Forscher über Konjunktur in der Pandemie »Wir müssen die Erwartungen für das vierte Quartal deutlich zurückschrauben«

Die vierte Welle dürfte spürbare Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben – vor allem bei Dienstleistern. Viele Menschen schränkten sich aus Sorge vor Ansteckung bereits ein, sagen Ökonomen.
Schild an einem Café in Sachsen

Schild an einem Café in Sachsen

Foto: Robert Michael / dpa

Forscher erwarten deutlich negative Effekte der neuen Coronawelle auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Zumindest im Winterhalbjahr werde die Konjunktur noch einmal »spürbar gebremst« werden, sagte Michael Grömling vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). »Wir müssen die Erwartungen für das vierte Quartal deutlich zurückschrauben«, erklärte er.

Er sieht in zwei wichtigen Bereichen Probleme: Wegen der Produktionsstörungen in vielen Sektoren seien auch von der Industrie bis zum Jahresende keine Impulse mehr erwarten, sagte Grömling.

Zudem rechnet er damit, dass vor allem der personennahe Dienstleistungsbereich ein weiteres Mal hart von der Pandemie getroffen wird. Selbst viele jüngere Menschen trauten sich mittlerweile kaum aus dem Haus, scheuten etwa den Besuch von Konzerten und anderen Veranstaltungen.

Zweifel an bestehenden Maßnahmen

Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm sieht hier eine große Bremswirkung der vierten Welle. »Ein dynamisches Pandemiegeschehen dürfte die wirtschaftlichen Aktivitäten einschränken, da vielerorts aus Sorge vor Ansteckung auf Konsum verzichtet wird«, sagte sie dem RND.

Zwar könnten eine Ausweitung von 2G-Regeln – also der Zulassung nur von Geimpften oder von Covid-19 Genesenen zu bestimmten Orten und Veranstaltungen – sowie eine Testpflicht am Arbeitsplatz helfen, die Dynamik der Pandemie abzuschwächen.

Jedoch sei zweifelhaft, dass die bislang getroffenen Maßnahmen ausreichten, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin, die dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung angehört.

Erst Mitte Oktober hatten führende Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr heruntergeschraubt. Seitdem hat sich die Pandemielage in Deutschland aber deutlich verschlechtert. Auch die Bundesbank hat einen pessimistischen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung gegeben.

An diesem Dienstag wollen mehrere Landeskabinette über schärfere Regeln beraten. In Bayern, Berlin und Brandenburg wollen die Landesregierungen entscheiden, auch in Niedersachsen soll eine neue Corona-Verordnung vorgestellt werden.

Baden-Württemberg will voraussichtlich am Mittwoch bei allen Veranstaltungen in Kultur, Freizeit und Sport die Regel 2G plus einführen. Dann müssten auch Geimpfte und Genesene einen negativen Test vorweisen.

Angesichts der hohen Inzidenz warnen die USA inzwischen sogar vor Reisen nach Deutschland.

Lieferketten als entscheidender Faktor

Auch der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler Stiftung, Sebastian Dullien, rechnet angesichts der hohen Infektionszahlen mit einem Dämpfer für die konjunkturelle Entwicklung. »Insbesondere das Gastgewerbe, der Tourismus und die Freizeitwirtschaft werden dabei leiden«, sagte er. »Insgesamt ist aber derzeit davon auszugehen, dass der Dämpfer geringer ausfallen wird als bei den früheren Lockdowns.«

Betriebe hätten zunehmend Wege gefunden, um zumindest einen Teil der Umsätze auch im Lockdown zu leisten, etwa durch Lieferdienste in der Gastronomie. Anders als im Vorjahr seien auch Einzelhandel und Friseursalons bislang nicht geschlossen.

»Für das vierte Quartal sehen wir derzeit einen bestenfalls schwachen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts, aber keinen deutlichen Einbruch der Wirtschaftsleistung«, sagte Dullien.

Die Entwicklung des Wirtschaftswachstums hänge allerdings nicht nur von den Kontaktbeschränkungen ab, sondern vor allem auch von Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und insbesondere bei Halbleitern.

»Wenn sich wegen nachlassender Lieferprobleme die Industrieproduktion in den kommenden Wochen erholt, könnte dies gesamtwirtschaftlich zu einem Teil den Rückgang der Aktivität im Gastgewerbe und bei den Freizeitdienstleistungen über den Winter ausgleichen«, sagte Dullien. »Wegen dieses Effekts rechnen wir derzeit nicht mit einem Rückfall der deutschen Wirtschaft in die Rezession.«

mmq/dpa/AFP
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