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VW MEXICO Wieder im Lot

Mit seiner neuen Wirtschaftspolitik hat der mexikanische Staatschef López Portillo auch der siechen VW-Tochter in seinem Land zu einem neuen Start verholfen.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Vor nur anderthalb Jahren hätte VW-Chef Toni Schmücker am liebsten ein Werk verkauft, das lange Zeit als Paradestück einer erfolgreichen Auslands-Investition galt: VW de Mexico in Puebla.

Damals, im Herbst 1976, hatte Mexikos inzwischen aus dem Amt geschiedener Präsident Luis Echeverria Alvarez sein Land in eine fast ausweglose Krise treiben lassen.

Der deutsche Autokonzern trieb mit: Vom Staat in rascher Folge aufgezwungene ansehnliche Lohnerhöhungen, staatliche Preisdiktate, galoppierende Inflation, rapider Kursverfall des mexikanischen Peso und in der Folge rasch schrumpfender Absatz brachten den VW-Managern neben Arger vor allem hohe Verluste ein.

Allein der Kursrutsch des Peso ließ den Wert der VW-Anlagen so rasch schmelzen, daß die Firma rund 100 Millionen Mark Buchwerte abschreiben mußte.

Wenn die mexikanische Regierung ein Interesse am Kauf des Werkes bekunden würde, meinte Schmücker zu jener Zeit verbiestert, »sähen wir keine Gründe, picht so zu verfahren«.

Inzwischen sind die VW-Männer froh, daß sich kein Interessent für die dahinkümmernde Tochter fand: »Alles ist jetzt wieder im Lot«, strahlt etwa Gerhard Schreiber, Finanzchef von VW de Mexico' »Wir sind wieder in den schwarzen Zahlen und hoffen, daß wir bald die Verluste absorbiert haben,«

Die für die Wolfsburger Konzernherren überraschende Wende zum Besseren kam mit Mexikos neuem Präsidenten José López Portillo. Der Technokrat übernahm sein Amt am 1. Dezember 1976 -- drei Monate nachdem sein Vorgänger Echeverria den Peso-Kurs vom Dollar losgelöst und eine zeitweilige Abwertung von fast 160 Prozent bewirkt hatte.

Mit einer strikten Austerity-Politik drückte der neue Präsident die Inflation von 60 Prozent auf unter 20 Prozent, kürzte das Haushaltsdefizit und bremste die unter Echeverria forcierte Schuldenaufnahme im Ausland (Auslandsverschuldung derzeit 23 Milliarden Dollar).

Selbst der mit wirtschaftspolitischem Lob vorsichtige Internationale Währungsfonds -- einer der wichtigsten Kreditgeber des Landes -- rühmte, »die Ergebnisse der Strategie (Portillos) sind schon jetzt beeindruckend«. Vor allem für die Industrieunternehmen zahlt sich Portillos Wirtschaftspolitik aus. So veranlaßte etwa das deutlich gedrosselte Inflationstempo die Gewerkschaften zu vorsichtigerer Gangart. Portillo half mit Druck auf die Arbeiterführer nach.

Hatten sie früher gleich drei-, viermal im Jahr zweistellige Lohnschübe durchgesetzt und so die Arbeitskosten allein innerhalb weniger Monate nach der Abwertung um rund 80 Prozent nach oben getrieben, so »ist es jetzt ruhig geworden bei der neuen Regierung«, freut sich VW-Manager Schreiber.

Auch die Einnahmen stimmen nun wieder. Noch vor zwei Jahren hatten die Autobauer ihre Preiswünsche stets der Regierung zur Genehmigung vorlegen müssen -- und »die wurden uns dann entweder überhaupt nicht oder nach einem halben Jahr genehmigt. In der Zwischenzeit waren uns dann die Kosten davongelaufen«, klagt ein Wolfsburger Top-Manager.

Wenige Monate nach dem Machtwechsel fielen die staatlichen Preiskontrollen: Die Unternehmen konnten die gestiegenen Kosten voll auf die Kunden abwälzen.

VW de Mexico hob denn auch den Preis beispielsweise für den Käfer um 84 Prozent an. Heute müssen die Mexikaner für den Käfer 90700 Peso (8525 Mark) bezahlen -- immerhin einige hundert Mark mehr, als deutsche Käufer für einen Käfer made in Mexico anlegen müssen.

Nach dem letzten Preishub, gibt Schreiber zu, herrscht wieder eine »relativ günstige Lohnsituation«.

In der Tat. Im Durchschnitt verdienen die 8700 VW-Arbeitnehmer (1975 waren es noch 12 000) rund 6000 Peso (565 Mark) im Monat, für das Unternehmen kommen noch einmal etwa 60 Prozent Lohnnebenkosten hinzu.

Dennoch klagen die Auto-Manager: Teuerung und Peso-Verfall (gegenüber der Mark um rund 55 Prozent) machten ihnen schwer zu schaffen. Die Peso-Abwertung verteuere den Import der notwendigen Teile.

Während der Käfer fast ganz aus mexikanischer Produktion stammt, müssen für die anderen in Puebla produzierten Modelle -- den Golf, der dort Caribe heißt, den in Brasilien entwickelten kleinen Kombi-Typ Brasilia' den Geländewagen Safari und Transporter -- immerhin rund die Hälfte der Teile eingeführt werden.

Auch die Kehrseite der Sparpolitik Portillos gefällt den Deutschen wenig. Ihnen fehle »die untere Käuferschicht«, klagen die VW-Männer: »Die Leute sind nicht mehr in der Lage, sich einen Wagen zu kaufen« (Schreiber).

Das Werk in Puebla produziert deshalb derzeit mit höchstens 60 Prozent seiner Kapazität. Dieses Jahr sollen 95 000 Autos vom Band laufen: 35 000 Käfer, 30000 Golf, den Rest sollen die anderen Typen schaffen.

Fast jeder zweite Käfer wird nach den Absatzplänen der Tochterfirma nach Westdeutschland verschifft. Obwohl nach VW-Angaben »das Exportgeschäft nach Europa gut angelaufen ist und es zu einer noch stärkeren Ausweitung kommen kann«, setzen die Manager in Puebla lieber auf eine andere »große Idee«. Sie stellen sich eine Art Verbundsystem mit dem neuen VW-Werk Westmoreland in New Stanton, USA, vor.

Schon bisher lieferte VW de Mexico Ersatzteile in die USA. Künftig will die mexikanische VW-Tochter für die Golf-Produktion in USA etwa 40 Blechteile und die Hinterachse zuliefern. »Wir stellen uns vor«, erläutert Schreiber, »daß es einen Umfang von etwa 150 bis 180 Dollar pro Wagen darstellt.«

Im Austausch soll das US-Werk bestimmte Teile, die dort billig gefertigt werden, nach Mexiko liefern.

Denn ausgemachtes Ziel der VW-Manager ist es, so bald wie möglich von der Mark-Abhängigkeit loszukommen -- von Importen aus Deutschland also, die in teurer Mark bezahlt werden müssen.

Weil die deutsche Währung so teuer geworden ist, stört die VW-Manager nicht einmal das Import-Verbot der Regierung für jene Maschinen, die auch mexikanische Hersteller anbieten: Allzu ernst nehmen sie diese Vorschrift ohnehin nicht: Die »Kontakte zu den mexikanischen Regierungsstellen«, rühmt ein VW-Manager, »sind so gut, daß wir immer in der Lage sind zu beweisen, daß ein Ausrüstungsteil wirklich nur im. Ausland zu haben ist«.

Auch mexikanisches Kapital ist dank López Portillo nun sogar zu haben. Bislang war es ausländischen Konzernen verwehrt, an Kredite mexikanischer Geldgeber heranzukommen. Sich im Ausland zu verschulden, wurde indes durch den Wertverfall des Peso für viele Firmen zu riskant.

Daß heute von einem VW-Ausverkauf in Mexiko nicht mehr die Rede ist, schreibt auch die Unternehmensleitung weniger den eigenen Managementkünsten zu als der neuen Wirtschaftspolitik López Portillos: »Sehr vernünftig, in jeder Richtung, abgestimmt auf die Möglichkeiten des Landes«, lobt Schreiber: »Es werden keine Hauruck-Aktionen gemacht, wie das vorher war.«

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