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Unternehmer Wie Vater und Sohn

Der eine ist angeblich ein kalter Fisch, der andere total verrückt - zwei wütende Gegner kämpfen um den Lonrho-Konzern.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Mißmutig sitzt Roland »Tiny« Rowland in seinem Stadthaus am Chester Square 77. Nur Ehefrau Josie bemerkt, daß die Sonne über London scheint. Er sei gar nicht wütend, sagt Rowland wütend.

Er habe ja schon viele Fehler gemacht, meint er, und urplötzlich reckt sich der große Tiny aus den dicken Daunen seines Sofas. »Aber der schlimmste Fehler in meinem Leben war, diesen Bock kennenzulernen«.

Der Dieter Bock nämlich, Großaktionär und alleiniger Boß beim Konzern Lonrho, hat den Firmenpatriarchen fristlos entlassen. Nicht einmal Ehrenpräsident darf er mehr werden. Auf das Altenteil mag sich der vitale Rowland, 77, freilich nicht kampflos abschieben lassen. Bis »an das Ende seiner Tage« wolle er Bock nun verfolgen.

Lonrho-Chef Bock kann den Zwist kaum in Worte fassen. Mit vernünftigen Erklärungen sei da nichts zu machen, sagt Bock über Rowland, »der ist total verrückt«.

Zwei mächtige Männer, beide stammen aus Deutschland, beharken einander mit rüden Methoden und schmutzigen Tricks. Sie beschimpfen sich öffentlich, sie verklagen sich vor Gericht.

Es ist ein Kampf um Geld und um Macht. Gestritten wird um den Chefsessel bei Lonrho im Cheapside House, der Konzernzentrale eines verschachtelten Imperiums mit rund 800 Firmen. Lonrho beherrscht Hotels und Minen, Verlage und Farmen.

Er ganz allein habe in 33 Jahren aus der winzigen London and Rhodesian Mining and Land Company den Konzern aufgebaut, sagt Rowland. Er habe sich auch den Firmennamen ausgedacht. Nichts, rein gar nichts habe hingegen Bock für Lonrho getan. »Alles Blödsinn«, kontert Bock, ohne ihn wäre »der Laden doch endgültig zusammengekracht«.

Tatsächlich hat Rowland seinen Widersacher selbst in die Firma geholt. Als sich der Frankfurter Geschäftsmann im Herbst 1992 in London vorstellte, waren sich die Herren sofort sympathisch, geradezu »ein Herz und eine Seele« (Rowland), »wie Vater und Sohn« (Bock).

Dafür gab es einen guten Grund. Der Konzern steckte in einer tiefen Krise und brauchte frische Mittel. Mit eigenem und mit gepumptem Geld kaufte Bock mehr als 140 Millionen Aktien, knapp 19 Prozent des Kapitals. Er bezahlte rund 330 Millionen Mark.

Zum Lohn erhielt Bock prompt einen Sitz auf der Chefetage. Rowland hieß seinen neuen Geldgeber in Anzeigen »herzlich willkommen«, er sei der Mann, die Firma »in neue Dimensionen zu führen«.

Die spontane Freundschaft hielt freilich nicht lange. Er habe sich in Bock bitter getäuscht, sagt Rowland heute, sich von dessen Lächeln und Charme einfangen lassen. In Wirklichkeit sei er »ein kalter Fisch«.

Mag sein, daß beide aus einem ähnlichen Holz geschnitzt sind. Von ihren jeweiligen Freunden werden sie als »charmant und liebenswürdig« beschrieben, Rowland selbst preist gern, in aller Bescheidenheit, seine »zuvorkommende Art«. In Wirklichkeit sind beide beinharte Geschäftsleute.

Beide sind entwurzelte Deutsche, Glückssucher außer Landes. Rowland, ehedem Fuhrhop, ist der Sohn eines Hamburger Kaufmanns, der 1936 nach England auswanderte, als Tiny 18 Jahre alt war. Den Necknamen ("Winzling") soll ihm die Mutter gegeben haben.

Dieter Bock stammt aus dem ostdeutschen Dessau. Die Familie wurde enteignet und floh in den Westen, als 1953 der Aufstand der DDR-Werktätigen zusammenbrach. Da war Dieter 14.

Beide haben ganz unten angefangen und sind ganz oben angelangt. Gern schildert Rowland, wie er einst als Gepäckträger die Koffer am Bahnhof Paddington schleppte. Der junge Bock holte sich Schwielen am Bau.

Sicherlich ist eine steile Karriere nicht mit Zimperlichkeit und Zartgefühl zu schaffen. So ist kaum verwunderlich, daß die beiden Aufsteiger in London oft als häßliche Deutsche karikiert werden, von der feinen Gesellschaft werden sie kaum akzeptiert.

Rowland wird in Flugblättern bisweilen als Nazi gescholten, weil der Knabe in der Hitler-Jugend war. In einer dicken Schmähschrift wird ihm Neokolonialismus vorgehalten, weil Lonrho die besten Profite in seinen afrikanischen Firmen macht.

Auch Bock gilt als allzu raffinierter Geschäftsmann. Seine Frankfurter Firmengruppe Advanta (advantage = Vorteil) sei schier undurchschaubar. Immobilienhai Bock, so der Vorwurf, sei ein Virtuose der höheren Bilanzkunde.

Rowlands Angriffe auf Bock klingen bisweilen wie eine Selbstanklage. Anders als sein Kontrahent habe er nichts über sein Leben zu verheimlichen, behauptet er. Gleichwohl kursieren wilde Gerüchte über seine Rolle in der Iran-Contra-Affäre sowie seine Nähe zum libyschen Diktator Muammar el-Gaddafi.

Nie zuvor habe er jemanden getroffen, sagt Rowland, »der so raffiniert war wie Bock«. Doch er selbst wird in England »Tricky Tiny« genannt. Rowland sei der Typ Mann, beschrieb ihn die Daily Mail, »der hinter dir eine Drehtür betritt, auf der anderen Seite aber vor dir herauskommt«.

Warum die Hitzköpfe so heftig aneinanderrasseln, können beide nur schwer erklären. Bock habe ihm eine Beteiligung an dessen Firmengruppe Advanta aufschwatzen wollen, sagt Rowland. Er habe höflich abgelehnt, doch von da an war der Friede hin.

Das sei »absolut lächerlich«, erwidert Bock. Rowlands »Stänkereien« hätten begonnen, als er die letzte Rate für seinen Geschäftsanteil bezahlt hatte. Dessen Quertreibereien sei er nun leid.

Mit Stänkereien wird Bock noch ein Weilchen leben müssen. Rowland ist dafür bekannt, seine Gegner gnadenlos zu verfolgen. Den australischen Hochstapler Alan Bond ließ er von Detektiven ausspähen, als dieser sich zu viele Lonrho-Aktien zulegte. Rowland argwöhnte eine feindliche Übernahme. Seine Enthüllungen hatten Folgen, Bonds überschuldetes Reich zerbrach, der Betrüger ging in den Knast.

Mit Millionenaufwand aus der Firmenkasse verfolgte Rowland den Ägypter Mohamed Al-Fayed, weil der ihm das feine Londoner Kaufhaus Harrods wegschnappte. Das hätte er gern selbst gehabt.

Der verärgerte Ägypter hängte daraufhin zwei Plastikfische an die Decke der Lebensmittelabteilung im Harrods. Ein riesiger Hai namens Tiny fraß einen kleinen Hai, Bock genannt.

Rowland wird nicht ruhen, bis er sich an Bock gerächt hat. Sein Rausschmiß bei Lonrho sei nicht das Ende, sondern erst ein Anfang. »Im Herbst«, sagt Tiny, »ist Bock weg.« Y

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