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Konzerne Wie ein Rennpferd

Ein schrulliger italienischer Manager bastelt insgeheim an einem industriellen Superimperium, das sogar einmal Westdeutschlands größtes Unternehmen, VW, übertreffen könnte.
aus DER SPIEGEL 11/1972

Eugenio Cefis, 50, schläft jede Nacht in einem anderen Bett. Allein in Mailand hat der Herr über den größten Chemiekonzern Italiens, Montecatini, Edison SpA ("Montedison«, 180 000 Beschäftigte, rund zwölf Milliarden Mark Umsatz), mehrere feste geheime Domizile. Nur wenige enge Vertraute wissen, wo sie ihren Chef, den sie wegen seiner Geheimniskrämerei den »Geist« nennen, gerade erreichen können.

Abgeschieden selbst von seinen Vorstandskollegen, webt Cefis an Plänen für ein industrielles Superimperium, das sogar Westdeutschlands größtes Unternehmen, VW, übertreffen könnte.

In den vergangenen vier Monaten erwarb der Montedison-Chef: das zweitgrößte italienische Pharmazeutik-Unternehmen Carlo Erba (7300 Beschäftigte, 472 Millionen Mark Umsatz); die Arzneimittel-Firma Farmitalia (5600 Beschäftigte, 347 Millionen Mark Umsatz); das Chemiefaser-Unternehmen Rhodiatoce (9000 Beschäftigte, 397,2 Millionen Mark Umsatz); die Kontrolle über Snia Viscosa, Italiens bedeutendsten Hersteller von Zellulosefasern und Nylon (4700 Beschäftigte, rund zwei Milliarden Mark Umsatz).

Die neuerworbenen Firmen will Cefis mit Montedison-Gesellschaften verschmelzen. Dadurch rückt der Konzern zu Italiens bedeutendstem Arzneimittelproduzenten und zu Europas zweitgrößtem Hersteller von Chemiefasern auf (nach dem niederländischen Akzo-Konzern).

»Die Phase der Stagnation«, frohlockte ein Montedison-Manager, »ist nun endlich vorbei.« Jahrelang hatte Montedison als der große Kranke unter den internationalen Chemiekonzernen gegolten. Allein 1971, als Westdeutschlands Chemiekolosse BASF, Bayer und Hoechst immer noch ansehnliche Gewinne einstrichen, verbuchte Montedison 384 Millionen Mark Verlust.

Zu der Misere war es gekommen, weil es dem Montedison-Management nicht gelungen war, die allzu breit gestreuten Konzerninteressen zu straffen. In etwa 200 Werken produziert Montedison außer Pillen, Plastik, Fasern und weiteren rund 90 Chemieprodukten auch Strom, Blei und Zinn. Darüber hinaus gehören viele branchenfremde Unternehmen -- von der Glashütte bis zur Warenhauskette -- zum Konzern.

Oft arbeiteten in dem Firmengewirr mehrere Unternehmen -- ohne es zu wissen -- an gleichen Projekten. Häufig auch lieferten sich Montedison-Firmen erbitterte Konkurrenzkampfe.

»Aus diesem kranken Elefanten Montedison«. gelobte Eugenio Cefis, als er im Mai vergangenen Jahres die Konzernleitung übernahm, »werde ich noch ein gesundes Rennpferd machen.«

Die 230000 Montedison-Kleinaktionäre fürchteten jedoch, Cefis, der zuvor den staatlichen Öltrust Eni (Benzinmarke:«,Supercortemaggiore") geleitet hatte, werde lediglich die »schleichende Verstaatlichung« (so Aktionärs-Sprecher Luigi Madia) des Konzerns fortsetzen. Denn jahrelang hatte der damalige Eni-Chef planmäßig Montedison-Papiere aufkaufen lassen, bis Anfang 1971 der Staatskonzern 25 Prozent der Anteile besaß -- mehr als jeder andere Aktionär.

»Die Eni-Leitung bestimmt nun«, empörte sich damals Kleinaktionär Madia, »was bei Montedison geschieht.« Eni-Chef Cefis beschloß, den Chemieriesen persönlich zu sanieren. Als erstes brachte der neue Montedison-Chef das Management des Konzerns auf Trab. Reihenweise feuerte Cefis Führungskräfte, die ihm unfähig erschienen und ersetzte sie durch ehemalige Eni-Experten.

Von den an gemächliches Arbeiten gewöhnten Angestellten verlangte Cefis Pünktlichkeit und Tempo. Obendrein mußten sie sich mit den »geradezu exzentrischen Eigenheiten« (so ein Manager) des neuen Chefs abfinden.

Nur wenigen Top-Leuten ist es vergönnt, den scheuen Chef zu sprechen. »Er traut«, klagte ein Angestellter, »keinem Menschen.« So pflegt Cefis, der einst als Partisanenführer gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte, bevor er ein Firmentelephon benutzt, den Hörer zu zerlegen und nach Abhörgeräten zu untersuchen.

Wenn er während der Arbeitszeit ungestört sein will, läßt sich Cefis von auserwählten Chauffeuren stundenlang ziellos in der Umgebung von Mailand umherfahren. Kommt ihm dann ein Einfall, gibt er ihn über das Autotelephon an sein Büro weiter. Nur vertraute Freunde und Geschäftspartner -- wie Raffaele Girotti, seinen Nachfolger als Eni-Präsident -- lädt Cefis zu sich in den von Vorhängen abgeschirmten Wagenfond.

Solcherart »vor unerwünschten Lauschern absolut sicher« (Cefis). erarbeitete der Konzernstratege einen Plan zur Montedison-Sanierung. Nach seinem Konzept sollen künftig vier starke Säulen das morsche Firmenimperium stützen: der Faser-Bereich, die Pharma-Produktion, die konzerneigenen Versicherungsgesellschaften und die Montedison-Lebensmittelfirmen.

Zunächst begann der gelernte Volkswirt »die dürren Äste im Firmendickicht« (so ein Cefis-Untergebener) zu kappen. »Rund 40 Unternehmen«, erläuterte Planungschef Giorgio Mazzanti, »passen überhaupt nicht in unser Konzept.« Cefis verkaufte das Stahlunternehmen Sisma ebenso wie die Ackumulatorenfirma Tudor, einen Betrieb zur Herstellung von feuerfesten Töpfen, und eine Batteriefabrik.

Andere Montedison-Firmen suchte Cefis durch Tausch gegen passende Objekte loszuwerden. Über eine derartige Aktion verhandelte der Konzernschmied auch mit Fiat-Chef Agnelli. Cefis wollte die Montedison-Warenhauskette Standa -- die größte Italiens -- gegen den Fiat-Versicherungskonzern SAI -- den drittgrößten Italiens -- eintauschen.

Für Unternehmen, die »uns stärker anstatt schwächer machen« (Mazzanti), zahlt Firmenhändler Cefis sogar mit Montedison-Aktien. So erwarb er gegen Montedison-Papiere von der französischen Firma Rhóne-Poulenc die Aktienmehrheit des Heilmittel-Unternehmens Farmitalia und der Faserfirma Rhodiatoce. Von der französischen Textilgruppe Gillet sowie dem italienischen Zementindustriellen und Papstfreund Carlo Pesenti kaufte er für Montedison-Papiere ein Aktienpaket des Faser-Konzerns Snia Viscosa.

Durch seine Portefeuille-Operationen schonte Cefis die fast leeren Montedison-Kassen. War doch einmal der Einsatz von Bargeld nötig, dann konnte der ehemalige Eni-Manager auf seine Freunde in der In, Italiens mächtigstem Staatskonzern (Fluggesellschaften. Banken, Stahlwerke), zählen.

So half Cefis-Freund Enrico Cuccia, Verwaltungsdelegierter der staatlichen In-Bank Mediobanca, als im September vergangenen Jahres Ludwig Poullains Westdeutsche Landesbank Girozentrale einen Angriff auf Montedison startete. Der Düsseldorfer Bankier hatte versucht, die Kontrolle über die Finanzgesellschaft Bastogi -- einen Montedison-Hauptaktionär -- zu erlangen.

Aber Cefis vereitelte den Plan. Mit Staatsgeldern erwarb er seinerseits die Bastogi-Mehrheit für Montedison. Auch sorgten einflußreiche Cefis-Freunde dafür, daß der Entwurf eines Gesetzes gegen eine übermäßige Verflechtung der italienischen Industrie bis zum Abschluß der Transaktion dem Parlament vorenthalten wurde.

Als sich der amerikanische Pharmazeutik-Konzern Merck & Co. für die italienische Arzneimittelfirma Carlo Erba interessierte, liehen gute Freunde Cefis Geld zu einer Gegenofferte. Zwar boten die Merck-Manager der Familie Visconti di Modrone, den Mehrheitsaktionären bei Carlo Erba, einen höheren Preis als Cefis. »Aber die Amerikaner«, so freute sich ein Montedison-Manager, »wußten nicht, wie man in Italien Geschäfte macht.« Cefis bot allen Visconti-Familienmitgliedern zusätzlich hoch dotierte Posten in der Firma und erhielt den Zuschlag.

Mit den bisherigen Firmenkäufen will Cefis nicht haltmachen. Mit seinem Eni-Freund Girotti erörterte der Konzernstratege auf langen Autofahrten, ob nicht die Eni-Chemie-Firmen Lanerossi und Anic dem Montedison-Imperium angegliedert werden könnten.

Käme es zu einen Vereinigung der Industriegiganten Montedison und Eni, so entstände im Süden der EWG ein Superkonzern mit 250 000 Beschäftigten und über zwanzig Milliarden Mark Umsatz (zum Vergleich: Das VW-Werk beschäftigt 200 000 Menschen und setzt knapp 18 Milliarden Mark um).

Branchenkenner halten das Zustandekommen einer Montedison-Eni-Allianz nur für eine Frage der Zeit. Ein Montedison-Manager: »De facto sind Eni und Montedison dank Cefis und Girotti schon ein einziger Konzern.«

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