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»Wir haben das Geld nicht«

SPIEGEL-Interview mit IG-Chemie-Chef Rappe über Gewerkschaftsfirmen *
aus DER SPIEGEL 46/1986

SPIEGEL: Herr Rappe, die Gewerkschaften sind ihre Unternehmen bald los. Sind Sie erleichtert?

RAPPE: Wir fühlen uns erleichtert. Die Unternehmen waren so gewachsen, daß wir sie nicht mehr allein finanzieren konnten. Wir brauchten Partner.

SPIEGEL: Sie erhalten für die Bank für Gemeinwirtschaft zwei Milliarden Mark. Warum haben Sie mit diesem Geld nicht die Neue Heimat saniert und sich dann auf anständige Weise aus dem Skandal-Konzern zurückgezogen?

RAPPE: Das Geld hätte nicht gereicht, um die Neue Heimat zu sanieren.

SPIEGEL: Wieviel hätten Sie denn gebraucht?

RAPPE: Da will ich mich nicht festlegen. Wir wollten auf jeden Fall den Konkurs der Neuen Heimat vermeiden. Das Geld, das wir nun für die BfG bekommen, kriegt zum Teil der Herr Schiesser, etwa 900 Millionen als Kredit. Den Rest stecken wir in die Gemeinwirtschaft, um Verluste auszugleichen.

SPIEGEL: Die Operation ist schiefgegangen. Die Gläubiger der Neuen Heimat, allen voran Deutsche Bank und die Commerzbank, haben kein Vertrauen zu dem neuen Eigentümer Schiesser. Viele Kredite sind gekündigt, ein Konkurs oder Vergleich scheint unabwendbar.

RAPPE: Das glaube ich nicht. Dafür gibt es auch keine Hinweise. Unsere Experten von der BGAG sagen, dies ist alles in Ordnung.

SPIEGEL: Wann haben die das gesagt?

RAPPE: Letzten Dienstag in der Sitzung der Anteilseigner.

SPIEGEL: Seitdem sind aber noch einige Banken abgesprungen.

RAPPE: Ich glaube das nicht. Da ist auch allerhand Theaterdonner dabei.

SPIEGEL: Zu welchem Zweck? _(Mit Redakteuren Lutz Spenneberg und ) _(Winfried Didzoleit in der ) _(Redaktionsvertretung Bonn. )

RAPPE: Um den DGB noch etwas mehr in die Ecke zu drängen und die Hasenjagd noch ein bißchen weiterzutreiben.

SPIEGEL: Welches Interesse können die Banken an einer solchen Hasenjagd haben?

RAPPE: Darüber wundere ich mich auch. Die können eigentlich gar kein Interesse daran haben. Denn von einem Konkurs haben sie nichts.

SPIEGEL: Von Schiesser anscheinend auch nicht. Die Gewerkschaften haben den Verkauf an Schiesser doch nur inszeniert, um ihm die, Dreckarbeit zu überlassen, die sie sich selbst nicht zumuten wollten.

RAPPE: Das hört man immer wieder. Es gibt aber keinerlei Hinweise dafür.

SPIEGEL: Sie haben jedenfalls immer noch Vertrauen zu Horst Schiesser?

RAPPE: Natürlich. Ihre Unterstellungen sind ohne Substanz.

SPIEGEL: Noch mal: Sie haben Schiesser viel Geld versprochen. Warum retten Sie die Neue Heimat nicht selbst?

RAPPE: Es gibt Grenzen, wir haben das Geld nicht.

SPIEGEL: Sind Ihre Kassen denn schon leer?

RAPPE: Sie dürfen gar nicht erst leer werden. Den Gefallen tun wir unseren Gegnern nicht. Sonst ist es mit der Streikfähigkeit vorbei.

SPIEGEL: Die Streikfähigkeit ist Ihnen wichtiger als das Gebaren eines ehrbaren Kaufmanns?

RAPPE: Darum geht es doch gar nicht. Wir müssen nüchtern abwägen. Eine Demokratie braucht kampfkräftige Gewerkschaften, deshalb mußten wir verkaufen.

SPIEGEL: Weil das die billigere Lösung war?

RAPPE: Nein, weil wir kein Geld mehr nachschießen konnten.

SPIEGEL: Sie konnten schon, Sie wollten nicht mehr. Wann soll denn die Volksfürsorge verkauft werden?

RAPPE: Da haben wir weder Verhandlungen noch einen Partner.

SPIEGEL: Und das Beamtenheimstättenwerk?

RAPPE: Da gehört uns nur die Hälfte. Das hat alles Zeit.

SPIEGEL: Hat nach dem ganzen Debakel die Gemeinwirtschaft überhaupt noch einen Sinn?

RAPPE: Die Fehler sind in den 50er und 60er Jahren gemacht worden. Unsere Leute haben damals den Immobilienmarkt falsch eingeschätzt. Da haben sie gigantische Vorstellungen gehabt. Aber wir haben heute leicht reden. Auf eine vernünftige Größe reduziert, hat die Gemeinwirtschaft durchaus Zukunft. Nur, hier ist jetzt eine Zäsur. Wenn der Pulverdampf erst mal verraucht ist, sehen wir weiter. Für mich ist die Gemeinwirtschaft nicht tot und beerdigt.

SPIEGEL: Sie haben ja sogar schon wieder neue Pläne: Bei den Neuen Medien wollen Sie einsteigen und sogar in die Datenverarbeitung.

RAPPE: Ich weiß davon nichts. Bei der Datenverarbeitung gibt es bislang nur einen Verbund einiger Gewerkschaften, die sich die teuren Geräte nicht selber leisten können.

SPIEGEL: Und bei den Neuen Medien?

RAPPE: Wir wollen mal in Ruhe abwarten, wie die Rundfunkgesetze aussehen und ob sich die Gewerkschaften hier einbringen können. Wir können uns da ja nicht völlig aus dem Markt werfen lassen und das Feld anderen überlassen.

SPIEGEL: Sie können es wohl nicht lassen. Trotz Ihrer wenig ermutigenden Erfahrungen als Unternehmer denken Sie jetzt an ein Gewerkschaftsradio und ähnliche Projekte?

RAPPE: Ich nehm'' Ihnen Ihre Frotzeleien nicht übel, aber wir hatten doch gute Gründe, uns zum Beispiel auch im Austand zu engagieren. In den 60er Jahren wollten wir den Schwellenländern einen dritten Weg zwischen Moskau und Washington anbieten.

SPIEGEL: Luxuswohnungen in Caracas und ein Hotel in Monaco, von der Neuen Heimat Städtebau gebaut, sind keine Entwicklungshilfe.

RAPPE: Sie können gern darauf herumreiten. Aber was wir in Brasilien Argentinien, Mexiko, Algerien und Tunesien bauen wollten, waren ganz normale Arbeitersiedlungen.

SPIEGEL: Ein weltumspannendes Netz der Gemeinwirtschaft?

RAPPE: Ach, damit hat das doch nichts zu tun. Wir wollten der Dritten Welt nur einen eigenen Weg anbieten zwischen den beiden großen Ideologien.

SPIEGEL: Kommen wir von Ihren Träumen mal zurück in die harte Wirklichkeit. Wie wollen Sie eigentlich künftig einem Unternehmer vorrechnen, sein Betrieb könnte eine bestimmte Lohnerhöhung verkraften, wenn Sie selbst als Unternehmer so kläglich versagt haben?

RAPPE: Daß wir versagt haben, bestreite ich. Die Rezession hat doch alle Unternehmen getroffen.

SPIEGEL: Bei Ihnen war das Debakel vornehmlich hausgemacht.

RAPPE: Die Baukonjunktur läuft nirgendwo mehr so wie früher. Unser Problem war, daß wir ein Wohnungsunternehmen hatten und keinen Industriebetrieb.

SPIEGEL: Sie glauben ernsthaft, es wäre besser gelaufen, wenn Sie sich in einer anderen Branche betätigt hätten?

RAPPE: Das wäre doch möglich. Unsere Lage ist nicht deshalb so schlecht, weil wir Bretter vorm Kopf haben.

SPIEGEL: Das sind Ihre Worte.

RAPPE: Sie werden jedenfalls nicht erleben, daß wir uns nun bei den Tarifverhandlungen zurückhalten. Da soll

niemand glauben, er hätte uns kirre gemacht.

SPIEGEL: Die Neue Heimat haben Sie verkauft, ohne die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat zu informieren. Künftig werden Sie sich kaum über andere beschweren können, die das nachmachen.

RAPPE: Betriebsrat war informiert.

SPIEGEL: Der Betriebsrat sagt, er habe vom Verkauf zum ersten Mal in der Zeitung gelesen.

RAPPE: Die Leute haben mir in der entscheidenden Sitzung im Aufsichtsrat gegenübergesessen. Das war doch keine Fata Morgana.

SPIEGEL: Aber da war schon alles abgemacht und in der Öffentlichkeit.

RAPPE: Nein, das waren nur Vorbesprechungen. Das war am Tag vor Unterzeichnung des Vertrags mit Schiesser.

SPIEGEL: Wann haben Sie denn zum ersten Mal von Schiesser gehört?

RAPPE: Im Sommer. Aber wenn Sie nun fordern, wir sollten alle Verkaufsverhandlungen auf dem offenen Markt austragen, dann fehlt Ihnen das wirtschaftliche Verständnis. So was geht nicht, da sinkt der Kaufpreis ins Bodenlose. Daß wir verkaufen mußten, wußten die Arbeitnehmer seit Mai.

SPIEGEL: Ob Sie sich als Unternehmer sehr geschickt angestellt haben, kann man doch stark bezweifeln. Schon die Personalentscheidungen - Leute wie Albert Vietor oder Alfons Lappas - sprechen doch für sich.

RAPPE: Vietor war anfangs ein guter Mann. Erst zuletzt kamen Zweifel auf. Deshalb mußte er gehen.

SPIEGEL: Sie meinen, er hätte ein wenig den Überblick verloren, aber sonst sei er ein Ehrenmann gewesen?

RAPPE: Ich rede von seinen Fähigkeiten, nicht vom Ehrenmann. Zum Schluß war das sehr zweifelhaft.

SPIEGEL: Und Lappas, hat er nun bei seinem Hauskauf unzulässig gehandelt?

RAPPE: Das weiß im Augenblick niemand, deshalb wird es geprüft.

SPIEGEL: Muß ein Gewerkschaftsmanager eigentlich 735000 Mark verdienen?

RAPPE: Die Preise haben andere verdorben nicht wir. Wenn man einen Experten braucht, hat das seinen Preis. Schließlich können wir Lappas nicht schlechter bezahlen als seine Mitarbeiter.

SPIEGEL: Wie lange wollen Sie Lappas denn noch halten? Andere fordern ja schon offen seinen Rücktritt.

RAPPE: Darüber müssen wir reden, wenn Entscheidungen in der nächsten Woche gefallen sind. Wir werden uns dann mit Lappas zusammensetzen müssen. Entwicklungen zeichnen sich ja ab.

SPIEGEL: Und Ernst Breit? Der DGB Vorsitzende ist 1982 angetreten. um die Gemeinwirtschaft in Ordnung zu

bringen. Jetzt steht er vor einem Scherbenhaufen. Müßte Breit nicht auch zurücktreten?

RAPPE: Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Niemand fordert den Rücktritt von Ernst Breit.

SPIEGEL: Das sollten Sie aber noch mal überlegen. Vielleicht könnten Sie mit einem neuen Mann an der Spitze wieder unbefangener die Ausweitung der Mitbestimmung fordern. Jetzt lacht Sie doch jeder aus.

RAPPE: Daß wir für mehr Mitbestimmung eintreten, hat mit Ernst Breit oder mit dem Verkauf der Neuen Heimat nichts zu tun. Da geht es um eine Gesetzesänderung.

SPIEGEL: Vielleicht sollten Sie die Mitbestimmung auch mal vorleben. So, wie Sie sich in Ihren Unternehmen verhalten haben, können Sie den Arbeitnehmern doch nur Angst einjagen.

RAPPE: Also, das sind ja schicke Kombinationen, die Sie da anstellen. Wenn jemand überhaupt Mitbestimmung dargestellt hat, dann wir, und zwar wirtschaftliche wie soziale Mitbestimmung.

SPIEGEL: Gar nicht schick, schließlich sorgen Sie selbst zur Zeit für weniger Mitbestimmung. In den Unternehmen, die Sie verkaufen, wird die freiwillig erweiterte Mitbestimmung doch sicher wieder eingeschränkt.

RAPPE: Das ist nicht zu verhindern. Es gibt jetzt das Gesetz und nicht mehr. Alles andere wäre Träumerei.

SPIEGEL: Sehen Sie, und das macht Sie unglaubwürdig. Und nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die SPD, die unverdrossen mehr Mitbestimmung fordert. Die Gewerkschaften sind eine Belastung für Ihre politischen Freunde.

RAPPE: Die Krise der Gemeinwirtschaft ist eine Belastung für den DGB und sicher auch für das Verhältnis vieler Sozialdemokraten zum DGB. Aber wir lassen nicht zu, daß die Partei in die Auseinandersetzungen um die Neue Heimat gezogen wird. Da sind Sie bei mir am Falschen.

SPIEGEL: Da sind wir bei Ihnen genau am Richtigen. Sie kandidieren bei der Bundestagswahl in Niedersachsen auf Platz eins der SPD-Liste. Glauben Sie, daß Ihre Genossen das noch zuversichtlich stimmt?

RAPPE: Ich kann nur müde lächeln über das, was Sie nun wieder zusammenzimmern wollen. Als Gewerkschaftsvorsitzender muß ich der Gemeinwirtschaft aus der Krise helfen und das Erbe bewältigen; mit meiner Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis und in der Partei hat das nichts zu tun.

SPIEGEL: Sie halten sich nach wie vor für eine gute Wahlempfehlung?

RAPPE: Natürlich, meine Partei-Genossen, die mich schließlich nominiert haben, halten mich für eine gute Wahlempfehlung. *KASTEN

Hermann Rappe *

ist einer der mächtigsten unter Deutschlands Gewerkschaftsführern. Nach dreijähriger Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter bei einer Konsumgenossenschaft wurde Rappe 1953 hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär. 1982 wählte ihn die IG Chemie, die drittgrößte Einzelgewerkschaft im DGB, zu ihrem Vorsitzenden. Seither plädiert der zum rechten SPD-Flügel zählende Gewerkschaftsführer für eine Interessenvertretung »ohne ideologische Vernebelungen«. Vor allem warnt Rappe immer wieder vor jeder Zusammenarbeit mit Kommunisten. Der 57 Jahre alte Gewerkschafter zog 1972 für die SPD in den Bundestag. Er ist bei der nächsten Wahl sozialdemokratischer Spitzenkandidat in Niedersachsen.

[Grafiktext]

AUSVERKAUF BEIM DGB Die Gewerkschaftsholding BGAG trennt sich von ihren Großunternehmen BGAG Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft gut reisen 1977 verkauft Co op AG Verkauf Ende 1985 Volksfürsorge Lebensversicherung AG Teilverkauf geplant NH-Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft mbH für eine Mark verkauft NH-Städtebau wickelt ab BfG Bank für Gemeinwirtschaft AG DGB-Vorstand billigt Mehrheitsverkauf

[GrafiktextEnde]

Mit Redakteuren Lutz Spenneberg und Winfried Didzoleit in derRedaktionsvertretung Bonn.

L. Spenneberg, W. Didzoleit
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