Zur Ausgabe
Artikel 36 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

EISENBAHN Wie ein Coup

Pendler steigen wieder in den Zug statt ins Auto - Hoffnung für die britische Eisenbahn. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Staatsgast Wilhelm II. ließ dem Lokführer seine Komplimente übermitteln. Der deutsche Kaiser erlebte im Trauerzug für die verstorbene Königin Viktoria, wie die britische Eisenbahn im Rekordtempo von 80 Meilen pro Stunde über die Insel jagte. Das war 1901.

Gut 85 Jahre später brach der Royal Train mit Königin Elizabeth II. an Bord auf den 150 Kilometern zwischen Sandringham und London nicht weniger als sechsmal zusammen - den Briten war es ein letzter Beweis für den Niedergang ihrer Eisenbahn. »Teuer, schmutzig, unzumutbar«, schimpfte eine Verbraucherorganisation.

Die Eisenbahner haben sich die Kritik, die sie über Jahre hören mußten, nun wohl doch zu Herzen genommen. Mit British Rail (BR), so meinen die Bahnfreunde, geht es wieder aufwärts.

Das Unternehmen renoviert heruntergekommene viktorianische Bahnhöfe, rangiert klapprige Waggons aus. Die britische Bahn läßt InterCity-Expreßzüge rollen, in denen Reisende neuerdings ungewohnten Komfort finden: sanfte Fahrt auch bei über 200 Stundenkilometern, saubere Abteile, dazu schmackhafte Gerichte im Speisewagen.

Die neue Lebensqualität auf den Schienen und andererseits die zunehmende Autoflut auf den Straßen locken die Bürger zurück zum Zug. Im dichtbesiedelten Südost-England stieg die Zahl der Passagiere im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent. Insgesamt kauften fast 690 Millionen Menschen ein Ticket bei British Rail. _(Zum Vergleich: Die Deutsche ) _(Bundesbahn beförderte 1986 gut eine ) _(Milliarde Menschen auf ihren Schienen: ) _(sie hatte 268000 Beschäftigte und wies ) _(ein Defizit von 3,3 Milliarden Mark aus )

Ein langjähriger Trend ist gebrochen: Pendler steigen vom Auto in die Bahn um. »Das Bild der Zukunft«, schwärmt der BR-Vorsitzende Robert Reid, »ist eine expandierende Eisenbahn, die weniger auf Steuergelder angewiesen ist.«

Die Zuschüsse werden ohnehin von Jahr zu Jahr planmäßig abgebaut. Daß der Staat eine soziale Verpflichtung haben soll, seine Bürger preisgünstig zu befördern, paßt nicht zum Laissez-faire-Kapitalismus der Thatcher-Ära. Hatte British Rail 1985/86 noch 896 Millionen Pfund an Staatshilfe erhalten, so zahlte die Regierung 1986/87 nur noch 720 Millionen Pfund.

Der »Financial Times« erschien es denn »wie ein Coup«, daß die Bahn im Ende März abgeschlossenen Finanzjahr dennoch einen Betriebsgewinn von 73,7 Millionen Pfund erwirtschaftete.

Der schrumpft freilich nach Abzug der Zinszahlungen auf 2,4 Millionen Pfund, nach einem Minus von 288,1 Millionen Pfund 1984/85 und 11,5 Millionen Pfund im Vorjahr. Und weil BR zuletzt 85 Millionen Pfund für die Umgestaltung ihres Verluste einfahrenden Container-Dienstes und ihrer Werkstattabteilungen ausgab, bleibt schließlich doch ein Nettoverlust von 82,6 Millionen Pfund - etwa 244 Millionen Mark.

Doch ermutigt durch ihren bemerkenswerten Betriebsgewinn wollen die Bahnmanager in den kommenden fünf Jahren noch einmal drei Milliarden Pfund für neue Züge, Bahnhöfe und Gleisanlagen ausgeben. Das allein allerdings wird nicht reichen, die Staatsfirma so attraktiv zu machen, daß sie aus den roten Zahlen kommt. Das geht, wie in anderen Industriestaaten auch, nur durch drastische Kostensenkung - und das bedeutet Härten für das Personal.

Seit 1983 entließ BR fast 48000 Arbeiter und Angestellte, was die Ausgaben für Löhne und Gehälter um 21 Prozent drückte. Von den derzeit 173800 bei der britischen Bahn Beschäftigten werden in den kommenden fünf Jahren weitere 13000 ihren Job verlieren.

Die Bahn bemüht sich mit Sonderarrangements um neue Kunden, mit kombinierten Bahn-Hotel-Angeboten, Extra-Tickets für den Londoner Stadtverkehr und Exkursionen in die schönsten Gegenden des Landes. Die Personenbeförderung brachte British Rail im letzten Geschäftsjahr immerhin bereits Mehreinnahmen von acht Prozent. Dadurch wurden die Verluste, die BR in diesem Bereich einfährt, verringert.

Auf lange Sicht möchte die Regierung der Margaret Thatcher eine ganz neue Bahn: Die Staatsfirma soll ein privates, marktorientiertes Unternehmen werden. Schon jetzt vergibt die Bahn viele Aufträge, die sie früher selbst erledigte, an den Privatsektor.

Die Premierministerin selbst mag die Bahn ohnehin nicht. Margaret Thatcher reist während Wahlkampagnen im »Battle Bus« statt im Zug durch die Provinz. Und sie hätte lieber ein Kanaltunnel-Projekt gesehen, bei dem Automobile auf der Reise unter dem Meer nicht im Huckepack-Verfahren auf Züge verladen werden müssen.

Ganz konsequent ist jedoch auch die Eiserne Lady nicht. Die Regierung, so kritisierte der »Economist«, lasse Züge in Gegenden verkehren, »in denen kein zurechnungsfähiger Geschäftsmann eine Eisenbahn betreiben würde«.

Es sind, so argwöhnt die Zeitschrift, »bedrohte Tory-Wahlkreise«.

Zum Vergleich: Die Deutsche Bundesbahn beförderte 1986 gut eineMilliarde Menschen auf ihren Schienen: sie hatte 268000 Beschäftigteund wies ein Defizit von 3,3 Milliarden Mark aus

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.