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Löhne Wieder die Dummen

Die Metallindustrie steht vor einem Streik. Er könnte zu einer Gefahr für den sozialen Frieden werden.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Vierzehn Betriebe sind in seiner Verwaltungsstelle ausgeguckt, die Streikführer geschult. Um die letzten Details festzuklopfen, versammelte der Neckarsulmer IG-Metall-Vorsitzende Frank Stroh in der vergangenen Woche die Organisatoren aus den Firmen noch einmal um sich. »Die Leute«, sagt er, »sind finster entschlossen.«

Das meint auch die Flensburger IG-Metall-Chefin Kirsten Rölke. In vielen Betrieben hat sie in der vergangenen Woche ihren Metallern klargemacht, was es heißen wird, ausgesperrt zu sein. Ruhig und intensiv hätten die Menschen ihr zugehört, sagt Rölke.

Überall im Land dieselbe Botschaft: Die Metaller sind bereit zum Streik. Die Tarifbezirke der IG Metall haben das Scheitern der Verhandlungen erklärt; an diesem Montag entscheidet der Frankfurter Gewerkschaftsvorstand, wo die Urabstimmung beginnen soll.

34mal haben die Tarifparteien in den Regionen verhandelt, ein Spitzengespräch ist am 11. Februar in Darmstadt geplatzt - ein Arbeitskampf scheint unausweichlich.

Es droht eine Schlacht ohnegleichen. Die ökonomischen Folgen lassen sich vielleicht begrenzen; die IG Metall will schwache Betriebe vom Streik ausnehmen. Viel gravierender ist der gesellschaftliche Schaden, den der Arbeitskampf diesmal anrichten kann. »Das wird zu großen sozialen Unruhen führen«, glaubt Peter Darter, kampferfahrener Betriebsrat bei Mercedes-Benz.

Zum erstenmal würde in einem Arbeitskampf der Metallindustrie der 1986 geänderte Paragraph 116 des Arbeitsförderungsgesetzes gelten. Danach darf die Bundesanstalt für Arbeit Arbeitnehmern außerhalb des bestreikten Bezirks kein Kurzarbeitergeld mehr zahlen, wenn der Arbeitskampf die Produktion in deren Betrieben beeinträchtigt - etwa weil ein Zulieferer wichtige Teile nicht liefern oder der Kunde sie wegen des Streiks nichts abnehmen kann.

Lohn steht den Arbeitern dann nicht zu, Streikgeld aus der IG-Metall-Kasse auch nicht, andernfalls wäre die Gewerkschaft binnen Tagen pleite. Die Menschen hätten möglicherweise über Wochen kein Einkommen; die Gewerkschaftsbasis zerfiele.

Die Streikstrategen der IG Metall können den Schaden kontrollieren, indem sie Fernwirkungen sorgsam vermeiden. Sie können aber nicht verhindern, daß sich die Arbeitgeber die Schwäche zunutze machen, wenn sie es wollen. Diese können ihre Aussperrungen im Streikgebiet so steuern, daß möglichst viele Beschäftigte in anderen Firmen betroffen werden. Die Gewerkschaften nennen das eine kalte Aussperrung.

Die IG-Metall-Funktionäre haben der Basis von Anfang an nichts vorgemacht. »Wenn die Arbeitgeber flächendeckend aussperren, dann kann ich euch nicht sagen, was passiert«, bekannte der Hamburger IG-Metall-Bezirksleiter Frank Teichmüller immer wieder vor seinen Mitgliedern. »Nur: Wir können das nicht bezahlen.«

Die Härten des drohenden Tarifkampfs hindern die Beschäftigten anscheinend nicht. »Bei Streiks sind wir dabei«, betont Mercedes-Mann Darter trotzig. Noch nie in den zehn Jahren seiner Tätigkeit, sagt IG-Metaller Stroh, sei die Resonanz bei den Warnstreiks so groß gewesen wie dieses Mal.

»Wenn wir uns jetzt nicht wehren, dann nehmen die uns immer mehr weg«, meint Hanne Petersen, Betriebsratschefin beim Flensburger Kompressorenhersteller Danfoss. »Was die Arbeitgeber fordern«, zürnt Monteurin Sabine Ewert, »ist einfach zuviel.«

Siebeneinhalb Stunden sitzt die Danfoss-Arbeiterin jeden Tag am Band und kontrolliert Kompressoren. Die Luft in der Halle ist stickig, die Beschäftigten müssen laut reden, um sich bei dem Lärm der Maschinen zu verstehen.

Schon auf die letzte Tariferhöhung von drei Prozent haben die Danfoss-Arbeiter verzichtet, um der Firma zu helfen. Wütend erzählen sie vom »Wir-Projekt«, um das die Geschäftsleitung im vergangenen Jahr warb: Die Abläufe sollten produktiver, Kosten gespart werden; alle machten mit.

Dann, als die Krise kam, war es plötzlich vorbei mit dem »Wir«. Absatzeinbrüche, Kostenprobleme, Verlagerung nach Slowenien - 185 der knapp 1400 gewerblichen Arbeitsplätze müssen abgebaut werden. »Wieder einmal waren wir die Dummen«, schimpft Montagehelfer Volker Brodersen.

Die Wut ist groß. Doch die Tarifparteien sind in Wahrheit gar nicht mehr so weit auseinander. »Vom Volumen her ist es Quatsch zu streiken«, meint Mercedes-Betriebsrat Darter. Aber Vernunft und Psychologie sind in der Tarifpolitik zweierlei, das wurde selten so deutlich wie jetzt.

Bisher sind die Verhandlungen an der Arbeitszeitfrage gescheitert. Die Arbeitszeit ist aber nicht Gegenstand der gekündigten Tarifverträge, sie kann deshalb nicht Streikthema sein.

Gegen Lohnkürzungen, gegen Streichung des Urlaubsgeldes, für Beschäftigungssicherung - das soll auf den Streikfahnen stehen. Beschäftigungssicherung haben die Arbeitgeber der IG Metall angeboten - wenn die Firmen dafür, wie gefordert, die Arbeitszeit zwischen 30 und 40 Stunden variieren können.

Bei den Löhnen sind die alten Fronten längst aufgeweicht. Viele Unternehmen haben inzwischen begriffen, daß die anfangs geforderte Lohnsenkung von bis zu 15 Prozent utopisch ist.

Einen Abschluß um Null würden viele Firmen akzeptieren, meint Arnulf Jagenlauf, Geschäftsführer des südwestdeutschen Metall-Arbeitgeberverbandes. Viele Beschäftigte würden das wohl hinnehmen, wenn sie dafür gesicherte Arbeitsplätze bekämen.

»Ich bin immer noch optimistisch, daß wir zu einer friedlichen Lösung kommen«, sagt Arbeitgeberfunktionär Jagenlauf. Doch für sanfte Worte ist es zu spät.

»Die Leute«, so IG-Metallerin Rölke knapp, »lassen sich nicht mehr verarschen.« Y

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