Zur Ausgabe
Artikel 28 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPIEGEL Gespräch »Wir sind nicht Kindermädchen der Banken«

Der Schweizerische-Nationalbank-Präsident Fritz Leutwiler über die internationale Schuldenkrise
aus DER SPIEGEL 39/1984

SPIEGEL: Herr Leutwiler, seit zwei Jahren schwelt die internationale Schuldenkrise. Seither wird immer wieder gewarnt, daß die Schulden-Bombe eines Tages hochgeht. Besteht Hoffnung, daß die Zitterpartie bald beendet ist?

LEUTWILER: Das ist für mich keine Hoffnung, das ist Sicherheit. Die Bombe geht nicht hoch. Nicht einmal die vereinigte Wirtschaftspresse hat es zustande gebracht, diese Bombe zu zünden, obwohl sie sich unwahrscheinliche Mühe gegeben hat mit Katastrophen-Szenarien. Für mich ist die Zitterpartie schon lange zu Ende.

SPIEGEL: Wann haben Sie denn gezittert?

LEUTWILER: Zweimal habe ich mehr gezittert als sonst in meinem Leben. Das erste Mal war es zur Zeit der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds im Herbst 1982 in Toronto, als Mexiko nicht mehr zahlungsfähig war und wir nicht wußten, ob die Bombe stündlich hochgehen würde. Das zweite Mal war es im Sommer letzten Jahres, als die Brasilianer sich zunächst weigerten, eine fällige Kreditrate der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zurückzuzahlen. Ich mußte damals als Präsident dieses Instituts eine deutlichere Sprache sprechen und wußte nicht von vornherein, wie die Brasilianer darauf reagieren würden. Das war eine gefährliche Situation. Was nachher kam, hat mich bei weitem nicht so beeindruckt.

SPIEGEL: Auch die jüngsten Schwierigkeiten mit den Argentiniern nicht?

LEUTWILER: Der Fall Argentinien ist für mich viel weniger gefährlich als das, was erst in Mexiko und dann in Brasilien passierte.

SPIEGEL: Was macht denn den Unterschied? Im Fall Argentinien geht es ja auch nicht gerade um geringe Summen. Da sind fast 45 Milliarden Dollar im Spiel. Und nach wie vor wird doch davon geredet, daß es in einer Kettenreaktion zu einem gewaltigen Bankenkrach kommen könnte.

LEUTWILER: Die Banken haben sich daran gewöhnt, mit dem internationalen Schuldenproblem zu leben. Das war im Sommer/Herbst 1982 anders, da gab es einen Schock. Es entstand geradezu eine Paniksituation. In Toronto spürte man die Nervosität physisch. Wir waren damals noch nicht in der Lage, das intellektuell zu verarbeiten. Nicht nur die Geschäftsbanken, sondern auch die Notenbanken und die Regierungen standen unter einem Schock.

SPIEGEL: Man hat sich nicht vorstellen können ...

LEUTWILER: ... daß so was möglich ist, daß ein großes Land wie Mexiko praktisch vor dem Bankrott stehen kann. Das ist nun intellektuell verarbeitet. Hinzu kommt: Außer einigen unentwegten Apokalyptikern glaubt heute niemand mehr, daß eine große amerikanische Bank kaputtgehen kann. Der Fall Continental Illinois ...

SPIEGEL: ... jene amerikanische Großbank, die von der US-Regierung gerade noch vor dem Kollaps bewahrt wurde ...

LEUTWILER: ... ja, der Fall Continental hat gezeigt, daß die amerikanischen Behörden bereit sind, eine solche Bank zu retten. Für mich ist das die Gewähr dafür, daß man sich bei ähnlich großen oder größeren Banken gleich verhalten wird. Das ist eine Art Garantieerklärung.

SPIEGEL: Sind Sie eigentlich immer davon ausgegangen, daß die US-Regierung keine große Bank in Konkurs gehen lassen würde?

LEUTWILER: Ja. So wie die Bundesbank keine große deutsche Bank fallenlassen _(Wolfgang Kaden und Walter Knips, im ) _(Leutwiler-Büro in Zürich. )

kann, so wie wir in der Schweiz keine große Bank fallenlassen können, so kann kein größeres Land eine wichtige Bank pleite gehen lassen.

SPIEGEL: Jetzt müssen wir zwar nicht mehr in der Angst leben, daß über Nacht eine Großbank kollabiert und das Finanzsystem zusammenbricht. Aber die Probleme der Schuldnerstaaten sind dadurch nicht kleiner geworden.

LEUTWILER: Da haben Sie recht. Die Probleme sind immer noch da, und wir sind der Lösung kaum näher gekommen. Das sind Probleme, die uns mindestens für den Rest dieses Jahrtausends noch sehr stark beschäftigen werden.

SPIEGEL: Die Schulden der Drittweltstaaten wachsen zur Zeit immer noch. Die Länder zahlen die Zinsen für die Altlast mit neuen Krediten. Mexiko war vor zwei Jahren mit 84 Milliarden Dollar verschuldet und liegt jetzt bei 96 Milliarden. Wie lange geht das noch gut?

LEUTWILER: Der Gesamtbetrag der Schulden interessiert mich nicht. Mich interessiert, ob ein Land Fortschritte macht auf dem Weg, der dazu führen soll, daß dieses Land wieder den Schuldendienst aus eigenen Kräften bewältigen kann. Da gibt es gewisse Fortschritte zu verzeichnen. Aber sprechen wir doch nicht über diese 600 oder 700 Milliarden Dollar Schulden der Entwicklungsländer. Es kommt nicht darauf an, ob und wann die mal zurückgezahlt werden ...

SPIEGEL: ... Werden die zurückgezahlt?

LEUTWILER: Die werden nicht zurückgezahlt. Ich wüßte nicht, wie. Sprechen wir über den Schuldendienst. Das ist ja alles, was die Banken wollen. Die Banken wollen ja auch nicht unbedingt das Geld zurück. Sie kämen in die größte Verlegenheit, wenn sie es rasch zurückerhielten. Was sollen sie damit machen? Sie können es höchstens in US-Schatzanweisungen anlegen.

SPIEGEL: Zur Zeit müssen die Gläubigerbanken ihren Schuldnern immer wieder neues Geld liefern, damit sie ebendiesen Banken Zinsen zahlen können. Halten Sie das für normal?

LEUTWILER: Ich finde das überhaupt nicht normal. Aber die Finanzwelt ist schon seit 15 Jahren nicht mehr normal.

SPIEGEL: So verrückt wie zur Zeit ist sie nun wirklich noch nicht 15 Jahre lang.

LEUTWILER: So lange ist sie noch nicht ganz so verrückt. Aber wissen Sie, für die Profis war sie schon vor der Schuldenkrise ziemlich verrückt. Das Weltwährungssystem ist aus den Fugen geraten, als die Amerikaner Anfang der siebziger Jahre die Gold-Konvertibilität des Dollar aufhoben. Seither ist nichts mehr normal. Die Welt ist auch politisch nicht normal. Wir haben aber gelernt, mit politischen Unsicherheiten zu leben.

SPIEGEL: Was geschieht, wenn die Schuldner ihren Verpflichtungen einfach nicht mehr nachkommen?

LEUTWILER: Die Bombe, von der Sie anfangs sprachen, die explodiert nicht mehr. Aber es kann eine ganz andere Bombe explodieren, nämlich eine politische oder soziale. Die explodiert, wenn diese Länder zu lange eine Austerity-Politik betreiben müssen, nur um den Schuldendienst leisten zu können. Das ist eine Bombe, in die ein Zeitzünder eingebaut ist. Die ist gefährlicher als die Schieflage einer Großbank.

SPIEGEL: Und da ist keine Lösung in Sicht?

LEUTWILER: Wir wissen noch nicht einmal, wie man dieses Problem anpacken soll. Es gibt keine Finanztricks, um das Problem zu lösen.

SPIEGEL: Wie sollen Länder jemals wieder gesunden, die mit ihren Exportüberschüssen nicht einmal die Schuldzinsen zahlen können?

LEUTWILER: Die kommen schon wieder auf einen soliden Boden zurück. Die Frage ist nur, wann. Das dauert ziemlich lange.

SPIEGEL: Aber wie können diese Länder wieder ein vernünftiges Verhältnis zwischen Zinsendienst und Exporterlösen erreichen?

LEUTWILER: Jetzt kommen wir meines Erachtens zu der fundamentalen Frage, die gerade hier in den Industrieländern niemand gerne diskutiert. Wenn wir den Schuldnerländern überhaupt eine Chance geben wollen, ihre Kreditwürdigkeit zurückzugewinnen, dann müssen wir denen gestatten, mehr in unsere Länder zu exportieren.

Wir müssen das tun in einer Zeit, wo man eher geneigt ist, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, um wegen der hohen Arbeitslosigkeit die eigene Industrie zu stützen. Denn es ist klar: Wenn wir die Grenzen öffnen für Textilien oder andere Produkte aus der Dritten Welt, dann wird die Arbeitslosigkeit vorübergehend bei uns noch steigen.

SPIEGEL: Nun haben Länder wie Mexiko und Brasilien 1983 schon beachtliche Außenhandelsüberschüsse erzielt. Kann das nicht dazu führen, daß unsere Politiker eine großzügigere Handelspolitik gegenüber der Dritten Welt gar nicht für erforderlich halten?

LEUTWILER: Diese Länder haben ihre Leistungsbilanz nicht so sehr durch höhere Exporte als vielmehr durch sehr viel niedrigere Importe verbessert, in Mexiko ja ganz drastisch. Das kann man zwar mal ein Jahr lang machen, um einen spektakulären Erfolg zeigen und den Gläubigern sagen zu können: Seht mal,

wie ich mich brav verhalten habe. Aber wenn man das länger macht, zeigen sich die negativen Folgen. Dann stehen eines Tages die Maschinen still.

SPIEGEL: Weil die Ersatzteil-Importe fehlen.

LEUTWILER: Ja. Über den Import können diese Länder nicht saniert werden, es geht nur über den Export. Die einzige Hoffnung für diese Länder liegt darin, daß wir ihnen unsere Märkte öffnen.

SPIEGEL: Neben einer Öffnung der Märkte benötigen die Schuldnerländer steigende Rohstoffpreise, weil sie in erster Linie Rohstoff-Exporteure sind. Sie benötigen auch einen niedrigeren Dollarkurs und niedrigere Dollarzinsen, weil sie in Dollar verschuldet sind. Aber die Rohstoffpreise fallen, die Zinsen in den USA und der Dollar steigen. Wie können die Entwicklungsländer da hoffen?

LEUTWILER: In einigen Punkten ist tatsächlich das Gegenteil von dem eingetreten, was erforderlich wäre, um die Schuldnerländer zu entlasten. Das einzig Positive der jüngsten Entwicklung ist die größere Importnachfrage der amerikanischen Wirtschaft, die diesen Ländern etwas geholfen hat. Aber per Saldo ist es schlechter als besser geworden.

SPIEGEL: Um einen offenen Staatsbankrott zu vermeiden, wird ständig umgeschuldet, wird also immer wieder die Rückzahlungsfrist verlängert. Warum erläßt man den Entwicklungsländern nicht einfach Schulden, die auf absehbare Zeit ohnehin nicht getilgt werden können?

LEUTWILER: Nein, nein! Das ist einer dieser finanziellen Tricks, die nicht funktionieren. Selbst wenn die Banken dazu bereit wären - selbstverständlich und völlig zu Recht sind sie nicht dazu bereit -, ginge das nicht. Selbst Ihre beste Bank hat nicht ...

SPIEGEL: ... Sie meinen die Deutsche Bank?

LEUTWILER: Ich meine selbstverständlich die Deutsche Bank. Selbst Ihre beste Bank hat nicht genug Reserven, um einen so hohen Teil ihrer Forderungen von heute auf morgen abschreiben zu können. Zudem muß ich Ihnen sagen: Ich möchte diese Länder auch etwas unter Druck halten, weil ich glaube, daß dort sonst überhaupt nichts getan würde, um die Lage zu verbessern.

SPIEGEL: Diese Länder sind ja nicht allein an ihrer Lage schuld. Die Banken haben ihnen die Kredite in den siebziger Jahren doch geradezu aufgedrängt.

LEUTWILER: Ja, in vielen Fällen hat man die Länder geradezu animiert, über ihre Verhältnisse zu leben, indem man ihnen die Illusion vermittelte, das Geld werde unbegrenzt weiterfließen. Aber diese Länder nun nicht spüren zu lassen, daß sie Mißmanagement getrieben haben, sondern einfach auf Forderungen gegen sie zu verzichten - dies wäre meines Erachtens verhängnisvoll.

SPIEGEL: Sie haben also pädagogische Absichten?

LEUTWILER: Wahrscheinlich bin ich ein verhinderter Pädagoge, ein verhinderter Studienrat.

SPIEGEL: Aber als Pädagoge darf man auch nicht zu streng sein. Muß man den Ländern nicht wenigstens mit niedrigeren Zinsen entgegenkommen, damit sie auf Besserung hoffen können?

LEUTWILER: Gut, sprechen wir mal über realistische Hoffnungen und machen keine Scherze über ein ernstes Thema. Ich bin der Meinung, daß die Banken bei den Zinsen gewisse Konzessionen machen könnten, etwa garantieren könnten, daß die bislang variablen Zinsen nicht über ein bestimmtes Niveau steigen. Die europäischen Banken sind meines Erachtens dazu auch bereit.

SPIEGEL: Die amerikanischen nicht?

LEUTWILER: Da kommen wir auf ein Problem, das Ihnen vielleicht als Nebensache erscheinen mag, das aber eine recht große Rolle spielt. Die US-Banken müssen ständig höhere Gewinne ausweisen, um sich das Vertrauen der Öffentlichkeit zu erhalten. Dort wagen die Banken nicht, angemessene Rückstellungen für voraussichtliche Forderungsausfälle zu bilden, wie das die guten deutschen und schweizerischen Banken tun.

SPIEGEL: Woran liegt das?

LEUTWILER: Die US-Banken müssen jedes Quartal ihre Ergebnisse publizieren und trauen sich nicht, mal die Dividende zu kürzen oder gar ausfallen zu lassen. Die Bank, die damit anfängt, riskiert, daß man mit dem Finger auf sie zeigt, wie im Fall Continental Illinois.

SPIEGEL: Wäre es nicht die Aufgabe des Währungsfonds, die Banken zu günstigeren Konditionen bei den Krediten an die Dritte Welt zu drängen? Schließlich übt der Fonds ja auch zum Wohle der Geschäftsbanken Druck auf die Schuldner aus, damit die ihr Haus in Ordnung bringen.

LEUTWILER: Ich nehme den Währungsfonds insofern in Schutz, als er in der Anfangsphase harte Bedingungen für die Schuldnerländer stellen mußte, weil die Geschäftsbanken das verlangten. Die Banken wollten rasche Sanierungserfolge sehen. Ein Schweizer Bankier hat mir einmal gesagt: Langfristig ist für einen Bankier übermorgen.

SPIEGEL: Warum mußte der Fonds sich nach den Banken richten?

LEUTWILER: Weil der Großteil der neuen Kredite für die Schuldnerländer von den Geschäftsbanken kommen mußte und nur ein kleiner Teil vom Währungsfonds selber aufgebracht werden konnte, konnte der Fonds nicht anders handeln. Aber ich glaube, daß man inzwischen auch beim Währungsfonds Überlegungen anstellt, wie man den Schuldnern bei den Zinsen entgegenkommen kann. Der Währungsfonds ist

allerdings in einem gewissen Dilemma - wie ich persönlich übrigens auch. Wir können ja nicht dem Herrn Volcker ...

SPIEGEL: ... Ihrem amerikanischen Notenbank-Kollegen ...

LEUTWILER: ... sagen: Jetzt nimm doch endlich mal die Zinsen zurück.

SPIEGEL: Warum nicht?

LEUTWILER: Wie soll Volcker das machen? Wir können ihm doch nicht raten, eine expansive Geldpolitik zu betreiben. Das wäre das Dümmste. Das würde nur die Stabilitätserfolge in den USA und bei uns gefährden. Das darf der Währungsfonds nicht sagen, das dürfen wir Notenbankiers auch nicht sagen. Aber mit den Banken muß man reden, und diese Gespräche sind im Gange.

SPIEGEL: Wie groß ist denn die Bereitschaft der Banken zu Konzessionen?

LEUTWILER: Bei etlichen ist nicht viel Anstoß von außen nötig; aber es gibt noch immer Banken, vor allem US-Banken, die möglichst lange so tun wollen, als laufe der Schuldendienst ganz normal. Diese Banken haben Mühe, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie nur eine Illusion aufrechterhalten.

SPIEGEL: Sind da nicht die Herren Zentralbankiers gefordert, solche Geschäftsbanken an die Kandare zu nehmen? Schließlich müssen die Notenbankiers ja auch einspringen, wenn es gilt, einen Banken-Kollaps zu verhindern.

LEUTWILER: Sollen wir intellektuell Ratgeber spielen - auch wenn unser Rat nicht gefragt ist? Oder sollen wir Druck ausüben auf die Banken?

SPIEGEL: Notfalls Druck ausüben.

LEUTWILER: Da habe ich gewaltige Hemmungen. Wenn wir den Banken sagen: Jetzt müßt ihr dies oder das tun, können die bei Verlusten sagen: Ihr habt uns das eingebrockt. Wir sind nicht die Kindermädchen der Banken!

SPIEGEL: Aber wenn eine Bank pleite zu gehen droht, werden Sie das rettende Kindermädchen sein.

LEUTWILER: Das kann ich ja nur Ihnen sagen, aber nicht den Banken.

SPIEGEL: Meinen Sie, die lesen alle den SPIEGEL nicht?

LEUTWILER: Nein, natürlich haben Sie recht; aber es sind ja nicht nur die ganz großen Banken, die Kredite an die Entwicklungsländer gegeben haben. Wir würden keineswegs jede Bank auffangen, die in Schwierigkeiten gerät.

SPIEGEL: Eine kleine oder mittlere Bank kann man schon mal pleite gehen lassen, aber eine große nicht.

LEUTWILER: Meine Herren, es wäre ein bedauerliches Mißverständnis, wenn Sie glauben, daß irgend jemand in diesem Hause geradesteht für jede der über 500 Banken in der Schweiz. Denken Sie nicht, Sie können nach diesem Gespräch zu irgendeiner Bank gehen, zweite Etage, dritte Tür rechts, Hinterhof, und dort Ihr Geld für ein halbes Prozent mehr anlegen, weil das Geld auch da sicher ist. So eine Bank lassen wir mit jeder Garantie pleite gehen.

SPIEGEL: Mit dem Großschuldner Mexiko haben die Banken jetzt eine Vereinbarung getroffen ...

LEUTWILER: ... da war man sehr generös.

SPIEGEL: Generös nennen Sie, wenn Mexiko 1,1 Prozentpunkte über dem zwischen Banken in London üblichen Zinssatz zahlen muß?

LEUTWILER: Generös war man vor allem, was die Laufzeit betrifft.

SPIEGEL: Die Banken wollen den Mexikanern für die Rückzahlung der

Kredite bis zu 14 Jahre Zeit geben. Aber genügt es, die Schulden einfach von den 80er in die 90er Jahre hineinzuschieben?

LEUTWILER: Das ist doch ein zutiefst menschlicher Zug, daß man die Problemverschiebung der Problemlösung vorzieht: entweder die zeitliche Verschiebung - morgen oder in einem Jahr oder in zehn Jahren - oder die Verschiebung auf eine andere Ebene.

SPIEGEL: Im Fall Argentinien findet die Problemverschiebung derzeit noch von Quartal zu Quartal statt. Weil noch kein Umschuldungspakt geschlossen ist, wird nun herumgetrickst, damit es so aussieht, als zahlten die Argentinier noch jedes Vierteljahr pünktlich ihre Zinsen.

LEUTWILER: Ich weiß, ich begebe mich jetzt etwas aufs Glatteis, wenn ich sage: Für mich ist es nicht entscheidend, ob Argentinien Ende September oder Ende Oktober was zahlt oder vielleicht gar nicht mehr in diesem Jahr. Für mich ist entscheidend, was Argentinien wirtschaftspolitisch ändern will und ob es diesen Sanierungskurs auch politisch verkraften kann. Diesen Kurs können nur die Argentinier selber bestimmen. Man kann ihnen den nicht von außen vorschreiben.

SPIEGEL: Aber der Währungsfonds schreibt den Schuldnerländern regelmäßig vor, wie eng sie den Gürtel zu schnallen haben. Nach seinem Statut kann der Fonds nur Kredite mit einer Höchstlaufzeit von drei Jahren vergeben und tut daher so, als seien Länder wie Brasilien binnen drei Jahren zu sanieren. Müßte da nicht für einen längeren Zeitraum geplant werden können?

LEUTWILER: Der Währungsfonds kann nicht mehr tun, als ihm seine mächtigen Mitglieder zu tun erlauben. Das werden wir nächste Woche bei der Jahrestagung des Fonds wieder sehen.

SPIEGEL: Sie meinen damit die Amerikaner ...

LEUTWILER: ... so ist es ...

SPIEGEL: ... und die Deutschen, die sich gegen mehr Kompetenzen für den Fonds sperren. Nun lebt ja zur Zeit niemand so über seine Verhältnisse wie die Amerikaner, die auf ein Haushaltsdefizit von fast 180 Milliarden Dollar und ein Leistungsbilanzdefizit von etwa 100 Milliarden Dollar in diesem Jahr zusteuern. Warum können die sich das erlauben und andere nicht?

LEUTWILER: Moment, da gibt es einen ganz grundlegenden Unterschied. Die Amerikaner können sich noch lange erlauben, über ihre Verhältnisse zu leben, weil die übrige Welt bereit ist, das zu finanzieren. Außerdem gibt es keine Kapitalflucht aus den Vereinigten Staaten. Ganz im Gegenteil, es gibt einen Kapitalsog. Die Schuldenprobleme vieler Entwicklungsländer wären längst nicht so schwer, hätte es keine massive Kapitalflucht aus diesen Ländern gegeben. Die Kapitalflucht wiederum setzte ein, weil die Mißwirtschaft in diesen Ländern so groß war.

SPIEGEL: Haben die Amerikaner es nicht deshalb leicht, ungestraft über ihre eigenen Verhältnisse zu leben, weil sie sich in ihrer eigenen Währung verschulden können?

LEUTWILER: Natürlich haben die Amerikaner es einfach, weil sie die Währung fabrizieren, mit der die Welt bezahlt; aber sie werden nun gewissermaßen freiwillig finanziert. Die ganze Welt schimpft über das hohe US-Defizit; aber das hält niemanden davon ab, mit seinem Geld nach Amerika zu rennen und dort von den hohen Dollarzinsen zu profitieren.

SPIEGEL: Jeder Schuldner, der längere Zeit über seine Verhältnisse lebt, wird irgendwann mal dadurch diszipliniert, daß er die Devisen für die Schuldentilgung verdienen muß. Wer aber diszipliniert die Amerikaner?

LEUTWILER: Die machen eben die Weltwährung. Aber es gab immerhin eine Zeit - 1978/79/80 -, als der Dollar in den Keller ging und die Amerikaner am Flughafen in Zürich Mühe hatten, ihre Dollar noch einzuwechseln.

SPIEGEL: Die US-Regierung hat das wenig gestört. Die hat den Dollar seelenruhig in den Keller gehen lassen.

LEUTWILER: Die Welt hat damals jedenfalls nicht honoriert, daß die Amerikaner über ihre Verhältnisse lebten, daß sie durch eine expansive Geldpolitik die Inflation anheizten. So etwas rächt sich. Aber die Amerikaner sind nicht an allem Unheil in der Welt schuld. Sie haben einige Leistungen erbracht, zu denen wir in Europa offenbar nicht fähig sind. Sie haben Arbeitsplätze geschaffen. Sie haben ihre Konjunktur wieder in Fahrt gebracht. Wir haben uns da nur hinten drangehängt.

SPIEGEL: Ist es nicht paradox, daß trotz oder gerade wegen der amerikanischen Schuldenmacherei der Dollar so stark ist?

LEUTWILER: Das ist eben eine Folge der hohen Zinssätze. Der Devisenmarkt wertet das amerikanische Budget-Defizit offenbar geringer als die Attraktivität der hohen Zinssätze. Und der Markt hat immer recht.

SPIEGEL: Wie lange wird der Markt die Defizite noch so geringschätzen?

LEUTWILER: Das könnte sich heute nacht schon ändern. Es kann plötzlich am Markt das Gefühl aufkommen: Die Defizite sind doch zu arg. Dann sinkt der Dollarkurs. Aber ich glaube nicht, daß das schon bald eintritt. Ich glaube, daß wir wegen des enormen Zinsgefälles zwischen den USA und der Bundesrepublik, von der Schweiz ganz zu schweigen, noch einige Zeit einen recht hohen Dollarkurs haben werden.

SPIEGEL: Herr Leutwiler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN

Fritz Leutwiler *

ist seit 1974 Chef der Schweizerischen Nationalbank, der Notenbank der Schweiz, und seit Anfang 1982 Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Als Präsident der BIZ, einer von den westlichen Notenbanken getragenen Finanzinstitution, trug Leutwiler in den Jahren 1982/83 durch rasch Überbrückungskredite für zahlungsunfähige Schuldnerländer wie Mexiko und Brasilien daza bei, daß ein internationaler Finanzkollaps vermieden werden konnte. Der 60jährige Notenbankier, der seit 1952 der Schweizerischen Nationalbank angehört, legt - fünf Jahre vor Erreichen der Altersgrenze - seine Ämter auf eigenen Wunsch zum Jahresende nieder. In der Schweiz wird erwartet, daß Leutwiler im nächsten Jahr den Verwaltungsratsvorsitz beim Elektrokonzern BBC übernehmen wird, der seine Zentrale in Leutwilers Geburtsort Baden hat.

[Grafiktext]

HOHE SCHULDEN - HOHE ZINSEN Auslandsschulden der Entwicklungsländer in Milliarden Dollar Entwicklung der Zinsen in den USA Prime rate: Zinsen für erste Adressen in Prozent; Jahresdurchschnitte August Die zehn Länder mit der höchsten Auslandsverschuldung Brasilien Mexiko Argentinien Südkorea Venezuela Indonesien Philippinen Jugoslawien Chile Türkei (in Milliarden Dollar) Haushaltsdefizite der USA in Milliarden Dollar minus vorläufig

[GrafiktextEnde]

Wolfgang Kaden und Walter Knips, im Leutwiler-Büro in Zürich.

W. Kaden, W. Knips
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.