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HOTELS Wild auf Harry

Die selbsternannte New Yorker Hotel-Königin Leona Helmsley steht wegen Steuerhinterziehung vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Einmal im Monat gab es für die Alkohol-Lieferanten des amerikanischen Hotel-Imperiums Helmsley einen Zahltag besonderer Art. An diesem Tag überreichten sie der Prinzipalin des Konzerns, Leona Helmsley, Briefumschläge, prall gefüllt mit Hundert-Dollar-Noten. Wer nicht zahlte, lief Gefahr, die 27 Helmsley-Hotels als Kunden zu verlieren.

Ähnlich unkonventionell, wie sie kassierte, zahlte Leona Helmsley auch aus. Damit die Finanzbehörde an Bonuszahlungen für Mitarbeiter nicht teilhaben konnte, durften die Angestellten unter falschem Namen das Geld in Empfang nehmen.

Geschichten dieser Art plauderte am Montag vergangener Woche ein 1986 gefeuerter Finanzexperte des Konzerns aus. Ort der Enthüllung war das Bezirksgericht im New Yorker Stadtteil Manhattan. Dort ist Leona Helmsley, 69, wegen Steuerhinterziehung und Erpressung angeklagt.

Vor Gericht steht eine Frau, die über 15 Jahre lang eine Stütze der New Yorker Gesellschaft war: Leona mit Bürgermeister Edward Koch beim Singen des Liedes »Ich bin wild auf Harry«; Leona mit den Rockefellers und mit Frank Sinatra; Leona auf Anzeigen mit dem berühmtesten Bauwerk Indiens im Hintergrund: »In Indien ist es das Tadsch Mahal, in New York ist es das Helmsley Palace.«

Das Helmsley Palace, Renommierhotel der Firma, war per Anzeige sogar zur persönlichen Residenz befördert worden: »Der einzige Palast der Welt, über den die Königin selber wacht.« Leona die Herrscherin.

Leona Roberts, geborene Rosenthal, dreifach geschieden, hatte 1972 Harry Helmsley, den damaligen König des New Yorker Immobilienmarktes, geheiratet. Es war eine ausgesprochen gute Partie. Die Wirtschaftszeitschrift »Forbes« billigt Helmsley heute immerhin 1,3 Milliarden Dollar Vermögen zu.

Voller Spannung sah New Yorks Society in den letzten Jahren zu, wie Leona Roberts, Tochter eines Hutmachers aus Brooklyn, den Harry Helmsley allmählich auspunktete.

Harry, inzwischen 80 und von einem leichten Schlaganfall gezeichnet, galt einst als Gentleman der New Yorker Immobilienhändler, mit sicherem Spürsinn für Geschäfte. Privat war Harry, der bis zu seiner Begegnung mit Leona stets nur zwei Anzüge besessen hatte, relativ bescheiden. Mit seiner ersten Frau, einer wohlhabenden Quäkerin, bewohnte er ein unscheinbares Haus am Hudson River, dessen einziger Luxus der Swimmingpool war.

Harrys Geschäfte hatten 1929 in der Großen Depression begonnen, während der er billig einkaufte. Später bildete er mit dem Rechtsanwalt Lawrence Wien eine Art Syndikat, das Geld anonymer Investoren ansammelte und in Immobilien wie dem Empire State Building anlegte.

Vorsichtig stieg der bald reichste und einflußreichste New Yorker Immobilienlöwe auch ins Hotelgeschäft ein. Lange vor dem neuen Immobilienstar Donald Trump führte Helmsley vor, wie aus Manhattans Boden Gold zu graben war.

Je erfolgreicher Harry wurde, desto mehr begannen einstige Helmsley-Fans einen Persönlichkeitswandel des Patriarchen wahrzunehmen. Harry wurde einerseits pompös und geltungssüchtig, andererseits kleinkariert und geizig.

In dieser Gemütslage traf er 1971 die Apartmentmaklerin Leona Roberts. Der bisher als Quäker aktive Harry ließ sich scheiden und begann das Leben eines orientalischen Monarchen zu führen.

In seinem Park Lane Hotel bezog Harry ein Penthouse mit Blick auf den Central Park, in Palm Beach legte er sich ebenfalls ein Penthouse zum Ausspannen zu. Zum Ausverkaufspreis von fünf Millionen Dollar erwarb er einen 100-sitzigen britischen BAC 1/11-Jet, der angemessen umgebaut wurde.

Leona, publicitygierig, trug bald Van Cleef & Arpels-Diamanten und organisierte für New Yorks Society die pompösen Geburtstagsparties des Patriarchen. Um sich ein Denkmal zu setzen, begannen die beiden 1974 mit der Umwandlung des großbürgerlichen Villard-Hauses an der Madison Avenue in das Helmsley Palace Hotel. Fehlende Geländestücke um den Besitz herum sicherten sie sich durch einen 99-Jahre-Pachtvertrag mit der Erzdiözese New York.

Beim Ausbau des Helmsley Palace durfte die Designerin Sarah Lee in die vollen gehen: Golddecken, Seidentapeten - alles vom Feinsten. Einen Tag vor der Fertigstellung allerdings wurde die Gestalterin gefeuert. Leona wollte allein der Star der Einweihungsfeier sein.

Harry Helmsley beförderte die Gattin bald zur Präsidentin seiner 27 Hotels. Und das war für die Dame fortan eine ernst zu nehmende Aufgabe. Anzeigen der Helmsley-Hotels schmückte sie mit ihrem Konterfei. Vor allem aber machte sie sich rasch einen Namen als hemmungslose Tyrannin über Untergebene und Lieferanten.

Das alles hätte Leona Helmsley gewiß nicht geschadet, wenn das Paar nicht auch noch ein übergroßes Maß an Raffgier entwickelt hätte. 1983 hatten die Helmsleys sich für neun Millionen Dollar in Greenwich/Connecticut eine 28-Zimmer-Tudor-Villa mit dem Namen Dunellen Hall erworben. Kurz darauf begann Queen Leona das Eigenheim um einen zusätzlichen Flügel zu vergrößern.

Dabei wollte sie Baukosten und Steuern sparen. Sie soll Handwerker, die in den Helmsley-Hotels arbeiteten, gezwungen haben, das Privathaus in Connecticut gratis auszubauen. Wenn das nicht möglich war, so die Anklage, wurden die Kosten der Privatbauten auf Geschäftsgebäude umgelegt.

Nach Ermittlungen der Staatsanwälte übertrugen Harry und Leona eine Million Dollar Ausbau-Kosten für Dunellen Hall auf mehrere New Yorker Bürogebäude. 370 000 Dollar für Parkanlagen durften Hotels in Cleveland/Ohio und Enfield/Connecticut zahlen. Die private Stereoanlage der Hohen Frau wurde als Sicherheitssystem für das Helmsley Building in der New Yorker Park Avenue ausgegeben.

Als ein Kunsttischler 10 020 Dollar für Arbeiten auf Dunellen Hall einklagen wollte, wurde die »New York Post« aufmerksam. Sie bekam genug Tratsch über die verhaßte Leona gesteckt, um daraus im Dezember 1986 eine Serie über die Helmsleys verfassen zu können. Als der New Yorker Staatsanwalt Rudolph Giulani, der jetzt Bürgermeister werden will, die Story las, war den Helmsleys nicht mehr zu helfen.

In einem Broadway-Gebäude, das einst Harry Helmsley für seine Investmentkunden gekauft hatte, mußte das Paar am 14. April 1988 Fingerabdrücke hinterlassen. Es wurde gebeten, keine Auslandsreisen mehr anzutreten. Old Harry wurde vergangenen Monat für nicht prozeßfähig erklärt. Beide verschwanden aus dem Gesichtskreis der New Yorker und legten sich einen Alterssitz im fernen Arizona zu.

Ob die gestürzte Queen ihren Alterssitz dort oder anderswo nehmen wird, interessiert die rachsüchtige New Yorker Society brennend: Auf Untaten, wie sie Leona Helmsley vorgeworfen werden, stehen bis zu 20 Jahre Knast.

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