Wirecard-Betrug Zahl der Mitwisser offenbar viel größer als bisher angenommen

Der Wirecard-Skandal hätte wesentlich früher aufgedeckt werden können, wenn Mitwisser Alarm geschlagen hätte. Deren Zahl war nach Informationen des "Handelsblatts" wesentlich größer, als man bislang vermutet hatte.
Wirecard-Zentrale in Ascheim bei München: Monatsberichte für viele einsehbar

Wirecard-Zentrale in Ascheim bei München: Monatsberichte für viele einsehbar

Foto: Sven Hoppe / dpa

Warum blieb der Skandal um Wirecard so lange unbemerkt? Bislang verwiesen Aufseher und Mitarbeiter immer auf eine kleine Gruppe von Kriminellen, die ihr Unwesen im Verborgenen trieben.

Zehn Wochen nach der Insolvenz des Zahlungsabwicklers wächst nun die Zahl der Indizien dafür, dass es wohl nicht nur eine kleine Clique war, die von den aufgeblähten Umsätzen wusste. Insgesamt rund 250 Mitarbeiter hatten Zugriff auf monatliche Berichte, die Statistiken über die Umsätze der einzelnen Kunden enthielten, berichtet das "Handelsblatt" unter Berufung auf einen Insider. Damit hätten sie erkennen können, dass die internen Zahlen weit unter denen gelegen hätten, die das Unternehmen offiziell auswies.

Hinzu kämen intern sichtbare Umsatzeinbußen durch die Coronakrise, die ebenfalls in den Pflichtveröffentlichungen verschwiegen worden seien, berichtet die Zeitung weiter. Während die Fachabteilungen einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent ausgewiesen hätten, habe Unternehmenschef Markus Braun offiziell von einer stabilen Entwicklung gesprochen.

Für 2019 wurde intern ein reales Volumen von 61,3 Milliarden Euro gezählt. Den offiziellen Berichten zufolge hatte Wirecard aber angeblich mehr als das Doppelte gestemmt: 124,2 Milliarden Euro allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2019. Die monatlichen Berichte namens "Payment & Risk Monthly Reporting" seien "ebenso wichtig wie breit einsehbar" gewesen, so das "Handelsblatt".

Ein Ex-Manager von Wirecard erklärt die fehlende Reaktion der Mitarbeiter mit dem Asiengeschäft von Vorstand Jan Marsalek, das er als eine Art "Blackbox" beschrieb. Niemand habe genau wissen wollen, was Marsalek trieb, weil man schmutzige Geschäfte vermutet hatte.

Durch die neue Sachlage gerate auch Susanne Steidl in Erklärungsnot, die damals im Vorstand für die Produkte zuständig war und die Monatsberichte kritisch hätte hinterfragen müssen. Steidl arbeitet immer noch für Wirecard, wenn auch indirekt - sie hilft Insolvenzverwalter Michael Jaffé bei der Verwertung des ehemaligen Dax-Konzerns. Einen Kommentar habe Jaffé auf Anfrage abgelehnt, ebenso wie Wirecard selbst. Steidls Anwältin habe nicht auf telefonische und schriftliche Anfragen reagiert.

mik
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