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»Wir lieben stabile Verhältnisse«

Interview mit Toyota-Präsident Toyoda über Japans Europa-Strategie *
aus DER SPIEGEL 14/1985

SPIEGEL: Mr. Toyoda, die Japaner setzen in der Bundesrepublik derzeit mehr Autos ab als je zuvor. Planen Sie einen neuen Vorstoß auf dem europäischen und speziell dem deutschen Markt?

TOYODA: Nein, nein ...

SPIEGEL: Im vergangenen Jahr ist der Marktanteil japanischer Wagen in Deutschland von 10,6 auf 12 Prozent gestiegen. Die Japaner haben in der Bundesrepublik 1984 rund 32 000 Autos mehr abgesetzt als im Vorjahr.

TOYODA: Toyota hat keine konkrete Absicht, in der Bundesrepublik einen größeren Marktanteil zu erreichen. Unsere Strategie ist es, Autos anzubieten, mit denen die Bedürfnisse der Verbraucher so gut wie möglich befriedigt werden.

SPIEGEL: Das ist ja wohl der beste Weg, um höhere Marktanteile zu erreichen.

TOYODA: Das mag sein. Aber Marktanteile sind für uns nur ein Abfallprodukt. Wir planen nicht, bestimmte

Prozente zu erreichen. Die stellen sich von selbst ein.

SPIEGEL: Es gibt eine lose Vereinbarung, ein sogenanntes Gentlemen's Agreement, zwischen Japan und der Bundesrepublik, wonach sich die japanischen Automobilhersteller freiwillig mit rund zehn Prozent des deutschen Markts bescheiden sollen. Gilt das nicht mehr? Zwölf Prozent sind schließlich ein gutes Stück mehr als verabredet.

TOYODA: Zunächst mal: Dieses Gentlemen's Agreement, von dem Sie sprechen, habe ich nie gesehen ...

SPIEGEL: Das hat wohl noch keiner gesehen. Es handelt sich um eine mündliche Absprache zwischen Graf Lambsdorff, dem früheren Wirtschaftsminister in Bonn, und der Regierung in Tokio.

TOYODA: Ich bin ein Anhänger des Freihandels. Was die Bundesrepublik Deutschland angeht, so kann ich mich nicht beklagen. Ich schätze die Haltung Ihrer Regierung in Handelsfragen sehr. Sie hat das Freihandelsprinzip immer unterstützt.

SPIEGEL: Das Prinzip schon, aber da gibt es eben auch Ausnahmen. So etwa die Zehn-Prozent-Absprache für den Autoimport aus Japan. Deshalb noch einmal die Frage: Gilt diese Absprache für die japanischen Hersteller noch?

TOYODA: Wir sollten die Frage der Marktanteile nicht unter einem kurzfristigen Gesichtspunkt betrachten. Die japanischen Hersteller verfolgen eine langfristig angelegte Absatzpolitik. Wir sollten nicht versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen, möglichst viele Autos zu verkaufen oder den Marktanteil auszuweiten. Soweit es Toyota betrifft, so versuchen wir vorsichtig vorzugehen und Reibungen auf ein Minimum zu beschränken. Das dient unseren langfristigen Interessen.

SPIEGEL: Sie wollen jetzt also möglichst ohne Aufsehen Ihren Absatz in der Bundesrepublik ausweiten - ganz anders als Anfang der 80er Jahre, als Sie innerhalb eines Jahres Ihren Marktanteil von fünf auf zehn Prozent schlagartig verdoppelten.

TOYODA: Wissen Sie, wir Japaner und insbesondere wir hier bei Toyota lieben stabile Verhältnisse. Ständige Marktschwankungen mögen wir nicht. Unser Ziel ist ein langfristiges, stetiges Wachstum.

SPIEGEL: Wieviel Wachstum ist denn in der Bundesrepublik für Sie noch möglich?

TOYODA: Wir könnten unter den herrschenden Bedingungen kaum mehr verkaufen, als wir derzeit tun.

SPIEGEL: Toyota ist bei weitem der größte japanische Automobilhersteller und liegt in der Bundesrepublik hinter Mazda und Nissan nur auf dem dritten Platz. Das kann doch nicht alles sein, was Sie wollten.

TOYODA: Mehr ist im Moment eben nicht drin.

SPIEGEL: Fachleute schätzen, daß die Japaner in der Bundesrepublik doppelt so viele Autos verkaufen könnten wie derzeit, wenn der Markt für sie völlig offen wäre.

TOYODA: Wissen Sie, diese Experten glauben auch, daß die Japaner ohne dieses sogenannte freiwillige Selbstbeschränkungsabkommen zwischen Tokio und Washington viel mehr Autos nach Amerika verkaufen könnten. Ich für meinen Teil glaube das nicht. Wir - ich spreche jetzt nur für Toyota - können in den USA nicht viel mehr absetzen als bisher.

SPIEGEL: Warum denn?

TOYODA: Dafür gibt es mehrere Gründe, und der wichtigste ist ganz einfach: Wir wollen unsere Autos ja nicht nur in den USA verkaufen, sondern in der ganzen Welt. Wir müssen viele verschiedene Märkte bedienen. Wenn wir mehr Autos in die USA schicken, fehlen die woanders.

SPIEGEL: Wollen Sie Ihre Produktionskapazitäten in Europa ausbauen?

TOYODA: Toyota hat im Augenblick keine konkreten Pläne, in Europa Pkw zu bauen.

SPIEGEL: Ihr Konkurrent Nissan ist da schon etwas weiter als Sie. Als erster japanischer Hersteller baut Nissan in Großbritannien eine eigene Automobilproduktion auf. Demnächst will offenbar auch Honda, zunächst mit einem Werk für Motoren und Getriebe, folgen.

TOYODA: Wir sind in Europa ja auch schon präsent. Wir haben eine Verbindung mit der portugiesischen Firma Caetano. Dort werden Toyota-Kleinlastwagen montiert. Wir sind natürlich mit den Portugiesen ständig im Gespräch, was man in Zukunft noch alles gemeinsam machen kann. Aber warten wir erst einmal ab, ob das Gemeinschaftsunternehmen mit General Motors in den USA zu einem Erfolg wird. Wenn ja, könnte das auch ein Modell für Europa werden.

SPIEGEL: Wieviel teurer ist es denn, Autos in Europa statt in Japan zu bauen? Deutsche Hersteller meinen, daß die Produktionskosten für ein vergleichbares Auto in Japan um rund ein Viertel niedriger sind als in der Bundesrepublik.

TOYODA: Ich bedanke mich für die hohe Meinung, die unsere Konkurrenten in Deutschland von uns haben.

SPIEGEL: Warum lassen sich denn japanische Autos deutlich billiger produzieren als deutsche?

TOYODA: Das hat etwas mit dem Fleiß, dem hohen Bildungsniveau und der Einstellung des Japaners zur Arbeit zu tun. Vor allem aber setzt sich bei uns jeder einzelne Mitarbeiter voll für das Unternehmen ein. Das Entscheidende ist die große Übereinstimmung zwischen Management und Arbeitern: Sie haben dieselbe Denkweise, sie haben dasselbe Ziel. Beide wissen, daß höhere Produktivität zu höherem Gewinn, zu höherem Einkommen und zu besseren Arbeitsbedingungen für alle führt.
*KASTEN

Shoichiro Toyoda *

ist der Sohn des Firmengründers Kiichiro Toyoda. Nach dem Ingenieurstudium in seiner Heimatstadt Nagoya trat er, 27jährig, in die Firma seines Vaters ein. Neben seiner Arbeit in dem Unternehmen schrieb er eine Doktorarbeit über Benzin-Einspritzanlagen. 1981 wurde Toyoda Präsident der Verkaufsgesellschaft von Toyota. Als diese ein Jahr später mit der Produktionsgesellschaft verschmolzen wurde, wechselte Toyoda, heute 60, auf den Chefsessel der neuen Toyota Motor Corporation. Um der Firma auf japanisch ein einprägsames Firmenzeichen geben zu können, hatte schon Shoichiros Vater statt Toyoda für das Unternehmen den Namen Toyota gewählt.

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