SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Juli 2012, 09:48 Uhr

Spanische Finanzkunden

Wie die Bankenkrise Spaniens Bürger trifft

Aus Madrid berichtet

99.000 Euro hat José Maria del Rio Garcia in Vorzugsaktien seiner Bank gesteckt, heute sind sie nur noch die Hälfte wert. Spanische Banken, geschwächt durch das Platzen der Immobilienblase, operierten wie Drückerkolonnen - und nahmen Hunderttausenden gutgläubigen Kunden rund 30 Milliarden Euro ab.

An seinem eigenen Vater erlebte José Maria del Rio Garcia, wohin es führt, wenn man nicht fürs Alter spart. Als der Vater einen Herzinfarkt erlitt, reichte seine Rente nicht, um die Pflege zu zahlen. Die Söhne mussten einspringen. Das Geld wurde knapp.

Garcia will seinen Kindern später nicht zur Last fallen. Also baute er vor: Jahr für Jahr legte er etwas von seinem Lohn beiseite. Als Absicherung für die Eventualitäten des Alters.

Den Direktor seiner Bankfiliale kennt Garcia seit über 35 Jahren. Wenn er in dessen Büro kam, erkundigte sich der Mann nach Garcias Familie. Sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis, und so stutzte Garcia nur kurz, als ihm der Bankdirektor ein Angebot machte, das zu gut schien, um wahr zu sein. Sieben Prozent Rendite sollten die Vorzugsaktien der Caja Madrid abwerfen, stimmrechtslose Anteile an der Bank, die damals schon unter der platzenden Immobilienblase litt. Nur dass Garcia davon nichts wusste.

Im Mai 2009 investierte José Maria del Rio Garcia 99.000 Euro. Heute sind die Aktien noch rund die Hälfte wert.

Es gibt in Spanien etwa 700.000 solcher Geschichten. Sie alle handeln von Menschen, die in Aktien ihrer Banken investierten, gelockt von hohen Renditen. Sie wollten mit dem Investment ihre Zukunft absichern. Stattdessen haben sie viel Geld verloren und sind nun voller Wut und Sorge.

Die neuen Aktien, die rund 50 spanische Banken seit 2007 verstärkt ausgaben, waren nichts anderes als Spaniens erstes Rettungspaket. Eine Geldspritze, die sich die angeschlagenen Institute selbst verpassten. Die Banken hatten im Immobilienboom zu leichtfertig Kredite vergeben und saßen nach dem Platzen der Immobilienblase auf Milliardenverlusten. Indem sie kleine Anleger anzapften, nahmen sie insgesamt 30 Milliarden Euro an ein. Hätten sie es nicht getan, hätte Spanien wahrscheinlich schon viel früher Europa um Hilfe für seine Banken bitten müssen.

Unterschrift per Daumenabdruck

In ihrer Geldnot nutzten die Banken aggressive Vertriebsmethoden. Manche operierten wie Drückerkolonnen, ließen Kunden Papiere in deren Freundeskreis verkaufen. Und oft profitierten die Banken vom lange aufgebauten Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden - und von deren Gier nach hohen Renditen.

Das Büro der Verbraucherorganisation Adicae befindet sich hinter einer hellbraunen Tür mit goldenem Griff. Viele Anleger, die durch diese Tür gehen, überschreiten eine Schwelle der Scham. Es ist in Spanien nicht üblich, über Geldangelegenheiten zu sprechen. Schon gar nicht, wenn diese Geldangelegenheiten schlecht laufen. Inzwischen kommen täglich gut 300 Leute zu Adicae. Die meisten sehen nicht mehr wütend aus, sondern müde.

Viele Kleinanleger sitzen auf Aktien mit sinkendem Wert, die sie kaum wieder loswerden. Denn Käufer für die Papiere spanischer Krisenbanken lassen sich inzwischen allenfalls noch zu Niedrigpreisen finden.

Antonio Pulido, weißes Shirt, schmale rote Krawatte, ist der Chef von Adicae Madrid. Er zeigt Anlageverträge, die per Daumenabdruck unterschrieben sind, und andere mit einer Laufzeit von rund tausend Jahren. Er zeigt automatisch ausgefüllte Fragebögen, auf denen Banken weitgehend ahnungslose Kunden als "Finanzexperten" einstuften, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. "Es ist Unglaubliches passiert", sagt Pulido. "Das Vertrauen ist zerstört."

Bei den Banken heißt es, kein Kunde sei gezwungen worden, Vorzugsaktien zu kaufen. Man habe die Kunden über Risiken aufgeklärt, und viele hätten deswegen nicht investiert. Verträge mit Daumenabdrücken seien inakzeptable Ausnahmen, denen man nachgegangen sei und die nicht wieder vorkommen dürften.

Die Vorzugsaktien haben die Anleger gegen die Banken aufgebracht; gerettet haben sie die Institute nicht. Dafür war deren Loch in der Bilanz viel zu groß. Am 30. Juli 2010 standen mehrere Sparkassen am Rande der Pleite. Da verschmolz die Regierung Caja Madrid, Bankja, La Caja de Canarias, Caja de Ávila, Caixa Laietana, Caja Segovia und Caja Rioja zum Finanzkonzern Bankia. Das Institut logiert in einem schräg stehenden, gläsernen Büroturm am Plaza de Castilla im Norden Madrids. Es setzte auf Größe, doch schon bald zeigte sich, dass aus sieben schwachen Zwergen kein starker Riese wird.

Hoffen auf Europa

2011 wollte das Institut an die Börse, konnte aber kaum große Investoren dafür gewinnen. Also verkaufte die Bank ihre Aktien vor allem an Kleinanleger. Im Juli 2011 investierten sie 3,1 Milliarden Euro in die Bank. Es war kurz bevor die Vorzugsaktien anderer Banken rapide an Wert verloren - und den Preis für Bankia-Anteile mit in die Tiefe rissen. Bankia-Aktien haben inzwischen rund drei Viertel ihres Werts verloren, und der schiefe Turm von Bankia ist Symbol für Spaniens Krise geworden.

José Maria del Rio Garcia, der doch eigentlich nur für sein Alter vorsorgen wollte, ist jetzt Demonstrant gegen den internationalen Finanzkapitalismus. Der 58-Jährige steht in einem Menschenpulk vor dem Bankia-Turm, sie brüllen den Finanzmanagern ihre Wut entgegen: "Lügner, Diebe." Auf einem Protestbanner prangt eine Ratte mit Fliege und Zylinder. Es ist die Karikatur des wohl am meisten gehassten Bank-Managers Spaniens: Rodrigo Rato, der bis vor kurzen Bankia-Chef war. Rata heißt auf Spanisch Ratte.

Rato war Wirtschaftsminister unter Aznar, er ermöglichte es Gemeinden mit seiner "Ley del suelo", Bauland auszuschreiben; das Gesetz gilt als Startschuss für den verhängnisvollen Immobilienboom. Später wurde Rato Chef des Internationalen Währungsfonds.

Ratos Zeit bei Bankia war nicht gerade von Erfolg gekrönt. Fusionsverhandlungen mit der recht stabilen katalonischen Sparkasse La Caixa scheiterten. Der Börsengang konnte Bankia ebenfalls nicht retten. Anfang Mai wurde der Finanzkonzern verstaatlicht, und Rato trat von seinem Chefposten zurück. Während kleine Anleger einen Großteil ihres Geldes verloren, kassierte Rato 1,75 Millionen Euro Abfindung.

Rato ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine entsprechende Anfrage ließ sein früherer Arbeitgeber Bankia unbeantwortet. Garcia sagt: "Rato hat Spanien ruiniert. Und er hat Bankia ruiniert." Wie so viele Anleger, die sich im Immobilienboom riskante Papiere haben andrehen lassen, wünscht er sich, dass die Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds bald an Spaniens Banken fließen. Vielleicht, so hoffen die Anleger, hätten sie es dann leichter, einen Teil ihres Geldes zurückzubekommen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung