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Bedrohte Klimaziele Uralt-Windräder sollen deutsche CO2-Bilanz aufbessern

Der Ausbau der Windkraft liegt weit hinter Plan, der Klimaschutz leidet darunter. Experten wollen alte Anlagen vor dem Abriss retten, um die Ökostromlücke zu verkleinern.
aus DER SPIEGEL 29/2020
Windpark Hasel bei Lörrach: "Zu akzeptablen Preisen CO2-freien Strom produzieren"

Windpark Hasel bei Lörrach: "Zu akzeptablen Preisen CO2-freien Strom produzieren"

Foto: PAUL LANGROCK

Probleme bei der Windkraft gefährden die Klimaziele der Bundesregierung. Anfang 2021 dürfte der Ausbau der Rotorentürme bis zu 7,4 Gigawatt hinter den Zielen der Bundesregierung liegen. Das geht aus Berechnungen des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE) hervor, die dem SPIEGEL vorliegen.

Hauptgründe sind strenge Flächenbegrenzungen, Bürgerproteste und bürokratische Hürden. Probleme machen zudem viele Bürgerwindparks, die 2017 in staatlichen Ausschreibungen einen Zuschlag auf Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten hatten. Manche haben nie eine Baugenehmigung bekommen. Andere wurden auf Eis gelegt, weil Firmen seinerzeit relativ niedrige Fördersätze zugesagt wurden. Es ist teils lukrativer, Anlagen nicht zu bauen, eine Strafgebühr zu zahlen - und sich in aktuellen Ausschreibungen erneut zu bewerben, mit der Aussicht auf einen höheren Fördersatz.

Zum schleppenden Neubau kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Im nächsten Jahr läuft erstmals die Förderung für etwa 4900 Windräder der ersten Generation aus. Betroffen sind Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 3,7 Gigawatt, die ihre gesetzliche Förderdauer von 20 Jahren erreicht haben. Ein Weiterbetrieb ohne Förderung rechnet sich derzeit meist nicht. Denn durch die Coronakrise sind die Strompreise deutlich gesunken.

Längere Förderung als mögliche Übergangslösung

Wegen der Lücke bei der Windkraft werden laut BNE bis zu 14,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr nicht eingespart. Das entspricht bis zu 5,5 Prozent der CO2-Menge, die der Energiesektor laut Klimaschutzgesetz 2022 noch ausstoßen darf. "Trotz des milliardenteuren Kohleausstiegs droht sich die Klimabilanz der Bundesrepublik zu verschlechtern", warnt BNE-Chef Robert Busch.

Der BNE schlägt vor, alte Windräder übergangsweise weiter zu fördern. Die Regierung könnte demnach Sonderausschreibungen durchführen, bei denen sich ausgeförderte Anlagen um neue Prämien bewerben. Da die Investitionen für diese Anlagen längst abgeschrieben seien, bräuchten sie nur noch geringe Fördersätze, sagt Busch. Man könnte sogar explizit vorschreiben, dass der Höchstwert der Prämien von Bestandsanlagen unterhalb des Höchstwerts für Neuanlagen liegen müsse.

Die Lücke bei der Windenergie ließe sich laut BNE so schnell und kostengünstig verkleinern. Würde man 75 Prozent der Altanlagen, die 2021 aus der Förderung fallen, vorerst weiter eine Prämie zahlen, ließen sich immerhin rund 1,8 Gigawatt fehlende Kapazität beim Neubau kurzfristig ausgleichen, schreibt der Verband. In der Rechnung ist schon berücksichtigt, dass Anlagen der ersten Generation weniger leistungsfähig sind als modernere Windräder.

Ablehnung aus dem Wirtschaftsministerium

Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium lehnt den BNE-Vorschlag ab. Betreibern alter Windräder müsse es gelingen, ihren Strom nach Auslaufen der Förderung selbst zu vermarkten, teilt eine Sprecherin mit. Einige Direktvermarkter hätten sich bereits darauf spezialisiert, ausgeförderte Anlagen unter Vertrag zu nehmen. Man gehe davon aus, dass ein Markt jenseits des EEG entstehen werde.

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Auch beim Koalitionspartner SPD steht man einer Weiterförderung skeptisch gegenüber. "Eine Weiterförderung ist nicht notwendig", sagt Energieexperte Johann Saathoff. Die Koalition solle vielmehr Flächenkonflikte bei der Windenergie beseitigen und es Unternehmen leichter machen, alte Anlagen durch neue, leistungsfähigere zu ersetzen.

Der BNE-Chef stimmt Saathoff in diesem Punkt zu. Zur langfristigen Schließung der Windenergielücke müssten definitiv die Rahmenbedingungen für die Industrie verbessert werden, sagt Busch. Es gehe bei der Förderverlängerung für alte Windräder ja nur darum, eine schnelle und unkomplizierte Übergangslösung für die akute Windkraftlücke zu schaffen.

Die Grünen unterstützen den BNE-Vorschlag. "Eine spezielle Ausschreibung für Ü-20-Windanlagen ergibt absolut Sinn", sagt Fraktionsvize Oliver Krischer. "Denn dadurch können für wenig Geld Anlagen in Betrieb und vor allem Standorte für späteres Repowering gesichert werden. Es wäre absurd, Anlagen stillzulegen, die zu akzeptablen Preisen CO2-freien Strom produzieren können."

Auch der klima- und energiepolitische Sprecher der Linken, Lorenz Gösta Beutin, findet es sinnvoll, den Weiterbetrieb von älteren Anlagen abzusichern. Vor allem dürfe man die Windkraft an Land aber "nicht weiter mit unsinnigen Abstandsregeln ausbremsen". Die Bürgerenergie müsse gerettet werden, die Beteiligung von Kommunen und Bürgern sichergestellt werden.

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