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AFFÄREN »Wir kommen da durch«

Neue Hinweise im Fall Pfahls: Der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident ist offenbar mit Hilfe deutscher Freunde und des taiwanischen Geheimdienstes abgetaucht.
Von Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 45/2000

Es war am 3. Juli vergangenen Jahres, kurz nach 19 Uhr, als taiwanische Geheimdienstler auf dem Tschiang-Kaischek-Flughafen bei Taipeh einen ganz speziellen Reisenden trafen: den früheren Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und Verfassungsschutz-Präsidenten Ludwig-Holger Pfahls.

Die Herren schienen bestens miteinander bekannt. Man plauderte auf Englisch im Bereich der Passkontrolle. Dann entschwand die Gruppe in einer VIP-Lounge.

Um 20 Uhr hob die Maschine der Fluggesellschaft Cathay Pacific (Flug CX 451) nach Hongkong ab. Bei Schampus und Kaviar verbrachten die Agenten und der Deutsche den Flug in der Ersten Klasse.

Beobachtet hat diese Szenen einer dubiosen Partnerschaft der Geschäftsmann Dieter Holzer, ein ehemaliger Kontaktmann des Bundesnachrichtendienstes (BND). Gegen ihn ermittelt die Saarbrücker Staatsanwaltschaft seit einer Woche wegen des Verdachts der Geldwäsche in der Affäre um den Verkauf der einstigen Leuna-Werke an den französischen Ölmulti

Elf Aquitaine. Am 28. August offenbarte sich Holzer dem Wiesbadener Bundeskriminalamt erstmals umfassend über das Verschwinden seines engen Freundes Pfahls.

Zusammen mit den anschließenden BKA-Ermittlungen werfen Holzers Aussagen ein neues Licht auf die Absetzmanöver des prominentesten deutschen Flüchtlings. Demnach haben nicht nur Taiwans Geheimdienst Guojia Anquanju, sondern auch der Zeuge Holzer selbst sowie dessen Sohn Nikolaus beim Abtauchen des Ex-Managers und CSU-Politikers mitgewirkt.

Pfahls gilt als eine der Schlüsselfiguren im Schmiergeld-Skandal um die umstrittene Lieferung von »Fuchs«-Panzern an Saudi-Arabien 1991. Zum Zeitpunkt des Fluges nach Hongkong war er noch DaimlerChrysler-Repräsentant für Südostasien mit Sitz in Singapur, wurde aber bereits seit dem 22. April 1999 mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Holzer schilderte dem BKA, wie er und sein Sohn an jenem 3. Juli 1999 Pfahls zum Flughafen brachten: Nichts deutete auf eine überstürzte Flucht hin. Seit Pfahls am 15. Juni das Militärkrankenhaus Veterans General Hospital in der Hauptstadt Taipeh verlassen hatte, wo er wegen »Schwindelgefühlen und Taubheit der rechten Gliedmaßen« behandelt worden war, residierte er im »China Trust Executive Home«, auch »KG-Suite« genannt. Das vornehme Hotel liegt in einem Vorort Taipehs, umgeben von teuren Nachtclubs.

Kurz vor 18 Uhr hielt dort ein schwarzer Mercedes. Gestellt wurde die Limousine von »Capital Motors«, der offiziellen taiwanischen Mercedes-Vertretung. Während des gesamten Aufenthalts von Pfahls in Taiwan hatte die Firma den damaligen Manager betreut und ihm beispielsweise zwei Mobiltelefone (Nummern: 0937-043211 und 0932-030900) zur Verfügung gestellt. Capital-Motors-Mitarbeiter Shih Hong-Yu war eigens für Pfahls'' Wohlergehen zuständig.

Im dichten Berufsverkehr dauerte die Fahrt zum Flughafen gut eine Stunde. Laut Computer checkte Pfahls sein Gepäck exakt um 19.01 Uhr ein. Fast zeitgleich gaben drei taiwanische Geheimagenten ihre Koffer auf. Es handelte sich offenbar um einen gemeinsam geplanten Flug, denn sie hatten ihre Tickets beim selben Reisebüro wie Pfahls gekauft (Buchungscode 4040). Vater und Sohn Holzer waren dort zusammen mit einem gewissen Herrn Wang unter der Kennnummer 4172 registriert.

Dem BKA-Protokoll zufolge half Holzer dem Freund noch durch die Passkontrolle. Erst im Flieger will er ihn wieder gesehen haben. Doch die Ermittler bezweifeln, dass dies die volle Wahrheit ist. Pfahls hätte eigentlich die Kontrolle nicht ganz so selbstverständlich passieren können, wie Holzer es darstellt. Die Taiwaner müssen geholfen haben - der Flüchtige besaß nämlich keine gültigen Pässe mehr.

Am 28. Mai hatte ein deutscher Diplomat dem Patienten Pfahls am Krankenbett im 19. Stock des Veterans General Hospital mitgeteilt, seine deutschen Identitätspapiere seien ab sofort ungültig; er halte sich illegal in Taiwan auf. Pfahls besaß zu jener Zeit mehrere Pässe, darunter einen ungültigen (Nummer 823 4021 943, ausgestellt am 10. Dezember 1992 in seinem Wohnort Tegernsee), den er am 31. Dezember 1997 auf dem Flughafen Brüssel als gestohlen gemeldet hatte.

Deutschland unterhält zu Taiwan keine diplomatischen Beziehungen. AA-Beamte werden vor einer Entsendung in die »Republik China« beurlaubt, um Peking nicht zu verärgern. Auch ein Auslieferungsabkommen besteht nicht. Das machte die Abwicklung des Falls besonders schwierig.

Als deutsche Emissäre nach langem diplomatischem Gerangel am 2. Juli 1999 im Außenministerium in Taipeh einen formellen Auslieferungsantrag stellten, baten sie, den Gesuchten so lange im Land zu halten, bis ihn BKA-Beamte abholen kämen. Doch schon tags darauf spazierte Pfahls unbehelligt durch die Passkontrolle.

Dabei spielten die Holzers offenbar eine weitaus wichtigere Rolle, als sie zugeben. In einem BKA-Schreiben vom 31. Juli dieses Jahres an den taiwanischen Partnerdienst CBI (Central Bureau of Investigation) heißt es: Klar sei mittlerweile, dass Pfahls'' Flucht von Dieter Holzer und seinem Sohn Nikolaus in die Wege geleitet oder zumindest unterstützt wurde.

Wie das CBI ermittelte, war Dieter Holzer bereits im Mai in Taiwan erschienen, um Pfahls zu helfen. Bei der Einreise zeigte er seinen deutschen Reisepass (Nummer 233 3046 003) vor. Eigenartigerweise ist aber im Computer der Einwanderungsbehörde unter dieser Passnummer der Name »Holger, Dieter, Hans« verzeichnet.

Weitere Rätsel geben die hektischen Aktivitäten von Nikolaus Holzer auf, der Pfahls'' Assistent bei DaimlerChrysler in Singapur gewesen war. Allein zwischen dem 30. Mai und dem 3. Juli 1999 reiste er viermal nach Taiwan.

Ein Trip erregte das besondere Interesse der Zielfahnder. Am 27. Juni traf der Holzer-Sohn mit dem Flug BR 232 der Eva Air aus der indonesischen Hafenstadt Surabaya in Taipeh ein. Von Surabaya aus lässt sich die Ferieninsel Bali per Zug und Fähre in wenigen Stunden erreichen. Da Nikolaus Holzer auch in den Wochen nach dem Abtauchen seines Chefs mehrmals auf der Insel gesichtet wurde, vermuteten die Strafverfolger zunächst, dass Pfahls sich unmittelbar nach seiner Flucht aus Taiwan auf Bali versteckt hielt.

Die DaimlerChrysler-Pressestelle in Stuttgart ist zu keiner Auskunft bereit, ob Holzer die Reisen während seiner Arbeitszeit für den Konzern tätigte oder dafür Urlaub genommen hatte.

Doch das BKA verfolgt jetzt noch eine andere Spur: Dieter Holzer sagte aus, Pfahls sei am 3. Juli 1999 nach der pünktlichen Landung um 21.35 Uhr in der chinesischen Sonderverwaltungsregion von »Hongkonger Beamten« in Empfang genommen worden. »Ich warte hier auf meine Frau«, habe Pfahls gut gelaunt zu Holzer gesagt.

Da der Flüchtling mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde und keinen gültigen Pass hatte, geht das BKA davon aus, dass Hongkong ihm die Einreise höchstwahrscheinlich verweigerte. Pfahls'' zweite Ehefrau Birgit, zu diesem Zeitpunkt in Singapur, versichert dem SPIEGEL, sie habe an jenem Abend einen Anruf ihres Mannes aus Taiwan erhalten: »Birgit, wir kommen da schon durch.«

Flog Pfahls also noch in derselben Nacht zurück? Belog er seine Frau, um ungestört untertauchen zu können? Oder sagt Birgit Pfahls die Unwahrheit?

Als sie am 4. Juli in Taipeh eintraf, habe sie in der Hotelsuite nur noch Koffer und Kleider des Ehemanns vorgefunden, berichtet Birgit Pfahls. Überstürzt sei sie deshalb am nächsten Morgen gegen fünf Uhr zum Flughafen gefahren und habe eine Maschine nach Hongkong mit Anschluss nach Deutschland bestiegen. An den Namen des Hotels könne sie sich nicht mehr erinnern, der sei nur »in Chinesisch« angeschrieben gewesen. Doch an der Fassade des Gebäudes prangt unübersehbar die Leuchtreklame »KG-Suite«. Und: Bis zum 13. Juli hat dort Capital Motors die Rechnung für »Mr. & Mrs. Pfahls« beglichen.

Eine weitere Ungereimtheit: Laut Unterlagen der taiwanischen Meldebehörden hatte Birgit Pfahls bei ihren insgesamt drei Aufenthalten in Taiwan jeweils das Grand Hyatt als Wohnsitz angegeben. Die ausgebildete Krankenschwester bestreitet allerdings, das Hotel, die erste Adresse am Platz, je betreten zu haben.

Ehemann Ludwig-Holger hingegen hatte im Grand Hyatt bis nach seinem Abtauchen einen Safe gemietet. Ende Juli sprach dann bei der Hotelleitung ein Sing Chong Jooi vor, wies sich mit einem malaysischen Reisepass (Nummer A 7390 152) aus und belegte glaubhaft, im Auftrag von Ludwig-Holger Pfahls zu handeln. Sing entnahm der Box 6660 D-Mark, 1630 Hongkong-Dollar, 261 Singapur-Dollar und 634 US-Dollar.

Schleierhaft sind dem BKA auch die Umstände einer weiteren Taiwan-Reise Dieter Holzers. Am 17. Mai dieses Jahres traf er mit der Cathay Pacific in Taiwan ein, in seinem Schlepptau laut Unterlagen der Airline ein gewisser Sigi Lengl.

Ob der identisch ist mit dem ehemaligen CSU-Staatssekretär Siegfried Lengl, lässt sich vor Ort nicht mehr feststellen. Als die CBI Anfang August den Computer der Grenzkontrolleure prüfte, waren die Einreisedaten beider Besucher gelöscht, und mithin war auch keine Ausreise verzeichnet. Dies trage eindeutig die Handschrift des taiwanischen Geheimdienstes und militärischen Abschirmdienstes, heißt es beim CBI.

Für die international weitgehend isolierten Taiwaner ist die Interessenlage klar: Zum Schutz gegen einen möglichen Angriff von Pekings Kommunisten benötigt das Militär moderne Waffen, und die liefert in erster Linie Washington. Um dieser Abhängigkeit zu entgehen, hat sich ein »Deutscher Freundeskreis« des Geheimdienstes Guojia Anquanju in der Vergangenheit als äußerst kreativ erwiesen. Die Beziehungen zwischen Guojia Anquanju und dem BND gelten als ausgezeichnet. Im Frühsommer weilte eine hochrangige BND-Delegation in Taiwan.

Sensible Geschäfte wie die Munitionierung zweier U-Boote aus niederländischen Werften, die mit Torpedos aus deutschen Bauelementen bestückt wurden, ließen sich Ende der achtziger Jahre über Indonesien arrangieren. Als Vermittler bei vergleichbaren Geschäften hatte sich immer wieder ein Indonesier hervorgetan, der vergangenes Jahr in den Verdacht geriet, er habe mitgeholfen, Pfahls vorübergehend auf Bali zu verstecken: Bacharuddin Jusuf Habibie, Ex-Staatspräsident und langjähriger Gefolgsmann des früheren indonesischen Diktators Suharto, dazu ein guter Freund von Helmut Kohl und Pfahls'' Förderer Franz Josef Strauß.

Achtmal reiste Habibie zwischen 1990 und 1997 nach Taiwan und traf dabei auch den damaligen Präsidenten Lee Teng-hui. Als Pfahls jedoch in Taiwan im Krankenhaus lag, hat Habibie nachweislich Taiwan nicht besucht. JÜRGEN KREMB

LUDWIG-HOLGER PFAHLS

machte als persönlicher Referent von Franz Josef Strauß Karriere. Der promovierte Jurist wurde 1985 Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz und 1987 Staatssekretär im Verteidigungsministerium mit umfangreichen Kompetenzen. Nach der Affäre um geheime Waffenlieferungen aus NVA-Beständen an Israel 1991 arbeitete er als Topmanager von DaimlerChrysler in Südostasien. Im Juli 1999 tauchte Pfahls, 57, unter - er soll 3,8 Millionen Mark Schmiergelder für die Lieferung von »Fuchs«-Panzern an Saudi-Arabien angenommen haben.

* Bei der Eröffnung der »Technogerma«-Messe in Jakarta am 1.März 1999.

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