DG Bank in Frankfurt, mit Garantie-Verpflichtungen geradestehen. Vom Motto des Gründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen - »Einer für alle, alle für einen« - gilt sehr zum Verdruß der übrigen Genossenschaftsbankiers nur noch der zweite Teil.

Der eine, für den nun alle die Rechnung begleichen müssen, ist Konrad Vilgertshofer. Der Vorstandsvorsitzende der BRZ mochte seine Zentrale nicht auf die angestammten Aufgaben beschränken, nämlich für die Raiffeisenbanken den Zahlungsverkehr zu besorgen oder Beratungsservice zu leisten. Wie richtige Bankiers wollten auch die Genossen am großen Geldgeschäft teilhaben.

Doch dabei ließen sich die Münchner mit Leuten ein, die manche Genossenschaftsbanker gern als »junge Schnösel mit Goldgräbermentalität« bezeichnen. Zu denen zählt etwa der Münchner Erich Kaufmann, der sich nach eigenen Worten Friedrich Flick und Howard Hughes

zum Vorbild genommen hat. Nach den Recherchen der Prüfer haben Kaufmann und ein weiterer Partner allein 350 Millionen Mark an Wertberichtigungen verursacht.

Zu dem Kundenkreis der Raiffeisenbanker gehörten auch die BTV Bau-Treuhand und Verwaltung sowie die Münchner Investitionsgruppe »Aval«, an der Burkhard Driest, der »Brutalinski«-Schauspieler ("Die Zeit"), mitverdient. In der ohnehin nicht zartbesaiteten Branche machte sich Aval mit ihren rüden Methoden einen Namen als »Panzerknacker-Bande«.

Bei dieser Kundschaft zeigte die BRZ ein Entgegenkommen, auf das gewöhnliche Genossen nicht hoffen dürfen. Die Immobilien der Bauträger wurden bis zu hundert Prozent, oft noch darüber, beliehen. Die risikofreudigen Bankiers setzten auf einen stetigen Anstieg der Grundstückspreise und Mieten.

Doch in der Flaute am Immobilienmarkt sind inzwischen Quadratmeter-Preise von 6000 Mark und mehr für Eigentumswohnungen sowie Mieten über 15 Mark den Quadratmeter selbst für München zuviel. Der Absatz der Bauherrenmodelle stockt seit langem, die Wohnungen sind nicht mehr zu den garantierten Mieten zu vermieten.

Schon mehrfach mußte die BRZ monatlich mehrere hunderttausend Mark in die Bauträger-Gesellschaften nachschießen. Anders ließen sich die Garantie-Mieten gar nicht mehr zahlen. Oft wurde eilends eine neue Immobilie beliehen, wenn die Finanzierung eines Objektes in Gefahr geriet.

»Hier liegt Kriminalität vor«, klagt Horlacher nun, »wir wurden von früh bis in die Nacht belogen.« Als Schuldige wurden BRZ-Direktor Siegbert Krauss und das Vorstandsmitglied Rudolf Nolte ausgemacht. Beide mußten inzwischen gehen.

»Ich bin kein Betrüger«, beteuert Nolte. In der Tat ist kaum vorstellbar, daß Vilgertshofer so ahnungslos ins Unglück stolperte, wie er nun beteuert. Helmut Guthardt, Chef der DG Bank, hatte die Münchner schon lange gewarnt, »das Geschäft so auf den Immobiliensektor zu konzentrieren«.

Auch sonst fehlte es nicht an Warnungen. Vor drei Jahren hatte zum Beispiel die Bürgerinitiative »Aktion Maxvorstadt« Vilgertshofer eine lange Liste von Häusern vorgelegt, bei denen seine Bank als Finanzier von übel beleumdeten Luxussanierern fungierte. Wo immer in Schwabing zwischen Ungerer-, Agnes- oder Türkenstraße die Vertreibung alteingesessener Mieter Schlagzeilen machte, stand die BRZ als Geldgeber im Hintergrund.

Am Mittwoch vergangener Woche bat Vilgertshofer seinen Aufsichtsrat erst mal um Beurlaubung, bis der Prüfungsbericht der Treuarbeit vorliege. Es könnte mehr werden als ein Urlaub - die Genossenschaftsbanker haben seinen Nachfolger schon verpflichtet: Karl Fehrenbach, ein Vorstandsmitglied der Landhandels-Genossenschaft BayWa.

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