Wiederaufstieg Wie Wienerwald den Neustart schaffte

Unter Gründer Friedrich Jahn schrieben die Wienerwald-Restaurants eine Wirtschaftswunderstory inklusive Expansion nach Amerika. Dann kippten die Finanzen des Hendl-Imperiums, in der Insolvenz griff ein Private-Equity-Investor zu. Acht Jahre später rappelt sich der Mittelständler mit neuem Geschäftsmodell wieder auf.
Von Christian Buchholz

Hamburg/München - Zehn bis 15 Neueröffnungen hatte die Wienerwald-Kette für dieses Jahr geplant, "aber die Vogelgrippe hat uns diesmal zwei Monate gekostet", sagt Markus Nippold, Marketingchef bei Wienerwald. Nur vier Restaurants mit dem grün-gelben Logo wurden 2006 bisher eröffnet, sechs mehr könnten es noch werden. Denn das Projekt, die Expansion der Marke, die mehr als 90 Prozent der West- und ein paar weniger Ostdeutsche als Hähnchen-/Broiler-/Hendl-Spezialisten kennen, sei lediglich verschoben, nicht aufgehoben.

Dabei kommt dem Mittelständler zugute, dass ein Großteil der Chancen und Risiken auf ihre Franchisenehmer verteilt ist. Bisher werden erst vier Wienerwälder von der Münchener Zentrale aus geführt, die restlichen 62 haben eigene Besitzer, welche die Lieferkette, den Look und den Service des grünen Rennhuhns nutzen. Zum Vergleich: Bei McDonald's   werden 72 Prozent der Filialen von Selbstständigen geführt. 42 Millionen Euro Umsatz machte Wienerwald im vergangenen Jahr. Das Umsatzziel pro Filiale liegt bei rund 600.000 Euro pro Jahr.

Interessierte Franchisepartner müssen im Schnitt 50.000 bis 60.000 Euro für eine Imbiss-Existenzgründung bei Wienerwald mitbringen, bei der Finanzierung hilft eine firmenverbundene Leasingfirma, die allerdings auf eigenes Risiko arbeitet. Diese Unterstützung reicht aber laut Nippold häufig nicht aus, um entschlossenen Interessenten den Wunsch vom eigenen Wienerwald zu erfüllen.

"Einige ärgerliche Stolpersteine"

"Es gibt einige ärgerliche Stolpersteine, die der Staat solchen Existenzgründern in den Weg legt. Mittlerweile sieht es daher oft schon so aus, dass die Banken Sicherheiten verlangen, die höher als das Darlehen ausfallen", moniert Nippold. Die Finanzierungsrichtlinien sind aus seiner Sicht zu streng. Selbst die häufig attraktiven Konditionen und Förderinstrumente der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) reichten vielfach nicht aus, um ohne eine große Portion Eigenkapital ins Geschäft zu kommen.

Wie schwierig das Geschäft mit bescheidenen finanziellen Mitteln werden kann, dafür ist Wienerwald selbst ein Paradebeispiel: 1955 begann der aus Österreich stammende Oberkellner Friedrich Jahn, das Speise-Imperium aus dem Boden zu stampfen. Das Franchisekonzept "Fünf-Prozent-vom-Umsatz-an-die-Mutter" führte er 1975 ein - und es hat bis heute Bestand.

Zur Wienerwald-Holding gehören später aber nicht nur 700 Restaurants allein in Deutschland (weltweit waren es 1980 sogar 1540), sondern auch die Tourismuskette Jahn-Reisen (die heute LTU gehört), ein Grillgerätehersteller, Hotels, Immobiliengesellschaften und einiges mehr. Bei der Expansion auf den US-Markt setzt Jahn erstmals im großen Stil Kredite ein.

"Langfristig orientiert"

Bis dahin hatte der Duzfreund von Franz-Josef Strauß auf Fremdmittel weitgehend verzichtet. 1982 schwellen Jahns Verbindlichkeiten auf eine Viertelmilliarde Mark an, und die Banken beschneiden das Geschäft. 1986 kauft die Millionärin Renate Thyssen aus München (Ex-Fotomodell und Ex-Ehefrau des Industriellen Bodo Thyssen) die komplette Holding von der Bank Austria.

In den Folgejahren bekommt die Kette verschiedene Eigner - doch der Geschäftserfolg bleibt aus. Außer in Österreich, wo Thyssen die Kette mit Millionengewinn an die Stadt Wien verkaufte. 1998 übernimmt die Düsseldorfer Beratungsgesellschaft Altacon den dahin siechenden deutschen Teil des Konzerns, kann die Insolvenz 2003 aber nicht abwenden - die Vogelgrippe-Hysterie, ein extrem heißer Sommer und Probleme mit hohen Pensionsverpflichtungen schaffen schier unüberwindbare Probleme. Ein Vergleich mit dem bei Insolvenzfällen einspringenden Pensionssicherungsverein (PSV) verschafft Wienerwald aber wieder Luft

Im März 2005 schließt der Insolvenzverwalter das Verfahren ab. Jetzt übernimmt Alfons Buhr das Ruder, der seitdem vorsichtig aber beharrlich Expansionskurs hält. Das Wichtigste sei die Qualität, sagt Buhr: "Es ist Vieles über Wienerwald gesagt worden, aber nie, dass unsere Hendln nicht schmecken."

Die Vögel vom Spieß sind zwar seit Jahrzehnten die beliebteste Speise im Wienerwald, aber sukzessive wird das Angebot ausgebaut. "Chicken McNuggets beispielsweise hatten wir schon viele Jahre vor McDonald's im Angebot - nur dass sie bei uns Kiks heißen", sagt Nippold. Sie wurden bereits vor 30 Jahren unter der Ägide von Unternehmensgründer Jahn auf die Karte genommen. Verschiedene Burger, Rind- und Schweinefleischgerichte sind heute ebenfalls im Sortiment.

Alte Rezepte wieder gefragt

Allerdings gehen die moderneren Gerichte nicht überall. Und auch das neue Design ist kein Muss für die Franchisepartner. "Einige unserer Partner sind schon seit 40 Jahren an Bord. Die werden selbstverständlich nicht verpflichtet, das neue Design zu installieren", sagt Nippold. Und auf die Bedienung am Tisch, die im neuen Konzept des einstigen Marktführers nicht mehr vorkommt, wird bei den älteren Häusern auch nicht verzichtet.

Die Entscheidung, am Flair der Traditionsfilialen festzuhalten, scheint sich auszuzahlen. Denn nach Nippolds Erfahrung ist das, was 60-Jährige heute als altbacken ansehen, bei den Jungen schon wieder hip.

Beispiel: Derzeit läuft bei Wienerwald eine Sonderaktion Ente-Rotkohl-Knödel - und das Traditionsgericht kommt bei Teens und Twens bestens an. "Warum? Weil die jungen Leute gutbürgerliche Küche heutzutage kaum noch von zu Hause kennen und schon gar nicht selbst kochen." Der Wienerwald dagegen verleugne seine kulinarischen Wurzeln nicht, heißt es in einem Selbsportrait.

Die Expansion in andere Länder spart sich Wienerwald für spätere Jahre auf. "Obwohl wir schon viele Anfragen von muslimischen Gastronomen erhielten", so Nippold. Türken, Saudis und Vietnamesen hätten Gefallen an dem Konzept gefunden - vielleicht gelingt die weltweite Expansion ja doch noch.

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