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SPIEGEL Gespräch »Wir denken über neue Produkte nach«

Allianz-Chef Wolfgang Schieren über den Umbau des Versicherungskonzerns und seine Geschäftspolitik
Von Peter Bölke
aus DER SPIEGEL 2/1985

SPIEGEL: Herr Schieren, wenn ein Konzern umgebaut wird, dann werden damit oft Pannen ausgebügelt, oder es soll etwas verborgen werden. Wie ist das denn bei Ihnen?

SCHIEREN: Bei uns hat es keine Pannen gegeben. Ein Blick in die Ergebnisse der Allianz seit 1971 zeigt, daß dieses Unternehmen eines der erfolgreichsten Versicherungsunternehmen Deutschlands und eines der ertragsstärksten der Welt ist. Wir haben nichts zu verbergen.

SPIEGEL: Warum muß denn ein so fabelhaftes Unternehmen neu strukturiert werden?

SCHIEREN: Wir brauchen mehr Beweglichkeit bei unternehmerischen Entscheidungen. Wie Sie wissen, hatten wir uns vor gut einem Jahr um eine Beteiligung an der britischen Versicherungsfirma Eagle Star bemüht. Gegen Ende dieses Ringens um Eagle Star hat sich herausgestellt, daß wir nicht so handeln konnten, wie wir wollten: Bei dem Volumen, um das es ging, war es nicht möglich, im Rahmen von Anlagevorschriften, deren Kern auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurückgeht, zu operieren.

SPIEGEL: Stand Ihnen das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen im Wege?

SCHIEREN: Wir haben eine hohe Meinung vom Aufsichtsamt, das maßgeblich zum Erfolg und zur Stabilität des Versicherungswesens beigetragen hat. Gerade deshalb halten wir uns auch strikt an die Vorschriften.

SPIEGEL: Doch die Vorschriften haben Ihnen im Falle Eagle Star Kopfzerbrechen bereitet. Warum?

SCHIEREN: Aus zwei Gründen. Zum einen müssen nach unseren Aufsichtsregeln Beteiligungen an anderen Unternehmen von fünf Prozent oder mehr durch Eigenkapital oder gleichgestellte Kapitalien, wie Pensionsrückstellungen etwa, gedeckt sein. Sie dürfen beispielsweise nicht mit Spargeldern der Versicherten in der Lebensversicherung erworben werden. Das war ein Handikap. Wir hatten damals zu wenig Mittel mit Eigenkapital-Charakter. Zum anderen standen uns bestimmte Finanzierungsmöglichkeiten nicht offen. Als Versicherungsgesellschaft darf die Allianz beispielsweise keinen Kredit zum Erwerb einer Beteiligung aufnehmen.

SPIEGEL: Die Allianz gründet also eine Holding, um sich mehr Spielraum zu schaffen und einen Teil des Vermögens der Kontrolle des Aufsichtsamts zu entziehen?

SCHIEREN: Wir wollen uns nicht der Kontrolle des Aufsichtsamtes entziehen. Die Kapitalanlagen der Allianz-Gruppe, derzeit etwa 60 Milliarden Mark, werden zum größten Teil auch künftig den Anlagevorschriften unterliegen. Es handelt sich dabei um Kapital, das für Verpflichtungen gegenüber Versicherten und Geschädigten bereitzuhalten ist.

In die Holding kommt im Grunde nur das Eigenkapital, also 500 Millionen Grundkapital plus Rücklagen plus Pensionsrückstellungen. Das wären etwa zwei Milliarden Mark, die der Aufsicht »entzogen« werden, wenn Sie so wollen.

Doch das war für uns nicht das Entscheidende. Wichtig war, daß wir über die Holding künftig bessere Finanzierungsmöglichkeiten haben werden - Möglichkeiten, die in der Wirtschaft sonst durchaus üblich sind, die jedoch das Gesetz über die Beaufsichtigung der _(Mit Redakteuren Peter Bölke, Gert ) _(Savelsberg. )

privaten Versicherungsunternehmungen nicht zuläßt.

SPIEGEL: Das Aufsichtsamt ist einverstanden, daß Sie jetzt über die Holding neue Möglichkeiten nutzen und damit neue Risiken eingehen?

SCHIEREN: Richtig. Ein Konzern von der Größe der Allianz sollte auch nach Meinung der Aufsicht in klare Risikobereiche gegliedert sein: In der Holding werden Teile der Finanzierung und des Rückversicherungsgeschäfts betrieben, das Erstversicherungsgeschäft wird davon getrennt und unterliegt weiter voll der Aufsicht.

SPIEGEL: Wie groß wird das künftige Vermögen der Allianz-Holding sein? Das Kapital der einzelnen Holding-Töchter kann ja nicht zum Nennwert gesehen werden. Allein die Beteiligung an Allianz Leben und Münchener Rück könnte bei Bewertung zu Börsenkursen neun bis zehn Milliarden wert sein.

SCHIEREN: So geht das nicht. Sie können nicht einfach nach den Börsenkursen die stillen Reserven berechnen. Nehmen Sie die 50-Mark-Aktie der Allianz Leben. Der Kurs dieser Aktie lag kürzlich bei 5000 Mark. Sie wollen doch nicht unterstellen, daß wir da stille Reserven von 4950 Mark je Aktie haben.

SPIEGEL: Nein, aber die Hälfte mindestens.

SCHIEREN: Der wahre Wert des Papiers läßt sich nicht genau nennen. Wir können jedenfalls nicht den schwankenden Börsenkurs zugrunde legen. Daß stille Reserven drin sind, ist klar.

SPIEGEL: Wie hoch also wird in etwa das Vermögen der Holding sein? Eher fünf bis sechs als neun bis zehn Milliarden?

SCHIEREN: Da kann ich mich einfach nicht festlegen, weil ich darüber nicht nachdenke. Was macht es für einen Sinn? Wir sind gut kapitalisiert, wir haben beachtliche stille Reserven. Es wird nichts neu bewertet, alles geht zu den bisherigen Buchwerten über.

SPIEGEL: Wer hat sich die neue Struktur der Allianz ausgedacht? War es Ihre Idee?

SCHIEREN: Nein, nicht allein meine. Britische Zeitungen schreiben zwar häufig vom Schieren-Plan, aber ich will das Urheberrecht gar nicht für mich allein beanspruchen. Das wurde vor genau einem Jahr zusammen mit unserem damaligen Finanzchef Marcus Bierich entwickelt. Der Plan entstand aus der Überlegung: Was ist zu tun, um dem Unternehmen künftig in Fällen wie Eagle Star die notwendige Handlungsfreiheit zu sichern?

SPIEGEL: Herr Schieren, Sie selbst übernehmen die Führung der neuen Holding. Wollen Sie auch noch den Vorstandsvorsitz in der Tochtergesellschaft Allianz Versicherungs-AG übernehmen?

SCHIEREN: Das war für mich die vielleicht schwierigste Überlegung. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß ich das nicht machen sollte und daß ich es nicht machen kann. Das ist physisch nicht zu schaffen. Ich habe jetzt schon die 35-Stunden-Woche, nämlich zweimal 35-Stunden. Irgendwann muß der Mensch ein paar Stunden schlafen, und irgendwo gibt es ja auch noch die Familie.

Ich brauche auch mehr Zeit zum Nachdenken über mein Handeln, über das Unternehmen, über seine Ziele. Wie soll der Finanzkonzern Allianz künftig aussehen? Welche Strategien soll er bevorzugen? Soll er stärker in bestimmte Beteiligungen außerhalb des Versicherungswesens gehen? Wird der inländische Versicherungskonzern auch weiterhin die tragenden Säule bleiben?

Das alles muß gründlich überlegt werden. Deshalb sollte ich stärker von den rein operativen Entscheidungen entlastet werden.

SPIEGEL: Wie soll es denn weitergehen, was wird die Allianz künftig mit ihren Milliarden - und der neuen Beweglichkeit - tun?

SCHIEREN: Wir würden uns zum Beispiel gern japanische Aktien kaufen, wenn es uns günstig erscheint. Oder gegebenenfalls auch ein Hochhaus in Kanada, gut vermietet, mit ordentlicher Rendite. Das konnten wir bisher nicht ohne weiteres.

SPIEGEL: Wegen des Aufsichtsamtes?

SCHIEREN: Ja, die Zustimmung des Amtes zu solchen Geschäften ist in Zukunft im Bereich der Holding nicht mehr erforderlich. Der Umbau des Konzerns ist keine Flucht vor den Aufsichtsregeln, aber natürlich wollen wir die Vorteile der neuen Struktur schon nutzen.

SPIEGEL: Daß Sie gerade für das Ausland noch große Pläne haben, läßt

der Kauf des italienischen Versicherers Riunione Adriatica (RAS) erahnen.

SCHIEREN: Ja, dieser Erwerb hat uns auf einen Schlag enorm weitergebracht. Die RAS hat 32 im Ausland tätige Versicherungsgesellschaften. Bei Eagle Star hatte uns das Portefeuille interessiert, die Beteiligung an einem gesunden britischen Versicherer - der zu einem Drittel in der Lebensversicherung tätig ist. Bei der RAS dagegen, die überwiegend Sachversicherung betreibt, war für uns mit entscheidend, daß 50 Prozent der Beitragseinnahmen von insgesamt etwa vier Milliarden Mark von außerhalb Italiens stammen.

SPIEGEL: Aus dem europäischen Ausland?

SCHIEREN: Nicht nur, auch aus Übersee. Dominierend allerdings ist das europäische Ausland, gute Märkte wie Österreich, die Schweiz, Deutschland.

SPIEGEL: Jetzt kommen Sie über die RAS doch noch in Ihren Lieblingsmarkt, die Schweiz?

SCHIEREN: Ich habe noch mehr Lieblingsmärkte. Aber in der Tat haben uns die Schweizer bisher abgeblockt, weil sie uns aus Konkurrenz-Gründen nicht im Land sehen möchten. Jetzt sind wir also durch den RAS-Erwerb an eine kleine Schweizer Sach- und Lebensversicherungs-Gesellschaft gekommen. Aber es gibt noch weitere Länder, in denen wir nun besser dastehen.

SPIEGEL: In welchen denn?

SCHIEREN: Nehmen Sie Spanien. Da haben wir in wenigen Jahren ein Geschäft in der Industrieversicherung mit einer Beitragseinnahme von 18 Millionen Mark aufgebaut. Die RAS hat zwei Versicherungsgesellschaften in Spanien, die weit über 100 Millionen Mark Umsatz machen. Das zusammenzuführen ist sicherlich von Interesse. Wenn Sie bei 18 Millionen einen Schaden von 20 Millionen reinkriegen, dann können Sie das Geschäft mindestens in dem Jahre wieder vergessen. Bei 100 oder 200 Millionen sieht das schon anders aus.

SPIEGEL: Sollen die Allianz-Ableger in Europa künftig unter dem Firmenzeichen RAS geführt werden?

SCHIEREN: Nein, das ist nicht beabsichtigt. Die französische Gesellschaft der RAS heißt zum Beispiel »Protectrice«. Sie ist unter diesem Namen eine angesehene Gesellschaft, und nur wenige wissen, daß es italienischer Mehrheitsbesitz ist.

Auf der anderen Seite ist der Name Allianz von hohem Werbewert im industriellen Geschäft. Die Kunden wissen unser Know-how zu schätzen. Es gibt

kaum noch ein Land mit großen technischen Innovationen ohne begleitenden Versicherungsschutz durch die Allianz.

SPIEGEL: Für Kernkraftwerke zum Beispiel?

SCHIEREN: Ja. Südafrika baut gerade ein Riesenkraftwerk. Wir sind mit unserer Gesellschaft in Südafrika ein Zwerg, aber dieses Kernkraftwerk, das Millionen an Prämie bringt, wird mit 40 Prozent führend bei der Allianz Südafrika versichert. Der Kunde weiß, daß dahinter unsere Ingenieure, unsere Kernphysiker und andere Experten stehen, die sich notfalls hier in München sofort in eine Maschine setzen, um Probleme vor Ort zu lösen.

Es gibt zum Beispiel in der Bundesrepublik kein Kernkraftwerk und kaum ein Kraftwerk, das nicht maßgeblich bei der Allianz versichert ist, weil viele Konkurrenten sich das Risiko gar nicht zutrauen. Jeder große Erbauer wie BBC, wie Babcock und KWU ist mit uns in ständigem Austausch, und die Betreiber sind es natürlich auch.

SPIEGEL: Herr Schieren, so interessant wie der Erwerb der RAS sein mag: Haben Sie nicht doch mit 1,1 Milliarden Mark für eine Beteiligung von 51 Prozent zuviel bezahlt?

SCHIEREN: Klares Nein. Wenn wir für 51 Prozent 1,1 Milliarden bezahlt haben, dann ist der Unternehmenswert 2,2 Milliarden und das bei einer Prämieneinnahme von vier Milliarden Mark.

Können Sie sich entsinnen, was wir für Eagle Star hätten zahlen müssen? Wir hätten bei einem Umsatz von nur 3,3 Milliarden vier Milliarden Mark aufwenden müssen, um BAT auszustechen. Ich wüßte nicht, was meine Aktionäre und die Öffentlichkeit gesagt hätten. Bis 3,8 Milliarden Mark habe ich die BAT gern hochgetrieben und dann auch dort sitzen lassen. Aber vier Milliarden wären überzahlt gewesen. Das zeigen auch die Ergebnisse 1984 bei Eagle Star.

SPIEGEL: Das Ergebnis bei Ihrer Neuerwerbung RAS ist besser?

SCHIEREN: Ja. Wir haben zwar sehr schnell gekauft, aber wir haben hier in Tag- und Nachtarbeit sicher einen Zentner Material der RAS geprüft, um zu wissen, was wir kaufen. Ich bin ganz sicher, daß uns ein absoluter Treffer gelungen ist.

SPIEGEL: Gilt denn bei Ihrer Expansion im Ausland die alte Erfolgsformel noch: Ertrag geht vor Wachstum?

SCHIEREN: Selbstverständlich. Wir kaufen doch nicht, um Umsatz zu gewinnen. Wir kaufen, um mit den neuen Gesellschaften und mit unseren Niederlassungen, Agenturen, Direktionen im Ausland einen größeren europäischen Konzern mit unseren Ertragsvorstellungen zu bauen.

SPIEGEL: Müssen Sie nicht befürchten, das Kartellamt könnte Ihre schönen Pläne vereiteln?

SCHIEREN: Das Kartellamt prüft. Nach unseren Kartellgesetzen kann es eine Fusion untersagen, wenn sie starke Auswirkungen auf den Inlandsmarkt hätte. Das ist ja ein deutsches Kartellgesetz. Die RAS hat aber von ihren vier Milliarden Mark Umsatz 100 Millionen in Lebensversicherungen in Deutschland und etwa 150 Millionen Mark einer österreichischen Tochter im Sachversicherungsgeschäft. Das sind 0,2 Prozent des Markts. Ich glaube nicht, daß dies ein Problem fürs Kartellamt sein wird.

SPIEGEL: Gestalten Sie auch deshalb den Konzern um, damit Sie im Inland die Hand frei haben für neue Geschäfte im Dienstleistungsbereich?

SCHIEREN: Aber ja. Wir dürfen bisher keine versicherungsfremden Geschäfte betreiben. Doch wir könnten durch neue Produkte anderer Firmen dazu gezwungen werden.

SPIEGEL: Sie meinen die Deutsche Bank und ihren Sparplan mit Versicherungsschutz?

SCHIEREN: Ja, auch.

SPIEGEL: Im Prinzip haben doch aber die Versicherer schon immer eine ähnliche Art von Geschäften gemacht. Wer eine Kapital-Lebensversicherung abschließt, spart auch Geld an. In der Prämie ist immer ein Sparanteil enthalten - der Kunde weiß es nur oft nicht.

SCHIEREN: Doch. Das ist die sogenannte gemischte Lebensversicherung. Sie steht im Gegensatz zur Risikoversicherung, die a fonds perdu abgeschlossen wird. Die gemischte schließt eben nicht nur auf den Todesfall ab, sondern auf den Todes- und Erlebensfall. Wir können dem Kunden aber nicht sagen: Wir führen hier für dich ein Sparkonto, über das du jederzeit verfügen kannst. Das ist uns nicht gestattet; wir können das nur in der vom Versicherungsaufsichtsamt genehmigten Tarifform der gemischten Lebensversicherung verkaufen. Aber Sie haben völlig recht: Hier ist ein Sparvorgang mit der Abdeckung eines Risikos verbunden.

SPIEGEL: Wenn Sie schon, der Vorschriften wegen, für Ihre Kunden kein Sparkonto führen können, warum sagen Sie ihnen nicht wenigstens, welcher Anteil ihrer Prämie der Sparbeitrag ist?

SCHIEREN: Was würde das dem Kunden bringen? Wir können ihm doch nur sagen, daß in seiner Prämie ein großer Brocken Sparanteil drin ist, der sich jährlich ändert. Am Anfang ist das relativ wenig, der Sparanteil wird dann im Laufe der Jahre größer. So haben etwa Verträge, die jetzt zur Auszahlung kommen und die 27 oder 30 oder 32 Jahre gelaufen sind, durch Gewinnanteile eine Verdoppelung oder eine noch bessere »Verzinsung« gebracht.

SPIEGEL: Wer seine Lebensversicherung vorzeitig kündigt, der spürt aber _(KKW Biblis. )

sehr deutlich, daß diese Art des Sparens nichts bringt.

SCHIEREN: Ja, leider ist dann dieser Kunde enttäuscht darüber, daß er sein eingezahltes Geld nicht voll zurückbekommt. Er übersieht, daß zunächst vor allem Abschlußkosten des Vertreters zu zahlen waren und daß wir ja auch eine Weile das Risiko getragen haben.

SPIEGEL: Könnten Sie die Abschlußkosten nicht über die Laufzeit verteilen oder sonst dem Kunden wenigstens erklären, daß seine Kapitalversicherung erst nach mehreren Jahren auch einen höheren Spar- oder Vermögensanteil bietet, daß sie also als kurzfristige Kapitalanlage nicht geeignet ist?

SCHIEREN: Das tun wir ja. Ich meine aber, in aller Regel schließen junge Leute Lebensversicherungen ab, damit sie im 60. oder 65. Lebensjahr eine bestimmte Summe bekommen, als zusätzliche Altersversorgung oder auch um den Rest vom Haus zu bezahlen. Das lohnt immer. Und im übrigen versichern sie sich gegen das Risiko des Todes in jüngeren Jahren.

SPIEGEL: Vielen würde eine reine Risikoversicherung genügen. Die wäre billiger, wird aber kaum angeboten.

SCHIEREN: Da muß ich nun doch unsere Mitarbeiter in Schutz nehmen. Natürlich wird der Vertreter nicht als erstes eine Risikoversicherung anbieten, nur weil sie wenig kostet und weil damit der Todesfallschutz hergestellt ist. Wir glauben - und der Vertreter glaubt es auch -, daß der Kunde schlecht beraten wäre. Wenn er zugleich mit der Absicherung eines Risikos einen Sparvorgang verbinden kann - warum sollte er das nicht tun?

SPIEGEL: Er sollte es deshalb nicht tun, weil er sein Geld besser anlegen kann.

SCHIEREN: Wie denn das?

SPIEGEL: Wir glauben nicht, daß die Verzinsung des in einer Lebensversicherung angesparten Geldes attraktiv ist.

SCHIEREN: Doch, das glaube ich aber wohl. Sie werden keine Sparform finden, die attraktiver ist als die langfristige Lebensversicherung.

SPIEGEL: Es gibt attraktivere Sparformen für kürzere Fristen. Bis zwölf Jahre Laufzeit ist die Lebensversicherung nicht konkurrenzfähig.

SCHIEREN: Das besagt wenig, weil Lebensversicherungs-Verträge im Durchschnitt 27 Jahre laufen. Und hier können Sie die Prämien steuerlich als Sonderausgaben absetzen. Zum anderen brauchen Sie das, was Sie später an Verzinsung herausbekommen, nicht zu versteuern. Insofern schneidet eine Lebensversicherung besser ab als andere Sparformen.

SPIEGEL: Die neue Konkurrenz aus dem Bankenbereich macht Ihnen trotzdem Sorgen. Was wollen Sie dem entgegensetzen?

SCHIEREN: Wir müssen uns darauf einrichten, künftig auch im Bereich der finanziellen Dienstleistungen mehr zu tun - was wir ja bislang nicht durften. Im übrigen sollten wir erst einmal abwarten, was diese vielen Neuerungen überhaupt bringen würden. Ich betrachte die Dinge heute noch mit Gelassenheit. Aber natürlich habe ich mich auch gegenüber der Deutschen Bank geäußert - nicht wegen des Produkts, dieses Sparplans mit Versicherungsschutz, sondern mehr wegen des Prinzips.

SPIEGEL: Und was haben Sie der Deutschen Bank zum Prinzip gesagt?

SCHIEREN: Ich habe dem Vorstand der Deutschen Bank gesagt, daß die Banken hier auf dem Wege sind, bestimmte Ordnungsregeln, die nun einmal in der Wirtschaft existieren, zu verletzen, das Prinzip der Arbeitsteiligkeit in diesem Falle. Früher hat man gesagt: Schuster, bleib bei deinem Leisten.

Das sieht die Deutsche Bank natürlich anders. Sie meint, der Kampf um den Spargroschen sei immer mehr zu Lasten der Banken und Sparkassen gegangen, und diesen Trend müßten sie aufhalten.

SPIEGEL: Welche neuen Angebote auf dem Markt der finanziellen Dienstleistungen könnten Sie sich vorstellen?

SCHIEREN: Es werden sicherlich bald mehr auf den Markt kommen. Sie wissen, daß in Amerika sich beispielsweise Broker-Häuser mit Versicherungsgesellschaften zusammenschließen. Institute wie Amexco etwa bieten dann dem Kunden praktisch die ganze Palette des Finanz-Service auf einmal - Kreditkarten, Travellerschecks, Versicherung - und das alles über ein Konto.

Da liegen sicherlich Chancen. Das Produkt allerdings, wo wir sagen würden: Jawohl, das ist es - das haben wir noch nicht gesehen. Wir denken darüber nach, und wir werden sicherlich zum gegebenen Zeitpunkt mit neuen Produkten kommen.

SPIEGEL: Wird auch die Allianz in Zukunft ein gebührenfreies Konto anbieten, über das der Kunde alle finanziellen Dinge abwickeln kann - vielleicht sogar Elektronik-Banking mit Überweisung von einer Stadt in die andere, und sehr viel schneller als bei den Banken?

SCHIEREN: Wir arbeiten stark in diese Richtung. Wir haben bereits über tausend Agenturen, die mit Bildschirm, mit Eingabemöglichkeiten ausgerüstet sind. Die können letzten Endes auch mit Bankenrechnern korrespondieren.

Aber wir besitzen keine Bank. Ich glaube auch nicht, daß wir eines Tages das Universal-Bankgeschäft betreiben. Wir sehen uns in erster Linie auch in Zukunft als Versicherer. Daß wir künftig dieses oder jenes Geschäft, das man jetzt den Banken überläßt, vielleicht selbst übernehmen, ist nicht auszuschließen.

SPIEGEL: Da wird der Vorstand der Deutschen Bank Ihnen demnächst einen Brief schreiben, in dem er darauf hinweist, daß Sie die Prinzipien der Wirtschaftsordnung verletzen.

SCHIEREN: Nein, das könnte er dann nicht mehr. Diese Geschäfte würde ja die Allianz-Holding betreiben - und die ist keine Versicherungsgesellschaft.

SPIEGEL: Herr Schieren, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

[Grafiktext]

MIT DER ALLIANZ IM BUNDE Beispiele für die Beteiligungen der Allianz Zahlen an den Pfeilen = Anteile in Prozent; Zahlen in den Kreisen = Beteiligungen (in Prozent) an nicht aufgeführten Zwischenholdings Deutsche Bank Bayerische Vereinsbank Dresdner Bank August v. Finck Allianz-Bankenkonsortium Allianz Versicherungs-AG, Berlin/München; Kapital: 500 Mill. Mark Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, München; Kapital: 475 Mill. Mark Allianz Lebensversicherungs-AG, Stuttgart; Kapital: 130 Mill. Mark Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen, Dortmund; Kapital: 800 Mill. Mark Heidelberger Druckmaschinen AG, Heidelberg; Kapital: 100 Mill. Mark Hochtief AG, Essen; Kapital: 150 Mill. Mark Gutehoffnungshütte Aktienverein AG, Nürnberg/Oberhausen; Kapital: 583,2 Mill. Mark Commerzbank AG, Frankfurt; Kapital: 843 Mill. Mark Bayern-Hypo, München; Kapital: 539 Mill. Mark Elbschloss-Brauerei AG, Hamburg; Kapital: 8 Mill. Mark Hutschenreuther, Selb; Kapital: 21,3 Mill. Mark Allianz Allgemeine Rechtsschutzversicherungs-AG, München; Kapital: 10 Mill. Mark Frankfurter Versicherungs-AG, Frankfurt; Kapital: 43,2 Mill. Mark Deutsche Krankenversicherungs-AG, Köln/Berlin; Kapital: 45 Mill. Mark Hamburg-Mannheimer Versicherungs-AG, Hamburg; Kapital: 18 Mill. Mark Karlsruher Lebensversicherung AG, Karlsruhe; Kapital: 12,7 Mill. Mark Hermes Kreditversicherungs-AG, Hamburg; Kapital: 24 Mill. Mark Tela Versicherung AG, Berlin/München; Kapital: 21 Mill. Mark Beiersdorf AG, Hamburg; Kapital: 163 Mill. Mark Klöckner-Humboldt-Deutz, Köln; Kapital: 265 Mill. Mark Linde AG, Wiesbaden; Kapital: 180 Mill. Mark Metallgesellschaft AG, Frankfurt; Kapital: 240 Mill. Mark Thyssen AG, Duisburg; Kapital: 1300 Mill. Mark Mercedes Automobil-Holding AG, Frankfurt; Kapital: 428,6 Mill. Mark Hapag-Lloyd AG, Hamburg/Bremen; Kapital: 120 Mill. Mark Bavaria-Filmkunst GmbH, München; Kapital: 7 Mill. Mark ANT Nachrichtentechnik GmbH, Backnang; Kapital: 150 Mill. Mark Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH, München; Kapital: 378 Mill. Mark Degussa AG, Frankfurt; Kapital: 284 Mill. Mark Allianz Holdings, Amsterdam; Kapital: 489, 43 Mill. Mark Allianz of America Inc., Wilmington/Delaware; Kapital: 100 Mill. US-Dollar Fidelity Union Life Insurance Comp., Dallas; Kapital: 108, 95 Mill. Mark North American Life and Casualty Comp., Minneapolis; Kapital: 54,48 Mill. Mark Allianz Insurance Company Ltd., Sydney; Kapital: 9,8 Mill. Mark Allianz Vastgoed BV, Amsterdam; Kapital: 13,3 Mill. Mark Anglo-Elementar Versicherungs-AG, Wien; Kapital: 21,3 Mill. Mark Allianz of South Africa Ltd., Johannesburg; Kapital: 8,93 Mill. Mark Vorverträge: RAS Riunione Adriatica di Sicurta, Mailand; Kapital: 54,7 Mill. Mark

[GrafiktextEnde]

Mit Redakteuren Peter Bölke, Gert Savelsberg.KKW Biblis.

Gert Savelsberg
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