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Offshore-Boom: Fachkräfte dringend gesucht

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Offshore-Industrie in Bremerhaven Viel Wind, wenig Arbeit

Mehr als 15 Prozent Arbeitslosigkeit - und gleichzeitig können Unternehmen ihre freien Stellen nicht besetzen. Am Beispiel der boomenden Windenergiebranche in Bremerhaven zeigt sich, was am deutschen Arbeitsmarkt schiefläuft.
Von Daniela Schröder

Die vergangenen Jahre waren für Marc Wiedmann eine Achterbahnfahrt. Nach Studium plus Ausbildung nur befristete Verträge und Aushilfsjobs, zwischendurch immer wieder arbeitslos. Eines Tages las er in der Zeitung von einer Windenergie-Weiterbildung für Quereinsteiger. Wiedmann bewarb sich, pendelte monatelang zwischen Techniktraining, Lehrwerkstatt und Klassenzimmer. Heute arbeitet der 40-Jährige als Monteur in einer riesigen Produktionshalle in Bremerhaven. Er fertigt dort Getriebe für Windräder, die sich bald über dem Meer drehen sollen.

Dauerrekorde bei den Arbeitslosenzahlen, Spitzenplatz bei den Hartz-IV-Empfängern: Kein Wunder, dass Bremens kleine Schwester lange Zeit als Hauptstadt der Hoffnungslosigkeit abgestempelt war. Auch im August stiegen dort - wie bundesweit - die Arbeitslosenzahlen leicht. Dennoch hat sich die 113.000-Einwohner-Stadt an der Nordseeküste in den vergangenen Jahren zu einem attraktiven Standort für eine neue Branche gemausert: die Offshore-Windenergie.

Areva Wind und Repower, Weserwind und Powerblades - führende Hersteller von Turbinen und Komponenten für Windkraftanlagen im Meer haben Produktionsstätten in Bremerhaven aufgebaut. Dienstleister und Zulieferer sind gefolgt, die traditionelle Hafenwirtschaft ist mit ins Boot gestiegen, dazu die Forschung: Die Fraunhofer-Gesellschaft betreibt in Bremerhaven ein Institut für Windenergie.

Zukunftsbranche Offshore-Energie

Gut 3000 Arbeitsplätze hat die junge Branche der Stadt bisher gebracht, Langfristprognosen gehen von 7000 bis 14.000 neuen Stellen aus. Theoretisch könnte das ausreichen, um allen arbeitslosen Bremerhavenern einen neuen Job zu verschaffen.

In der Praxis jedoch zeigt das Beispiel der Küstenkommune, wie quälend langsam sich wirtschaftlicher Aufschwung in Erfolgen auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt. Zwar ist die Arbeitslosenquote in den vergangenen Jahren von mehr als 25 Prozent auf aktuell 15,2 Prozent gesunken. Trotzdem liegt Bremerhaven damit auf Platz zwei in ganz Deutschland, nur im brandenburgischen Landkreis Uckermark sieht es noch mieser aus. Und gleichzeitig klagt die örtliche Windkraftbranche bereits über Personalmangel, weil sie viel zu wenige Mitarbeiter vom Schlage eines Marc Wiedmann findet.

Ein Phänomen, das sich in vielen deutschen Problemregionen beobachten lässt: Hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit - und gleichzeitig finden Unternehmen auf Wachstumskurs keine Leute. Wie kann das sein?

"Auf der einen Seite schaffen wir viele neue Arbeitsplätze", sagt Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD). "Aber dennoch behalten wir das für uns schwierige Problem - die Langzeitarbeitslosen." Von den 8536 arbeitslos gemeldeten Bremerhavenern stecken mehr als 7000 im Hartz-IV-System fest. Etwa die Hälfte davon ist seit einem Jahr oder länger ohne Arbeit. Viele haben sogar seit den neunziger Jahren keinen Job mehr, als eine Reihe großer Werften pleiteging und die Amerikaner ihre Armeebasis am Ort schlossen. Auf Dauer keine Arbeit zu haben, das ist im wirtschaftlich gebeutelten Bremerhaven fast schon ein Normalfall.

Gleichzeitig wollen die Anlagen- und Komponentenhersteller der Bremerhavener Windbranche derzeit gut 600 Stellen besetzen, vor allem Schweißer, Schlosser, Mechatroniker und Elektrotechniker sind gefragt. Die meisten Arbeitslosen in der Stadt sind hingegen für die Unternehmen unattraktiv: Zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen in Bremerhaven besitzt keine Berufsausbildung.

"Die Branche hat sich ins gemachte Nest gesetzt"

Sie nachzuholen dauert - und kostet. Doch die Fördergelder für die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen hat die Bundesregierung stark zurückgefahren. In Bremerhaven schrumpfte der Topf zuletzt von 24 Millionen Euro im Jahr 2010 auf 15 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Eine absurde Situation, sagt Ingo Schierenbeck, Geschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen: "Vor allem die Langzeitarbeitslosen haben auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance, weil sie die nötigen Qualifikationen nicht mehr bekommen können. Und gleichzeitig fehlen den Unternehmen die Fachkräfte."

Dass die Offshore-Unternehmen keine Fachkräfte mehr am Ort finden, sei aber auch ein hausgemachtes Problem, meint Schierenbeck: "Anstatt selbst in die Ausbildung zu investieren, hat sich die Branche zunächst ins gemachte Nest gesetzt." Denn in den vergangenen Jahren heuerten die Betriebe vor allem ehemalige Werftmänner oder Handwerker an. In staatlich - und somit vom Steuerzahler - finanzierten Trainingskursen erhielten die Facharbeiter das nötige Zusatzwissen für die Windradproduktion.

Nach wie vor ist die Ausbildungsquote der Offshore-Betriebe mickrig. Laut Bremer Arbeitnehmerkammer liegt sie im Durchschnitt bei unter drei Prozent. Mittlerweile versprechen die Unternehmen zwar, stärker in die Ausbildung investieren zu wollen. "Aber das sind bisher vor allem Lippenbekenntnisse", sagt Wolfgang Mögenburg, Bereichsleiter der Bremerhavener Agentur für Arbeit.

Wachstumsmotor und beschäftigungspolitisches Sorgenkind

Als weiteres Problem in manchen Unternehmen der Windenergiebranche gilt die Leiharbeit. Bei der Repower-Tochter Powerblades, einem Hersteller von Rotorenblättern, sind laut IG Metall inzwischen gut 50 Prozent Leiharbeiter im Einsatz - die wiederum um gut ein Drittel weniger verdienen als ihre Kollegen mit festen Verträgen.

Repower, seit vergangenem Herbst in der Hand eines indischen Windkraftkonzerns, begründet den hohen Anteil an Leiharbeitern mit dem Wesen der Offshore-Branche. Die Arbeit in Projekten bedeute einen stark schwankenden Personalbedarf, der auch künftig mit Zeitarbeitern gedeckt werde.

Bremens Wirtschaftssenator will Fördergelder künftig an das Kriterium 'gute Arbeit' koppeln: Wer zu stark auf Leiharbeit setzt, geht bald leer aus. Immerhin hat das hochverschuldete Bundesland an der Weser bisher rund 80 Millionen Euro in das Ansiedeln der Offshore-Branche investiert. Nun sollen weitere 30 Millionen Euro fließen.

Reichlich offene Stellen - die aber nicht zu den schlecht ausgebildeten Langzeitarbeitslosen passen. Wachstumsstarke Unternehmen, die viel einstellen - aber wenig ausbilden. Und mit Subventionen geförderte Jobs - die häufig mit billigen Zeitarbeitern besetzt werden. Kein Wunder, dass die Arbeitnehmerkammer urteilt: Offshore in Bremerhaven sei ein Wachstumsmotor und gleichzeitig ein "beschäftigungspolitisches Sorgenkind".

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