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»Wir lernen die Welt neu«

aus DER SPIEGEL 15/1991

Bauen können wir, das wäre doch gelacht«, sagt Karlheinz Polzer, doch er sieht dabei aus, als beginne er langsam an dieser Fähigkeit zu zweifeln. Knapp ein dreiviertel Jahr ist seine Firma, die Züsow Bau GmbH, nun alt. Das einzig Schöne an diesen acht Monaten ist allerdings der Umstand, daß es die Firma in dem mecklenburgischen Dorf Züsow noch immer gibt.

Mit Klein- und Reparaturaufträgen hielt Bauingenieur Polzer sich und seine 40 Leute über Monate hinweg beschäftigt - hier mal eine Wand versetzen, dort mal eine Treppe neu mauern.

Um Geld in die Kasse zu bekommen, legten die Züsower sich noch einen kleinen Baumarkt zu. Zuletzt gab der Auftrag für einen Supermarkt im nahen Neukloster Auftrieb. Aber auf das große Geschäft warten die Züsower bislang vergebens. Bedarf gibt es genug, Geld nicht.

Das hatte sich Karlheinz Polzer ganz anders vorgestellt, als er im Frühjahr 1990 den Entschluß faßte, Unternehmer zu werden. Im West-Fernsehen hatte er mit Begeisterung die Auftritte der Bonner Mut- und Muntermacher verfolgt, die in der DDR das Mittelstandsparadies der neunziger Jahre ausmachten. Polzer glaubte den Haussmanns und den Pieroths: »Ich dachte: Da kommt Geld rein, und dann geht es hier los.«

Unternehmen mußte er schließlich etwas. Die Baubrigade der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), die er anführte, stand vor der Auflösung.

Polzer warb erst mal Kompagnons an. Die Kollegin Regina Kebler, Chefin der Bauleute bei der Nachbar-LPG, hatte die gleiche Idee gehabt und machte sofort mit. Über private Kanäle wurde ein Bauunternehmer im schleswig-holsteinischen Neumünster angesprochen und für die Ost-Firma gewonnen.

Am 1. August unterschrieben die Teilhaber den GmbH-Vertrag. Das _(* In ihrem Baumarkt. ) Gründungskapital von 150 000 Mark liegt zu je einem Drittel bei der West-Firma, gemeinsam bei Regina Kebler und Karlheinz Polzer sowie bei den beiden LPG, die Baumaschinen und Fahrzeuge als Sacheinlage einbrachten.

So schien alles klar für einen glatten Unternehmensstart. Doch nichts lief fortan reibungslos. Was Karlheinz Polzer seit dem 1. August mit seiner kleinen Firma erlebt hat, zeigt en miniature, daß die Sonntagsreden westlicher Politiker und Verbandshonoratioren wenig mit dem düsteren östlichen Alltag gemein haben; daß unternehmerischer Mittelstand für den Erfolg mehr braucht als die staatlich zugesicherte Gewerbefreiheit.

Beispielsweise eine ordentlich arbeitende Verwaltung. Wochenlang lag der Antrag, die Züsow Bau GmbH ins Handelsregister einzutragen, unbearbeitet in Rostock herum. Ohne Eintragung aber mochte die Bank den Kontokorrent-Kredit nicht voll genehmigen.

Im Oktober schließlich wurde es Polzer zu bunt, er sprach persönlich beim Chef des Registergerichts vor. Der verwies auf die Überforderung seiner Behörde und fügte dann an, wohl mehr im Spaß: Wenn die Züsow Bau ihm für eine Woche eine Schreibkraft stelle, könne er die Firma sofort eintragen.

Polzer, aus dem sozialistischen Alltag an Gegengeschäfte gewöhnt, nahm den Scherz ernst und schickte seine Sekretärin für eine Woche nach Rostock. Die Züsow Bau war nun eingetragen. Daß der Amtsleiter ihm hinterher für die Dienstleistung einen Gebührenbescheid über 300 Mark schickte, ärgert den Bauingenieur noch heute. Die Sache war allerdings schnell erledigt, als Polzer postwendend 300 Mark für die Schreibkraft in Rechnung stellte.

Daß die Effizienz der neuen Verwaltung sich noch auf eher sozialistischem Niveau hält, mußte der Baumanager auch bei der Geldbeschaffung erfahren. Großzügige Hilfen für Existenzgründer sollte und soll es geben. Doch vor dem Geld steht wie ein Bollwerk die staatliche Administration.

Den ersten Antrag auf einen zinsbegünstigten ERP-Kredit reichte Karlheinz Polzer am 23. Juli 1990 ein. Ende Dezember erhielt er Bescheid, daß statt der gewünschten 500 000 Mark gut die Hälfte, 260 000, bewilligt wurde. Im Februar erst war das Geld auf dem Firmenkonto.

Solche Widrigkeiten wären noch zu verkraften, wenn die Firma wenigstens mit Aufträgen eingedeckt würde. Doch überall klemmt es, vor allem wegen der ungelösten Eigentumsfragen.

Ein Kunde aus Wismar, der mit einer Elektronikfirma ordentlich verdient, würde gern seine heruntergekommene Gründerzeit-Villa von der Züsow Bau herrichten lassen. Runde 250 000 Mark wäre der Auftrag wert. Wäre - die Arbeit kann nicht beginnen, weil Westler Ansprüche auf das Haus geltend gemacht haben.

Polzer kann nicht verstehen, daß 40 Jahre wieder zurückgedreht werden; daß ungeklärte Eigentumsverhältnisse auf Jahre hinaus dringend erforderliche Renovierungen verhindern. »Eigentum ist doch nicht etwas Statisches«, klagt er, »hier wird mehr Unrecht geschaffen als Recht.«

Für einen wie Polzer, der nach eigenem Bekunden für die Wende gekämpft hat, ist das Auftreten der Landsleute aus dem Westen schwer erträglich. »Wie Sieger gegenüber Besiegten« benähmen die sich, und das nicht allein beim Rückgewinn von Immobilien.

Als ganz und gar unfair empfinden viele Neu-Unternehmer in der Ex-DDR den ungeschützten Wettbewerb, in den sie die Währungsunion mit den West-Firmen gezwungen hat. Von Chancengleichheit kann nicht annähernd die Rede sein. Die üppig mit Kapital gepolsterte West-Konkurrenz tritt gegen Ost-Unternehmen an, denen es an allem fehlt: an Geld, an Erfahrung, an Know-how.

Polzer und seine Kollegen aus dem Osten müssen sich, neben allem anderen, mit dickleibigen Bauverordnungen vertraut machen; sie müssen lernen, was sich hinter dem fremdartigen Begriff »Skonto« verbirgt; müssen leidvoll erfahren, daß ein Bauunternehmer sich bei einem neuen Kunden zunächst mal über die Kreditwürdigkeit kundig machen kann und soll. »Ein Lehrling in der alten Bundesrepublik weiß mehr als unsereiner«, sagt der Geschäftsführer der Züsow Bau.

Das merken leider auch die Kunden, vor allem, wenn sie westliches Tempo und westliche Qualität gewohnt sind. Die Züsower berichten von einem Lübecker Makler, der Häuser in Wismar aufkaufte und sie anschließend herrichten ließ - von Firmen aus dem 58 Kilometer entfernten Lübeck.

Ein westdeutscher Einzelhandelskonzern ließ seine Rostocker Filiale zunächst von einer örtlichen Firma bauen. Als die Ostdeutschen nicht das gewünschte Tempo vorlegten, vergab er den Auftrag an ein Unternehmen aus Bremen.

So was spricht sich rum im Land und stärkt die in Jahrzehnten stetig gewachsenen Unterlegenheitsgefühle. »Für die West-Firmen geht die Welt so weiter«, sagt Polzer, »wir lernen die Welt neu.«

Die Zeit, die der Mensch gewöhnlich zum Aneignen von Neuem braucht, wurde Leuten wie Polzer nicht gelassen. Wie und wo kauft man beispielsweise am günstigsten ein? Die Kaufleute der West-Firmen wissen das längst; die Ost-Unternehmer, von ausgebufften Verkäufern aus Hamburg oder Itzehoe ein ums andere Mal über den Tisch gezogen, müssen teure Erfahrungen sammeln. Was ein Unternehmen wie die Züsow Bau bei den Löhnen womöglich spart, zahlt es beim Material drauf.

Daß sie in verdammt kaltes Wasser springen würden, das war Männern wie Polzer schon klar. Nur von den vielen Haien, die dort herumschwimmen, hatte ihnen vorher niemand was erzählt.

»Die Illusionen«, sagt Karlheinz Polzer, »sind längst verflogen.« o

* In ihrem Baumarkt.

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